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Whatsapp-Logo. Foto: Lionel Bonaventure / AFP
© Lionel Bonaventure / AFP

Whatsapp in der Schule Datenkrake Whatsapp als Brücke zur fehlenden Bildungscloud

Christian Füller

Niedersachsen will den unsicheren Messenger-Dienst des Facebook-Konzerns für Lehrer und Schüler erlauben. Datenschützer reagieren empört.

Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) hat die datenschutzrechtlich umstrittenen Dienste Whatsapp und Skype für den Schulgebrauch freigegeben. Er schafft damit einen bundesweiten Präzedenzfall – der Messenger ist bislang an deutschen Schulen untersagt.

Die Landesdatenschutzbeauftragte Barbara Thiel schlägt deswegen öffentlich Alarm. Sie will den Kultusminister nun „direkt informieren“, wie vielfältig die Risiken des Messengers sind, teilte sie in einer Erklärung mit. Auch der Verein „Digitalcourage“ zeigte sich über die Freigabe von Whatsapp empört: „Die schuloffizielle Nutzung dieser Datenschleuder-App sollte verboten werden.“

In seinem Leitfaden „Schule in Corona-Zeiten“ hatte Schulminister Tonne am Freitag „die Verwendung von Privatgeräten sowie die Nutzung von Messengern und Clouddiensten, z.B. WhatsApp oder Skype“ an seinen Schulen akzeptiert. Datenschützerin Thiel hat ihn daraufhin erneut auf das besondere Risiko aufmerksam gemacht: „Bereits bei der Anmeldung zu WhatsApp werden alle im Telefon des Nutzers gespeicherten Kontaktdaten an den Anbieter übertragen“, schreibt Thiel.

Kaschierung zögerlicher Digital-Politik

Unbeteiligte Dritte, die im Nutzertelefon gespeichert sind, also etwa Lehrerkollegen, könnten „nicht in die Datenweitergabe einwilligen oder ihr widersprechen.“ Das bedeutet, der Kultusminister animiert seine Lehrer mit dem Leitfaden zur Weitergabe auch von Schülerdaten und zum Verstoß gegen die Datenschutzgrundverordnung. Tonne sieht hingegen keine Grundrechtsverstöße, erklärte er auf Anfrage des Tagesspiegels.

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Der Leitfaden ist ein Versuch, die zögerliche Politik bei der digitalen Ausstattung der 2800 Schulen Niedersachsens zu kaschieren. Erst ab Mai soll die „Niedersächsische Bildungscloud“ (NBC) zur Verfügung gestellt werden. Sie wird es Lehrern erlauben, mit ihren Schülern zu kommunizieren, ihnen Aufgaben zuzuweisen und Videokonferenzen abzuhalten. Doch die am Potsdamer Hasso-Plattner-Institut entwickelte Schulcloud kommt reichlich spät, um niedersächsische Schulen in der Corona-Zeit zu unterstützen.

Nötigung, Whatsapp beizutreten

Der Minister will diese Verzögerung mit Whatsapp ausgleichen. Der Messenger sei „nur eine Brücke bis zum Start der Bildungscloud“, sagte Tonne auf Anfrage: „Schon jetzt haben sich 1900 Schulen für die Bildungscloud angemeldet.“

Allerdings nötigt er mit der Freigabe von Whatsapp weitere Lehrer und Schüler, dem brisanten Dienst beizutreten. Zudem konterkariert Tonne die Bemühungen seiner eigenen Medienzentren, funktionierende virtuelle Klassenzimmer zu errichten. Ist Whatsapp erst mal in der Schule nutzbar, wird es schwerer, Lehrer für rechtlich korrekte Lernplattformen zu gewinnen.

Der Verein Digitalcourage sieht jetzt Landesdatenschützerin Thiel selbst in der Pflicht: „Wir finden es unbegreiflich, wie die Niedersächsische Datenschutzbeauftragte es zulassen kann, dass das Kultusministerium die Nutzung von Whatsapp empfiehlt“, sagte Jessica Wawrzyniak von Digitalcourage.

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