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Mit Promotion steigen die Karrierechancen, allerdings bleiben Frauen an Hochschulen benachteiligt.  Foto: imago/photothek
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Update Wissenschaftlicher Nachwuchs Kaum Bewegung bei Arbeitsbedingungen unterhalb der Professur

Die Situation der Nachwuchswissenschaftler:innen hat sich seit 2017 kaum verändert. Allerdings steigen die allgemeinen Karrierechancen mit der Promotion. 

Für den wissenschaftlichen Nachwuchs haben sich die Arbeitsbedingungen an deutschen Hochschulen seit der letzten statistischen Datenerhebung von 2017 nicht wesentlich verbessert. Wie aus dem am Freitag vorgestellten Bundesbericht des Konsortiums Wissenschaftlicher Nachwuchs 2021 (BuWiN) - einem unabhängigen Autorenteam aus Hochschulen und Forschungseinrichtungen - hervorgeht, waren weiterhin etwa neun von zehn Nachwuchswissenschaftler:innen befristet beschäftigt.

Während es in dem Bericht vor vier Jahren 93 Prozent der unter 45-jährigen im Mittelbau der Hochschulen waren, ist die Zahl nur geringfügig auf 92 Prozent gesunken. An diesem Wert hat sich seit 2010 praktisch nichts verändert. Im Bereich der Forschungsinstitute fiel der Wert immerhin von 84 auf 72 Prozent. Die durchschnittliche Vertragslaufzeit liegt bei Promovierenden bei 22 Monaten, bei Post-Doc-Stellen bei 28 Monaten. 

Debatte um befristete Stellen

Über die Dauer von Anstellungsverhältnissen an den Hochschulen wird seit längerem gestritten. Während aus der Wissenschaft Stimmen betonen, dass es in der Natur des Systems liege, nach der Promotion nicht sofort auf Lebenszeit angestellt zu werden, argumentieren Gewerkschaften damit, dass für die Planbarkeit der Karriere und für die Familienplanung langfristige Anstellungsverhältnisse nötig sind. 

Ein Bekenntnis der Hochschulkanzler:innen zu befristeten Verträgen hatte im Oktober 2019 für Unverständnis bei Nachwuchswissenschaftler:innen und  Gewerkschaften gesorgt.

Die Zahl der Nachwuchswissenschaftler:innen an den deutschen Hochschulen insgesamt steigt weiter an, sind es nach den aktuellen Zahlen des Mikrozensus knapp 168.000, waren es 2017 noch 156.600. 

Seit der Jahrtausendwende war die Zahl von seinerzeit gut 82.000 kontinuierlich gewachsen. An den Hochschulen ist der Bestand des wissenschaftlichen und künstlerischen Personals unter 35 Jahren von 2005 bis 2008 um 78 Prozent gewachsen, bei den 35- bis 45-jährigen um 43 Prozent.

Die Forschungsinstitute verzeichneten hier lediglich acht beziehungsweise 20 Prozent Wachstum. Als Erfolg verzeichnet der Bericht, dass die Tenure-Track-Professur flächendeckend etabliert wird, sie richtet sich an den wissenschaftlichen Nachwuchs in einer frühen Karrierephase. 

Mit den unbefristeten Bund-Länder-Programmen „Zukunftsvertrag Studium und Lehre stärken“ und „Exzellenzstrategie“ habe der Bund gemeinsam mit den Ländern starke Anreize gesetzt, Dauerstellen zu schaffen, betonte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU).

Zudem verschaffe den außeruniversitären Wissenschaftsorganisationen der vierte „Pakt für Forschung und Innovation“ mit seiner zehnjährigen Laufzeit einzigartige finanzielle Planungssicherheit und optimale Rahmenbedingungen für die Nachwuchsförderung. „Wir erwarten, dass die Hochschulen und Forschungseinrichtungen auch tatsächlich mehr unbefristete Stellen schaffen.“ 

Auch beim Thema der befristeten Verträge sieht Karliczek noch Verbesserungspotenzial. „Die Befristungsquoten bei den Promovierten sind zwar leicht gesunken, bleiben aber zu hoch.“ Immerhin gebe es bei den 35- bis 45-jährigen mit 77 Prozent befristeten Verträgen eine leichte Besserung um drei Prozent gegenüber 2015.

