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Widersprüchliche Persönlichkeit. Heute wird Napoleon irgendwo zwischen aufgeklärtem Reformer, genialem Feldherr, populärem Kaiser aber auch militärisch expansivem Despoten gesehen. Foto: Sarah Meyssonnier/Reuters
© Foto: Sarah Meyssonnier/Reuters

Wer war Napoleon? Zwischen Waterloo, Code civil und Franzbrötchen

Brunhilde Wehinger

Zum 200. Todestag Napoleons: Das ambivalente Bild des französischen Generals und Kaisers ist in Deutschland noch immer sehr präsent.

Napoleon, ein typischer „kleiner Mann“ mit Hang zum Größenwahn? Dieses Bild Napoleon Bonapartes (1769-1821) mag zwar amüsant sein, trifft jedoch nicht zu. Um 1800 waren die Menschen in Europa deutlich kleiner als heute und Napoleon war mit 1,68 Meter etwa so groß wie Goethe und zehn Zentimeter größer als Friedrich der Große, den er bewunderte. Höchste Zeit also, sich zu seinem 200. Todestag am 5. Mai ein neues Bild von Napoleon zu machen.

Vorstellungen, die von ihm kursieren, zeichnen eine ambivalente und umso interessantere historische Figur. Energisch sei er gewesen, fortschrittlich, verwegen, charismatisch oder despotisch. Einerseits wird Napoleon als Befreier gesehen, andererseits habe er ganz Europa mit Krieg überzogen.

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Das erste mit Napoleon assoziierte Ereignis ist „Waterloo“, seine letzte Schlacht, bei der er von der Allianz unter Führung Wellingtons und mit Unterstützung der preußischen Armee unter Blücher endgültig geschlagen wurde. „Waterloo“ (1815) symbolisiert Napoleons Fall. Seine Verbannung auf die Atlantikinsel St. Helena, wo er als Gefangener der Engländer am 5. Mai 1821 starb, besiegelte das Ende einer Ära, die die deutsche Geschichte von 1801 bis 1814/15 nachhaltig prägte. Bekannt sind auch der Russlandfeldzug (1812) und die Völkerschlacht bei Leipzig (1813). Sie läuteten bereits das Ende der napoleonischen Herrschaft ein.

In Deutschland dominieren eher Napoleons Niederlagen

Es sind wohl eher Napoleons Niederlagen, die sein Bild im Deutschland des 21. Jahrhunderts dominieren, weniger seine militärischen Erfolge, ausgenommen die Schlacht von Jena und Auerstedt (1806). Diese steht für den Untergang der preußischen Armee, mit erheblichen Konsequenzen für Preußen. Napoleon zog triumphierend in Berlin und Potsdam ein, ließ die Quadriga vom Brandenburger Tor als Beutekunst nach Paris verfrachten und reduzierte das preußische Territorium um die Hälfte.

Dass „Waterloo“ nach gut zweihundert Jahre noch so präsent ist, liegt wohl kaum an der Bekanntheit des heute in Belgien liegenden Dorfes, in dessen Umgebung die Schlacht stattfand, sondern eher daran, dass „Waterloo“ dem öffentlichen Raum seit dem 19. Jahrhundert sichtbar eingeschrieben ist - auch in Berlin. 

In Kreuzberg gibt es die Waterloobrücke und das Waterloo-Ufer, die kleine Straße, die am Blücherplatz beginnt und am Landwehrkanal entlangführt. Eindrucksvoller wirken der Waterlooplatz mit der Waterloosäule und der U-Bahnstation Waterloo in Hannover. Das Königreich Hannover, das seit dem frühen 18. Jahrhundert zum Vereinten Königreich gehörte, stellte in der Schlacht bei Waterloo viele Soldaten für Wellingtons Armee. Entsprechend wird im Stadtbild an den damaligen Sieg erinnert. Ganz zu schweigen von London und seiner historischen Waterloo Bridge, der Waterloo Street, der Waterloo Station und der gleichnamigen U-Bahnstation.

In Paris hingegen begegnen wir auf Schritt und Tritt den militärischen Siegen Napoleons. Der monumentale Triumphbogen auf der Place de l’Étoile und der kleinere in den Tuilerien wurden auf Erlass Napoleons errichtet. Die Namen von Metrostationen, Straßen, Plätzen, prächtigen Avenuen erinnern an die Triumphe der Grande Armée: Austerlitz, Jena, Wagram.

