Goldenes Handwerk aber blecherne Titel. Der „Meister“ soll mit neuen Begriffen international aufgewertet werden. Das halten Kritiker für Etikettenschwindel. Foto: imago/photothek
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WIARDA will’s wissen Meister brauchen keinen neuen Titel

Bildungsministerin Anja Karliczek will den Meister-Titel stärken, Etikettenschwindel nennen das andere. Unser Kolumnist meint zu dem Streit: Einigt Euch!

Die Hartnäckigkeit, mit der dieser Konflikt ausgefochten wird, ist bemerkenswert. Auf der einen Seite: Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU), unterstützt von Handwerkerverbänden und Handelskammern. Sie will, dass die beruflichen Abschlüsse in Deutschland neue Bezeichnungen bekommen, darunter die Fortbildungsstufen „Bachelor Professional“ und „Master Professional“.

Sie sollen, wie Karliczek betonte, zusätzlich eingeführt werden, um einen bestehenden Titel wie den Meister „zu stärken und international noch sichtbarer zu machen“. Auf der anderen Seite: die Kultusminister der Länder, die Hochschulrektorenkonferenz, die Gewerkschaften und die BDA. Sie fürchten „Missverständnisse zu Lasten von Hochschulabsolventen“ und sprechen von einem „Etikettenschwindel“.

So geht das munter hin und her, ein Jahr schon, seit Karliczeks Ministerium erstmals seine Pläne auf den Tisch gelegt hat. Doch jetzt ist der Showdown nahe. Der Bundestag hat die Novelle des Berufsbildungsgesetzes im Oktober beschlossen, zu der unter anderem eine Mindestausbildungsvergütung gehört, aber eben auch die umstrittenen Titel – trotz der Proteste. Einziger Unterschied: Aus den ursprünglich vorgesehenen „Berufsbachelor“ und „Berufsmaster“ machte Karliczek die oben erwähnten englischsprachigen Versionen.

Die Länder scheinen darin weniger ein Zugeständnis als einen Winkelzug zu sehen. Sie fühlen sich missachtet, weshalb der Kulturausschuss des Bundesrates vergangene Woche dafür votiert hat, den Vermittlungsausschuss anzurufen. Die Länderkammer wird dem Votum vermutlich Ende des Monats folgen. Organisiert hat den Widerstand das baden-württembergische Kultusministerium, besonders engagiert geäußert hat sich in den vergangenen Monaten unter anderem die dortige Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne), die eine "Pseudoakademisierung" fürchtet.

Zwei Züge, die aufeinander zurasen

Und nun? Und nun, sagte Bauer in der „Süddeutschen Zeitung“, müsse der Vermittlungsausschuss „einheitliche und eigenständige Titel für die beruflichen Fortbildungsstufen entwickeln“. Das klingt nach zwei Zügen, die auf einem Gleis aufeinander zurasen. Karliczek sagt: Erst durch die neuen Titel gibt es wirkliche Transparenz, erst dann wird deutlich, dass die berufliche Bildung auch formal auf derselbe Stufe mit einem Studium steht. Bauer sagt: Die berufliche Bildung stärkt man nicht durch semantische Kopien, sondern durch Begriffe, die ihre Eigenständigkeit betonen.

Man kann den Kontrahentinnen nur empfehlen: Jetzt einigt euch. Und rüstet ab. Bauer sollte aufhören, Karliczek „schlechten Stil“ vorzuwerfen, weil sie die von vielen begrüßte Mindestausbildungsvergütung in einen Gesetzentwurf mit den neuen Titeln gepackt hat. Das ist Politik, und das ist in Ordnung so. Karliczek aber sollte sich umgekehrt fragen, ob sie der von ihr so hochgehobenen Gleichwertigkeit beruflicher und akademischer Bildung wirklich einen Gefallen tut. Die gegenwärtige so hitzig geführte Debatte zementiert die Kluft und verringert sie nicht. Und Karliczek sollte eingestehen, dass die Begriffe tatsächlich missverständlich sind. Nur mal so als Beispiel: Wie übersetzt sich denn der Meister in die neuen Titel? Als Master Professional? Nein, eben nicht. Als Bachelor Professional.

[ Der Autor ist Journalist für Bildung und lebt in Berlin. Auf seinem Blog www.jmwiarda.de kommentiert er aktuelle Ereignisse in Schulen und Hochschulen.]

Je länger der Streit weitergeht, desto mehr leidet die Bildungspolitik insgesamt. Wie wäre es, fragen sich viele, wenn die Politik auch mal über Inhalte so enthusiastisch streiten würde wie über deren Verpackung?

Der Reformbedarf in der beruflichen Bildung ist nämlich tatsächlich riesengroß. Viele Schulabgänger empfinden sie als wenig attraktiv, sie ärgern sich über schlechte Gehaltsaussichten und unzeitgemäße Arbeitszeitmodelle. Die Übergänge zwischen den Ausbildungsberufen und der akademischen Welt sind theoretisch da, praktisch aber vielfach unbekannt und zu kompliziert. An all diesen Punkten will Anja Karliczek zu Recht ansetzen. Noch besser wäre es, wenn sie ihre Energie künftig ganz auf sie konzentrieren würde. Dann wären neue Titel gar nicht mehr so wichtig.

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