„Die Tendenz stimmt, aber das, was wir uns vorstellen, ist noch nicht erreicht“, sagte Karliczek. „Um die guten Köpfe in der Wissenschaft zu halten, werden sich unsere wissenschaftlichen Institutionen mit den Karrierewegen des Nachwuchses wesentlich intensiver beschäftigen müssen.“

Kritik kam dazu von Seiten der Grünen: Das Bundesbildungsministerium habe unlängst erst eine Befristungsquote von maximal 50 Prozent als Ziel ausgegeben.  „Die heute vorgestellten Zahlen machen klar, dass wir davon noch meilenweit entfernt sind. Die Lage ist immer noch prekär“, sagte Kai Gehring, Sprecher für Forschung, Wissenschaft und Hochschule der Grünen-Bundestagsfraktion. Der Bericht müsse der Bundesregierung ein Ansporn sein, „die Lage der Wissenschaftler:innen endlich ernst zu nehmen, auf die Tagesordnung zu setzen und nachhaltig zu verbessern.“

Brandenburgs Wissenschaftsministerin Manja Schüle (SPD) sieht Nachholbedarf bei befristeten Arbeitsverträgen. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Brandenburgs Wissenschaftsministerin Manja Schüle (SPD) sieht Nachholbedarf bei befristeten Arbeitsverträgen. © Andreas Klaer

Brandenburgs Wissenschaftsministerin Manja Schüle (SPD) begrüßte zur Vorstellung des Berichts, dass es eine breite Debatte über unbefristete Stellen neben der Professur gibt. Denn der Nachwuchs erfülle eigenständige Aufgaben in Forschung und Lehre.

Dass unverändert über 90 Prozent der nichtprofessoralen Wissenschaftler:innen  unter 45 Jahren befristet beschäftigt sind (bei unter 35-Jährigen sind es 98 Prozent), sei eine „massive Ungerechtigkeit“. Schüle sagte: „Es gibt keinen Grund, Wissenschaftlerinnen oder Wissenschaftlern, die keine Professur bekleiden, schlechte Verträge zu geben.“ 

Scharfe Kritik von der Gewerkschaft

Noch schärfer kritisiert die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) die gegenwärtige Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses. „Zeitverträge mit kurzen Laufzeiten, Zwangsteilzeit mit unbezahlter Mehrarbeit, mangelnde Familienfreundlichkeit, Benachteiligung von Frauen – ein Ende der Misere für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in der Qualifizierungsphase sind, ist nicht in Sicht“, sagte der stellvertretende GEW-Vorsitzende Andreas Keller am Freitag.

Bund und Länder müssten nun endlich wirksame Maßnahmen für Dauerstellen für Daueraufgaben, faire Beschäftigungsbedingungen und verlässliche Karrierewege ergreifen: „Eine umfassende Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes, einen Ausbau der Grundfinanzierung der Hochschulen und eine Reform der Personalstruktur in Hochschule und Forschung.“

Den Anteil der befristeten Beschäftigungsverhältnisse bezeichnete Keller als „alarmierend“. „Die Gesetzesnovelle von 2016 dämmt das Befristungsunwesen an Hochschulen nicht ein und muss dringend nachgeschärft werden.“ Die Laufzeiten der Arbeitsverträge bezeichnete der GEW-Vize als „nach wie vor unterirdisch“.

Aus dem Bericht geht hervor, dass die durchschnittliche Dauer eines Arbeitsvertrags mit Promovierenden 22 Monate beträgt, bei Post-Docs sind es 28 Monate. Da der Bericht gleichzeitig angibt, dass eine Promotion durchschnittlich sechs Jahre dauert, hält Keller diese kurzen Laufzeiten nicht für sachgerecht, Kettenverträge seien die Folge.

Frauen weiter benachteiligt 

Auch bei der Förderung des weiblichen Nachwuchses gibt es kaum Bewegung. Nach wie vor sinkt der Anteil der Frauen in der Wissenschaft mit fortschreitender Qualifizierungsstufe. Liegen die Geschlechter beim Hochschulabschluss noch weitgehend gleichauf, geht mit der Promotion, Habilitation und der Berufung die Schere weit auseinander. Allerdings hat sich der Frauenanteil im Zeitverlauf in allen Gruppen sukzessive erhöht. 

Das Geschlecht beeinflusst auch die Aufnahme einer Promotion. Die Befragung hat ergeben, dass die Wahrscheinlichkeit eine Promotion zu beginnen, bei Frauen geringer ist als bei Männern und bei Personen mit Kindern geringer als bei Kinderlosen. 

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek CDU hält die Förderung von Chancengerechtigkeit für Frauen in der Wissenschaft für wichtig. Foto: imago images/Xander Heinl/photothek Vergrößern
Bundesbildungsministerin Anja Karliczek CDU hält die Förderung von Chancengerechtigkeit für Frauen in der Wissenschaft für wichtig. © imago images/Xander Heinl/photothek

Bundesbildungsministerin Karliczek bezeichnete in diesem Zusammenhang das Tenure-Track-Programm als „Lichtblick“, seien doch etwa die Hälfte der bislang geförderten Professuren mit Frauen besetzt. „Frauen sind auf allen Karrierestufen sehr, sehr wichtig“, sagte Karliczek. Gleichzeitig werden an den Hochschulen mehr Professuren frei, da der Anteil der altersbedingt ausscheidenden Professor:innen gegenwärtig stark ansteigt.