Auch im ehemaligen französischen Sektor Berlins erinnerten Straßennamen und öffentliche Einrichtungen an den historischen Feldherrn. Dort befand sich im Quartier Napoléon bis 1994 das Hauptquartier der französischen Streitkräfte. Es gab ein Kino namens „L’Aiglon“ - „der kleine Adler“, wie Napoleons Sohn in Frankreich genannt wird. Seit dem Abzug der Alliierten erinnern die Kleingartenkolonie Quartier Napoléon e.V., das Stade Napoléon und das Centre français im Wedding sowie Bistros oder Restaurants mit französischen Namen und Spezialitäten an die Zeit der französischen Alliierten, die ihren Teil zur Befreiung von der NS-Diktatur beigetragen haben.

In Erinnerung bleibt Doppelgesicht der napoleonischen Zeit

Im historischen Gedächtnis ist hierzulande aber auch das Doppelgesicht der napoleonischen Zeit – das Elend der von Napoleon über weite Teile Europas gebrachten Kriege und die positiven Auswirkungen seiner Politik. So gilt Napoleon als Modernisierer, der im konkreten und übertragenen Sinn die mittelalterlichen Stadtmauern schleifen ließ, die Auflösung des tausendjährigen Heiligen Römischen Reichs durchsetzte und so die Kleinstaaterei in Deutschland beendete, die Abschaffung der Leibeigenschaft und religiöse Toleranz einforderte. Mit Blick auf Frankreich wird erinnert, dass Napoleon die während der Revolution begonnene Gründung der heute weltberühmten Grandes Écoles fortführte, die Verwaltung zentralisierte, die Banque de France gründete. Auch die Légion d’honneur, der ranghöchste französische Verdienstorden, wurde von ihm begründet. 1808 hatte Goethe die Ehre, damit ausgezeichnet zu werden.

Als wichtigste Errungenschaft der napoleonischen Ära ist zweifellos der Code civil oder Code Napoléon zu erachten. Das französische bürgerliche Gesetzbuch, das 1804 in Kraft trat, gewährte auch den Juden die Bürgerrechte. Der Code civil galt bis 1814 auch im Rheinland, in Norddeutschland und all den anderen Regionen, die damals zu Frankreich gehörten. Mit Ergänzungen ist der Code civil noch heute gültig. „Waterloo“ konnte seine Erfolgsgeschichte nicht aufhalten. Im 19. Jahrhundert war der Code civil das Modell für modernes Zivilrecht; er wurde vielfach adaptiert, auch in einigen deutschen Fürstentümern.

So manche Aspekte der aktuellen Napoleon-Bilder sind durch Kunst und Literatur geprägt. Seien es die Gemälde von Jacques-Louis David, Orchesterwerke wie Beethovens „Wellingtons Sieg oder die Schlacht bei Vittoria“ (op. 91, 1813) oder Tschaikowskis Ouvertüre solonelle „1812“ (op. 49, 1882), die den Russlandfeldzug darstellt. Das Kino dürfte jedoch in seiner Wirkung auf die Napoleon-Bilder nur schwer zu überbieten sein. Kaum eine andere historische Figur ist so oft verfilmt worden wie Napoleon Bonaparte. Früh hat sich das Kino mit der Faszination dieser widersprüchlichen Persönlichkeit beschäftigt. Je nach Standpunkt erscheint Napoleon im Film als jugendlicher Held, aufgeklärter Reformer, genialer Feldherr, populärer Kaiser oder als militärisch expansiver Despot. Der französische Regisseur Abel Gance setzte mit seinem monumentalen Stummfilm „Napoléon“ (1927) ein filmhistorisch unübertroffenes Vorzeichen für die Napoleon-Bewunderung. Episch breit inszeniert er in seinem Hauptwerk, das in der Originalfassung fünfeinhalb Stunden dauert, den heroischen Aufstieg des korsischen „Adlers“ vom Internatszögling bis zu seinem ersten, 1796/97 in Italien errungenen Sieg, der ihn schlagartig populär macht.

