Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen und Masken werden noch lange notwendig sein. Foto: Robert Michael/dpa
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„Wir müssen extrem vorsichtig sein“ Drosten und Helmholtz-Forscher warnen vor zweiter Covid-19-Welle

Für Optimismus ist es zu früh, mahnen der Virologe Drosten und der Epidemiologe Meyer-Hermann. Eine zweite Infektionswelle könne deutlich verheerender sein.

Der Charité-Virologe Christian Drosten und der Epidemiologe Michael Meyer-Hermann warnen vor der Möglichkeit einer zweiten Welle an Covid-19-Infektionen, die die Folge zu früher Lockerungen der bestehenden Maßnahmen sein könnte.

Bereits am 13. April hatte die Helmholtz-Initiative eine Stellungnahme mit einer epidemiologischen Analyse der Covid-19-Epidemie herausgegeben. Im Tagesspiegel-Interview erläuterte Meyer-Hermann, warum auch eine Reproduktionszahl von 1 problematisch wäre.

Einen Impfstoff gebe es erst nächstes Jahr, eine Herdenimmunität würde 25 Jahre brauchen. Es brauche also jetzt über einen kurzen Zeitraum hinweg strenge Kontakteinschränkungen, um das Virus auszutrocknen.

In der ARD-Talkshow „Anne Will“ bekräftigte Meyer-Hermann, der ursprünglich Mathematiker und Philosoph ist, diese Einschätzung. Die vergangene Woche hätte ihn in diesem Kurs noch bestätigt, sagte Meyer-Hermann. Durch angekündigten Lockerungen, die Bund und Länder beschlossen hatten, sei in der Bevölkerung das Gefühl entstanden, das Problem sei bereits gelöst. „Das ist aber nicht der Fall“, sagte Meyer-Hermann.

Niedrige Reproduktionszahl sei „Artefakt der Osterwoche“

Außerdem kam die Reproduktionszahl von 0,7 hinzu, die das Robert Koch-Institut am 16. April meldete. Die Zahl beschreibt, wie viele andere ein Infizierter ansteckt, das von der Politik vorgegeben Ziel war, sie unter 1 zu senken. Meyer-Hermann nennt die Zahl „nichts anderes als ein Artefakt der Osterwoche“.

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Sie sei künstlich entstanden, da in der Osterwoche weniger Fälle gemeldet worden seien und steige jetzt bereits wieder an. Inzwischen liege sie bei 0,8. Meyer-Hermann geht aber davon aus, dass sie wieder auf 1 steigen wird, zumal es an den Ostertagen vermutlich mehr Kontakte als sonst gegeben habe. Die Zahl sei also kein Grund zur Erleichterung.

Interaktive Karte

Der Wissenschaftler nannte zwei mögliche Wege im Umgang mit der Epidemie. Der eine Weg ist, die Reproduktionszahl bei um die 1 zu lassen. „Wenn wir das tun, werden wir uns über einen sehr langen Zeitraum mit Beschränkungen auseinandersetzen müssen“, so Meyer-Hermann. Das Gesundheitssystem würde nach Berechnungen der Helmholtz-Initiative dann zwar stabil bleiben, aber Lockerungen in großem Maße könnte es nicht geben.

Keine klare Entscheidung aus der Politik

„In dem Moment, wo wir mit den Lockerungen über ein gewisses Maß hinausgehen, werden wir wieder in das exponentielle Wachstum des Virus kommen“, erklärte der Epidemiologe. Dann hätte man Verhältnisse wie in Italien oder New York, wäre handlungsunfähig und müsste erneut einen Lockdown verhängen. Diese Option sei also eine „permanente Gratwanderung“.

Michael Meyer-Hermann, Leiter der Abteilung System-Immunologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, zu Gast bei Anne Will. Foto: imago images/Jürgen Heinrich Vergrößern
Michael Meyer-Hermann, Leiter der Abteilung System-Immunologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, zu Gast bei Anne Will. © imago images/Jürgen Heinrich

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Die zweite Option, die der Epidemiologe bevorzugt, ist der Versuch, das Virus auszutrocknen. Dafür müssten strenge Kontaktverbote noch mehrere Wochen gelten. Wenn durch radikale Maßnahmen in einem relativ kurzen Zeitfenster Kontakte so sehr reduziert würden, dass sich das Virus nicht mehr verbreiten kann, gäbe es die Chance, die verbleibenden Fälle mit Methoden wie Kontakt-Tracing durch Apps und Tests zu kontrollieren.

Die Epidemie wäre dann ein „beherrschbares Problem“, Wirtschaft und gesellschaftliches Leben könnten „zur alten Normalität“ zurückkehren.

