Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller erkundet das Lautarchiv der Humboldt-Universität. Foto: Wolfgang Kumm/dpa
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Wissenschaftliche Sommertour Michael Müllers déjà vu im Lautarchiv

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Bei einer Sommertour trifft der Regierende Bürgermeister im Lautarchiv der Humboldt-Uni auf einen Vorgänger - und dessen Vision von der wachsenden Stadt.

„Ein großes Schnellbahnnetz zu bauen, das den Anforderungen des Verkehrs gerecht wird, schafft die Grundbedingung für das Wiederaufleben der Wirtschaft in Berlin.“ Es spricht der Bürgermeister von Berlin, nicht Michael Müller, sondern Oberbürgermeister Gustav Böss, der 1926 seine Vision „Das neue Berlin“ kundtut.

Der Regierende Bürgermeister und Wissenschaftssenator lauscht dem Tondokument am Mittwoch im Lautarchiv der Humboldt-Uni und kommentiert ganz ernsthaft, auch aktuell sei ja der „Ausbau der Verkehrswege für die wachsende Stadt“ ein Thema.

Heikle Aufnahmen von Kriegsgefangenen

Müller ist auf Sommertour zum Schwerpunktthema Digitalisierung. Nicht alle Tondokumente aus dem 1920 gegründeten Lautarchiv kann man Besuchern so augenzwinkernd vorspielen, und das, was schon digitalisiert ist, darf nicht jeder ohne weiteres anhören. Am Anfang der Sammlung standen Stimmaufzeichnungen von Kriegsgefangenen des Ersten Weltkriegs – und die haben eine „komplexe kulturelle und politische Dimension“, wie Sammlungsleiter Sebastian Klotz erläutert. Inwieweit standen die Kriegsgefangenen bei den Aufnahmen unter Zwang? Was spielte bei der Zuordnung zu Sprachgruppen an „kolonialen Assoziationen“ mit?

Mit solchen Fragen ist das Archiv ab 2019 im Humboldt-Forum richtig angesiedelt. Damit verbindet Klotz auch die Hoffnung, endlich eine hauptamtliche Kustodie-Stelle zu bekommen, gibt er Müller mit auf den Weg.

Die Akademie der Wissenschaften will "Ewigkeitsprojekte"

Noch tiefer in die digitalen Geisteswissenschaften taucht Müller an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften ein, wo große Editionen wie „Alexander von Humboldt auf Reisen“ und das „Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache“ angesiedelt sind. Doch auch Akademie-Präsident Martin Grötschel mahnt beim Digitalisieren etwa der unzähligen Reise-Korrespondenzen Humboldts zur „Vorsicht!“. Man könne große Teile der 6,5 Kilometer laufenden Meter Archivmaterial der Akademie nicht maschinell einscannen, denn die Notizen der großen Forschenden sind alles andere als leserlich. Auch deshalb legt Grötschel dem Regierenden neue „Ewigkeitsprojekte“ ans Herz, die als Akademie-Institute dauerhaft finanziert werden sollten.

Digitales Parkraumkonzept vor bürokratischen Hürden

Im Leistungszentrum digitale Vernetzung arbeiten vier Fraunhofer-Institute – gefördert vom Land Berlin und von Unternehmen – an smarten Lösungen für die Industrie 4.0 oder für die Mobilität in der Zukunftsstadt. Unverhofft schließt sich hier der Kreis zur Rede von Müllers Vorgängers von 1926. Gefragt nach einem Wunsch an den Regierenden berichtet der Sprecher des Leistungszentrums von bürokratischen Schwierigkeiten, Sensorkameras zu installieren, um eine neuartige Parkraumbewirtschaftung am Ernst-Reuter-Platz zu modellieren. Da sei wohl das Bezirksamt zuständig, sagt Müller mit einem feinen Lächeln. Aber die Millionen-Förderung für die nächsten Jahre hat er soeben zugesagt – nach einer bravourös überstandenen wissenschaftlichen Evaluation.

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