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Ein historisches Gebäude steht an einem großen Platz in Berlin. Foto: imago images/Joko
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Wissenschaftlicher Brexit-Umzug aus London Zentrum für bedrohte Sprachen kommt an die Berliner Akademie

Dokumentation und Archiv für weltweit gefährdete Sprachen: Mit 21 Millionen Euro für zehn Jahre ein bedeutender Zuwachs für die Berliner Wissenschaft.

Rapanui, Lasisch, Inupiaq und Burunge gehören zu den weltweit rund 3000 aussterbenden oder wegen geringer Sprecherzahlen bedrohten Sprachen. Zu den Rettungsversuchen zählt, sie wissenschaftlich zu dokumentieren – schriftlich oder als Tondokumente. Ein neuer, international vernetzter Forschungsschwerpunkt zu seltenen und gefährdeten Sprachen entsteht nun in Berlin – in räumlicher Nähe zum jetzt eröffneten Humboldt Forum mit seinen ethnologischen Sammlungen.

Das Endangered Languages Documentation Programme (ELDP) und das Endangered Languages Archive (ELAR) wechseln von der SOAS University in London an die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW) mit Sitz am Gendarmenmarkt in Berlin-Mitte. Finanziert werden ELDP und ELAR seit 2002 vom Arcadia Fund, einer gemeinnützigen Stiftung, die Kulturgüter und Ökosysteme schützen will.

Der Arcadia Fund habe zugesagt, das Berliner Zentrum zur Dokumentation bedrohter Sprachen für die kommenden zehn Jahre mit 21 Millionen Euro zu finanzieren, teilte die BBAW mit. Geleitet wird das Zentrum wie schon in London von der Linguistin Mandana Seyfeddinipur.

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Sie will in Berlin an große Traditionen anknüpfen: „Das ELAR verwirklicht Wilhelm von Humboldts Vision, die Sprachen in ihrer Diversität zu dokumentieren, zu vergleichen und zu verstehen.“ Sprachdaten zu gefährdeten, aber auch zu anderen Sprachen sollten zusammengetragen, digital vorgehalten und allgemein zugänglich gemacht werden.

Internationale Forschung in Großbritannien erschwert

Akademiepräsident Christoph Markschies erklärte, er sei „stolz, dass dieses großartige Projekt an der Akademie eine neue Heimat finden wird“. Die BBAW könne nun ihren Sprachen-Schwerpunkt ausbauen.

Warum die beiden Einrichtungen London verlassen, erklärte Manfred Krifka, Direktor des ebenfalls beteiligten Leibniz-Zentrums für Allgemeine Sprachwissenschaft (ZAS): Nach dem Brexit sei diese Art der Forschung mit vielen internationalen Kontakten sehr viel leichter von Berlin aus zu betreiben – etwa wegen der erschwerten Visabedingungen und der hohen Lebenshaltungskosten in Großbritannien.

So hat das ZAS bereits im Auftrag von ELDP und ELAR eine Sommerschule für Wissenschaftler:innen aus der MENA-Region und eine Konferenz für bedrohte Iranische Sprachen ausgerichtet.

Ein Team von Japanischen Linguist:innen spricht mit einer Ainu-Sprecherin (Aufnahme von 1962). Foto: mauritius images/Alamy/Michele and Tom Grimm Vergrößern
Ein Team von Japanischen Linguist:innen spricht mit einer Ainu-Sprecherin (Aufnahme von 1962). © mauritius images/Alamy/Michele and Tom Grimm

Auf der Homepage des ELDP heißt es, man schlage „nach 19 wertvollen Jahren an der SOAS University of London“ in Berlin ein neues Kapitel auf. Das Archiv ziehe „mit uns nach Berlin, um den reibungslosen Ablauf der Archivierung zu gewährleisten“. Zudem wird versichert: „Die Bedingungen und Garantien bleiben gleich und SOAS und BBAW werden weiterhin zusammenarbeiten.“

Markschies begründete, warum die Einrichtung in Berlin an der richtigen Stelle ist. Die Stadt sei unter anderem durch das Humboldt Forum und ZAS „ohnehin ein Zentrum für (bedrohte) Sprachen“ und verfüge mit dem eigenen Zentrum für digitale Lexikographie über beste Voraussetzungen, „Potenziale zusammenzuführen, Synergien zu nutzen und im digitalen Zeitalter auf eine große Lösung hin zu arbeiten“.

"Die Akademie wird jünger und diverser"

Er freue sich auch „auf die vielen Stipendiatinnen und Stipendiaten aus aller Welt und die Wissenschaftlerinnen, die aus London zu uns kommen“. Durch sie werde die Akademie „jünger, diverser und für Berliner:innen noch interessanter“. Zentrumsleiterin Mandana Seyfeddinipur lebt bereits in Berlin, wo sie einst in Linguistik und Persischen Studien an der Freien Universität ihren Magister machte. In den vergangenen drei Jahren war sie als Gastwissenschaftlerin am ZAS tätig.

Nicht nur mit dem Humboldt Forum, das über historische Sprachaufnahmen indigener Völker verfügt, und mit dem ZAS, wo auch zu kleinen Sprachen in Westafrika und Neuguinea geforscht wird, soll das neue Zentrum zusammenarbeiten. Eine enge Kooperation sei auch mit dem Max-Planck-Institut für Psycholinguistik und seinem Archiv bedrohter Sprachen in Nimwegen geplant, erklärte Markschies.

Aufgebaut wurde es von Wolfgang Klein, dem Leiter des digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache an der BBAW. Das ZAS wiederum verbindet Ausbaupläne mit dem Umzug des Zentrums: Es plant eine Erweiterung um den Aspekt der Diversität von Sprachen und Sprechern.

Ein eigenes Berliner Projekt hat das neue BBAW-Zentrum auch schon: Gesucht wird nach hiesigen „Sprachinseln“ etwa von arabischen Lokaldialekten des Syrisch-Arabischen oder des Aramäischen.

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