Die Reproduktionszahl müsse für dieses Szenario bei 0,2 oder 0,3 liegen. Meyer-Hermann kritisierte Bund und Länder dafür, dass keine grundsätzliche Entscheidung getroffen worden sei, welchen dieser Wege man einschlagen wolle. „Es sieht so aus, als wollten wir die Koexistenz mit dem Virus“, sagte er.

Unterstützung von Drosten und Karl Lauterbach

„Wir müssen extrem vorsichtig sein“, warnte Meyer-Hermann. Die Konsequenzen jeder Lockerung könnten erst zwei Wochen nach der Einführung beurteilt werden. Angela Merkel habe mit ihrem Aufruf zur Vorsicht „verdammt nochmal recht“.

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Die Kanzlerin hatte vergangene Woche vorgerechnet, dass schon ein geringer Anstieg der Reproduktionszahl zu einer Überlastung des Gesundheitssystems führen könne. „Der Spielraum ist klein“, sagte sie. Bei „Anne Will“ äußerte sich auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) vorsichtig. Die Maßnahmen würden „an die Grenze dessen gehen, was verantwortbar ist“, sagte er.  

Unterstützung für seine Aussagen bekam Meyer-Hermann vom Charité-Chefvirologen Christian Drosten. Der teilte am Sonntag einen Tweet des SPD-Gesundheitspolitikers Karl Lauterbach. Lauterbach sprach sich für den Weg des Helmholtz-Forschers aus, jetzt die Reproduktionszahl zu drücken, anstatt harte Einschränkungen für bis zu zwei Jahre zu haben. „Die Alternative hätte er genau wie ich bevorzugt: Jetzt runter auf 0,2, dann jeden neuen Fall verfolgen“, schrieb Lauterbach.

Drosten schrieb auf Twitter, ihm sei nicht klar gewesen, wie sehr die gültigen Distanzierungsmaßnahmen von allen Seiten infrage gestellt würden. „Bei R=1 verbreitet sich das Virus unter der Decke der Maßnahmen weiter“, schrieb Drosten. „Auch jetzt schon.“

Im NDR-Podcast hatte er anhand der Spanischen Grippe erläutert, wie die zweite Welle einer Epidemie verlaufen könnte. Momentan gebe es noch deutlich regionale Unterschiede bei den Fallzahlen in Deutschland, so Drosten. Diese werden sich aber immer weiter verwischen.

Bei der Spanischen Grippe, der zwischen 1918 und 1920 weltweit zwischen 25 und 50 Millionen Menschen zum Opfer fielen, sei dies am Anfang genauso gewesen, sagte Drosten. In den USA habe man die Krankheit im Frühjahr nur an einigen Orten überhaupt bemerkt. Im Sommer habe sich die Krankheit durch das wärmere Wetter abgeschwächt und sei gar nicht mehr bemerkt worden.   

Infektionsketten an allen Orten gleichzeitig

„Unter der Decke dieses saisonalen Effektes – da können wir vielleicht uns jetzt auch vorstellen, unter der Decke der sozialen Distanzierungsmaßnahmen, die im Moment in Kraft sind – hat sich diese Erkrankung aber unbemerkt viel besser gleichmäßig geografisch verteilt“, erklärte Drosten. „Und als man bei der Spanischen Grippe dann in eine Winterwelle gekommen ist, war die Situation auf einmal ganz anders.“

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin. Foto: Christophe Gateau/dpa Vergrößern
Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin. © Foto: Christophe Gateau/dpa

Infektionsketten seien an allen Orten gleichzeitig losgegangen, da sich das Virus überall unbemerkt verteilt hatte.  Dieser Effekt werde sich auch in Deutschland einstellen, so Drosten. Es gebe keine kompletten Ausgangs- und Reisesperren und damit auch keine Nullübertragung. Das Virus verbreitet sich also weiter, bei einer Reproduktionszahl von etwa 1, teilweise auch niedriger.

Hintergründe zum Coronavirus:

Das Institut für Virologie der Charité habe erforscht, dass die Viren in Deutschland sich bereits stark durchmischen und alle Viren allmählich an allen Orten zu finden sind. „Das Virus wird sich jetzt über die nächsten Wochen und Monate und über den Sommer in ganz Deutschland weiter verteilen“, sagte Drosten. Auch unter dem Deckel der Maßnahmen, die bereits in Kraft sind.

Wenn sich das Virus dann im Winter plötzlich von überall gleichzeitig starten würde, hätte diese Infektionswelle eine „ganz andere Wucht“, so Drosten. Das sei eine der vielen Gefahren bei einer kontrollierten Verbreitung, die selten diskutiert würde. Er wolle kein starkes Plädoyer für eine Seite abgeben, sagte Drosten. „Aber es laufen im Hintergrund Veränderungen von so einer Epidemie, die man auch mit einberechnen muss.“

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