Auch zeigen die neuen Daten, dass der Anteil von Frauen an Bewerbungen auf Professuren im Zeitverlauf deutlich angestiegen ist. Von 1997 bis 2018 stieg die Zahl der Bewerbungen von 13 auf 29 Prozent, die der Listenplätze von 15 auf 33 Prozent und die der Berufungen von 17 auf 34 Prozent.

Kein Fortschritt beim Thema Familie

Sorgenkind an den Hochschulen bleibt das Thema Vereinbarkeit von Familie mit der akademischen Karriere. Nachwuchswissenschaftler:innen gründen demnach nach wie vor seltener Familien als altersgleiche Hochschulabsolvent:innen, die außerhalb der Wissenschaft beschäftigt sind. Der Geschlechterunterschied bei der Elternschaft ist dabei zwar eher gering, sowohl in der Promotions- als auch in der Post-doc-Phase haben Männer nur etwas häufiger Kinder als Frauen. 

Allerdings holen Männer die Familiengründung sehr viel häufiger als Frauen nach der Erlangung einer Professur nach. „Obwohl der Kinderwunsch, wie schon die Befragung 2017 ergab, beim wissenschaftlichen Nachwuchs groß ist, ist zu vermuten, dass insbesondere bei den Wissenschaftlerinnen ein hoher Anteil kinderlos bleibt“, schreiben die Autoren des Berichts.

Berufliche Unsicherheit sowie mangelnde Vereinbarkeit und eine geringe finanzielle Sicherheit seien die zentralen Gründe der Befragten, bestehende Kinderwünsche – zumindest in der Promotionszeit – nicht zu realisieren.

Gut ein Drittel der Nachwuchswissenschaftler:innen sind in Teilzeit beschäftigt. Promovierende finanzieren ihren Lebensunterhalt mehrheitlich über eine Beschäftigung an einer Hochschule beziehungsweise Forschungseinrichtung. In den verschiedenen Fächern gibt es bei den Promotionen starke Differenzen: Während in der Fächergruppe Kunst, Kunstwissenschaft nur rund vier Prozent promovieren, sind es in der Fächergruppe Humanmedizin und Gesundheitswissenschaften 57 Prozent. 

Gute Aussichten für Promovierte

Der Schwerpunkt der für den aktuellen Bericht im Jahr 2019 vorgenommenen Befragungen liegt diesmal auf den Karriereverläufen der Promovierten. Hier kommen die Statistiker zu durchweg positiven Ergebnissen. So liegt die Arbeitslosenquote bei Absolventen mit Doktortitel unter zwei Prozent. Die Ergebnisse zeigen auch, dass ein Jahr nach der Promotion etwa vier von fünf Promovierten in Vollzeit tätig sind. 

Der aktuelle Bericht zeige, dass unter Promovierten Vollbeschäftigung herrscht, betonte Bundesbildungsministerin Karliczek. „Wer promoviert, kommt also auf dem Arbeitsmarkt unter. Mehr noch: Eine Promotion eröffnet Chancen auf hervorragende Karriereverläufe.“

Nach wie vor arbeiten die meisten Promovierten zehn Jahre nach ihrem Abschluss in der Wirtschaft (44,5 Prozent) und ein gutes Drittel im öffentlichen Dienst. Nur etwa 22 Prozent verbleiben an den Hochschulen, die Zahl ist seit 2017 (19 Prozent) immerhin leicht gestiegen. Das Einkommen von Promovierten liegt höher als das von Absolventen ohne Doktorgrad. 

Die Differenz des Bruttojahreseinkommens liegt demnach bei Vollzeittätigkeit fünf Jahre nach dem Abschluss bei etwa 10.000 Euro. Zudem nehmen Promovierte mit einer höheren Wahrscheinlichkeit Führungsposition ein, und sie sind überwiegend adäquat beschäftigt, also ihrer persönlichen Kompetenz entsprechend.

Immerhin sei aber die Chance auf eine Professur für Promovierte ungefähr auf dem Niveau der Vorjahre geblieben. Parallel zur der wachsenden Zahl von Nachwuchsakademiker:innen - knapp 174.000 Promovierende weist der Bericht aktuell aus - sei es gelungen, die Zahl der Professuren weiter zu erhöhen, sagte Ministerin Karliczek. 

Den immer wieder erhobenen Vorwurf, dass es zu viele Doktoranden in Deutschland gäbe, wies der Vorsitzender des wissenschaftlichen BuWiN-Beirats, Karl Ulrich Mayer, zurück. Vielmehr liege die Zahl international eher im Mittelfeld. „Wir brauchen eher mehr Promotionen“, sagte er am Freitag. Dass Frauen bei der Promotions-Quote deutlich aufholen, begrüßte der Soziologe. 

Mayer sagte zudem, dass die Coronakrise nach seiner Auffassung für die Wissenschaft einen massiven Einschnitt bedeuten werde: Weniger Auslandsaufenthalte, weniger reale Konferenzen, Einbrüche bei persönlichen Netzwerken, Probleme beim Abschluss von Arbeiten und Übergängen. „Wir werden da noch deutliche Probleme sehen.“

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