Dass auch der Wiener Kongress mit Napoleon assoziiert wird, verdankt sich bei Kenner:innen der Filmgeschichte, vielleicht dem erfolgreichsten Ufa-Operettenfilm „Der Kongreß tanzt“ (1931). Mit seinen schwungvollen Evergreens, rauschenden Ballszenen und komödiantischen Intrigen verknüpft der populäre Kinoklassiker der Weimarer Republik subtile Kritik an den Machenschaften Metternichs und des Zaren, die am Ende durch Napoleons plötzliche Rückkehr aus dem Exil auf Elba heftig aufgeschreckt werden. In der Verfilmung von Tolstois „Krieg und Frieden“ (1956), mit Henry Fonda und Audrey Hepburn, erscheint Napoleon als hochfahrender, wutentbrannter Feldherr, dem man zuschauen kann, wie er scheitert und sich inkognito bei strömendem Regen aus Russland als geschlagener Mann zurückzieht.

Franzbrötchen und Buddenbrooks

Unschlagbar ist hingegen eine Erinnerung an die Alltagskultur der napoleonischen Zeit, das Franzbrötchen. Das Plunderstück mit viel Butter, Zimt und Zucker, ursprünglich eine Hamburger Spezialität, geht auf einen französischen Bäcker aus der „Franzosentid“ zurück. Französische Spezialitäten in den annektierten Gebieten gehörten zum Alltag der napoleonischen Verwaltungsbeamten und ihrer Familien vor Ort. Sie wurden Teil der positiven Erinnerungen an jene Zeit, denn auch die deutsche Bevölkerung wusste sie zu schätzen und hat sie eingebürgert. Aufmerksame Thomas-Mann-Leser:innnen werden sich erinnern, dass im Roman „Buddenbrooks“ der Hausarzt der Familie Buddenbrook seinen Patienten gerne empfiehlt, ein „Franzbrot“ (gemeint ist das süße Franzosenbrötchen) zu essen.

Napoleon ist also durchaus in seiner auch für die deutsche Geschichte bedeutsamen Ambivalenz präsent. Das betont auch der französische Historiker und Napoleon-Spezialist Michel Kerautret in seiner Studie über „Die Deutschen und Napoleon anlässlich seines 200. Todestages“ (Revue politique et parlementaire, Nr. 1099, 2/2021). Kerautret analysiert den Wandel der Napoleon-Bilder der Deutschen in den vergangenen 20 Jahren und hat dafür eine Fülle geschichtswissenschaftlicher Publikationen, Biografien, journalistische Texte, Radio- und Fernsehsendungen ausgewertet, die sich der napoleonischen Zeit in Deutschland widmen.

„Franzosenzeit“ wird nicht länger nur als „Fremdherrschaft“ gesehen

Insbesondere die Kataloge der zahlreichen Ausstellungen zu Napoleon, die seit 2001 auf Bundes- und Länderebene in gut 60 Städten stattfanden, zeigen, so Kerautret, dass sich der Blick auf Napoleon auf vielfältige Weise ausdifferenziert habe und dabei eine neue Vielfalt an Napoleon-Bildern mit geradezu föderaler Dimension entstanden sei. Große Aufmerksamkeit gelte den regionalen Besonderheiten der historischen Erfahrung, der Alltagskultur und den für die jeweilige Stadt oder Region bedeutsamen Errungenschaften der „Franzosenzeit“, die nicht länger nur als „Fremdherrschaft“, sondern eben als napoleonische Zeit betrachtet werde.

So habe sich der Vergleich zwischen Napoleon und Hitler, der in deutschen Medien lange Zeit gang und gäbe war, erübrigt, es sei denn, man verweise noch auf den jeweils gescheiterten Russlandfeldzug. Kurz: Der Löwe sei gezähmt. Ganz anders in Frankreich, wo sich zwei Lager unbeugsam gegenüberstehen: Von den Einen werde Napoleon beweihräuchert und von den Anderen hingegen verteufelt.

Brunhilde Wehinger ist eine Berliner Literaturwissenschaftlerin, Romanistin und Autorin. Zuletzt erschien von ihr: „Germaine de Staël. Eine europäische Intellektuelle zwischen Aufklärung und Romantik“, Berlin 2019.

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