Gerade auch junge Krebskranke, hier der siebzehnjährige Fabian bei der Sport-Rehabilitation in der Medizinischen Hochschule Hannover, werden in Ausbildung und Karriere gebremst und geraten mitunter in finanzielle Nöte. Foto: Holger Hollemann/dpa
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Wenn Kranksein die Karriere kostet Erst kam der Krebs, dann die Armut

Mit der Tumordiagnose geht oft ein sozialer Abstieg einher. Gerade auch bei jungen Patienten.

Wer an Krebs denkt, denkt zunächst an den Kampf ums Überleben. Die gute Nachricht ist, pauschal gesagt: Immer mehr Menschen schaffen es, diesen Kampf zu gewinnen. Weniger im Fokus ist, wie es danach weitergeht. Und am wenigsten vielleicht, wie es mit den Finanzen steht. Je besser die Erfolgschancen der Behandlung, desto wichtiger wird das aber. Vor allem für die Jüngeren. Etwa die Hälfte der 1,5 Millionen Menschen, die seit fünf Jahren mit einer Krebsdiagnose leben, ist schließlich im erwerbsfähigen Alter.

Und eine Minderheit ist noch blutjung: In jedem Jahr erkranken nämlich auch 15 000 junge Erwachsene zwischen 18 und 39 Jahren. Darunter sind Menschen, die noch in der Ausbildung stecken und diese zeitweise wegen der Behandlung unterbrechen, sich womöglich sogar im Hinblick auf ihr Berufsziel neu orientieren müssen, und ein paar Jahre ältere Leidensgenossen, die gerade begonnen haben, im Beruf Fuß zu fassen, die vielleicht gerade eine Familie gegründet hatten, als die Diagnose dazwischenkam.

Statt Karriere an der Schule kam der Brustkrebs

Ein Beispiel ist Katharina, die Lehrerin werden möchte und zu Schuljahresbeginn ihr Referendariat angetreten hat. Es ist ihr zweiter Anlauf: Vor eineinhalb Jahren hatte sie gerade fünf Arbeitstage in der Grundschule hinter sich, als sie die Diagnose Brustkrebs bekam, mit 25 Jahren. Sie musste ihren Platz zurückgeben und Hartz IV beantragen. Mein Gedanke war damals: Ich falle total durchs Raster. Jeder hat Mitleid mit mir, aber keiner kann mir sagen, was man da machen kann.“

Immerhin kann Katharina nun in die letzte Ausbildungsetappe zu ihrem Wunschberuf starten. Doch sie ist kein Einzelfall. In einer Untersuchung zur Lebensqualität junger Krebspatientinnen und -patienten der Uni Leipzig finden sich finanzielle Probleme unter den drei wichtigsten Sorgen, praktisch gleichauf mit den auch nicht gerade nebensächlichen Themen Familie(ngründung) und langfristige Gesundheit.

80 Prozent der jungen Erwachsenen, bei denen Lymphome und Leukämien eine besondere Rolle spielen, werden heute geheilt. Ein Erfolg, zu dem auch international renommierte deutsche Krebsmediziner wie Michael Hallek von der Uni Köln beigetragen haben. Doch Hallek treibt inzwischen eine neue Sorge um: Wenn er früher auf internationalen Kongressen von Armut in Zusammenhang mit Krebserkrankungen hörte, „dann dachte ich, das gibt es nur in den USA, nicht bei uns“. Inzwischen sei ihm aber klargeworden, dass auch hierzulande soziale Lücken klaffen.

„Jetzt wissen wir das, jetzt müssen wir etwas tun“, sagt Hallek, der auch der geschäftsführende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) ist. Krebsmediziner verstünden sich heute schließlich nicht nur als Behandler und Forscher, sondern auch als „zentrale Kümmerer“. „Unsere Therapie muss sich am optimalen Ergebnis für das Überleben bei tragbaren sozialen Folgen für die Betroffenen messen. Kurzum, wir müssen ganzheitlicher denken.“

Über ein Drittel der Krebspatienten kehrt nicht in den Beruf zurück

Mit welchen finanziellen und sozialen Folgen an Krebs erkrankte junge Erwachsene rechnen müssen, ist nachlesbar in einer Veröffentlichung im Rahmen der gesundheitspolitischen Schriftenreihe der DGHO, die von der „Deutschen Stiftung Junge Erwachsene mit Krebs“ diese Woche in Berlin vorgestellt wurde.

Die Autoren des Bandes „Finanzielle und soziale Folgen der Krebserkrankung für junge Menschen“ (abrufbar unter www.dgho.de oder www.junge-erwachsene-mit-krebs.de) analysieren darin zunächst die Daten, die zur Rückkehr in den Beruf und zur finanziellen Situation junger Erwachsener vorliegen, die den Krebs besiegt haben.

Aus internationalen Untersuchungen weiß man, dass nur 63,5 Prozent der Betroffenen im erwerbsfähigen Alter nach der Behandlung an ihren angestammten Arbeitsplatz zurückkehren. Statistiken, in denen ausgewertet würde, wie die Situation für einzelne Altersgruppen und einzelne Krebserkrankungen aussieht, existierten für Deutschland allerdings nicht, bedauerte der Hamburger Krebsspezialist Mathias Freund, Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung.

Als gutes Vorbild nannte er Dänemark, wo solche differenzierten Statistiken existieren. Eine der Forderungen von Fachgesellschaft und Stiftung besteht denn auch darin, die Daten für Deutschland zu vernetzen und für die Forschung nutzbar zu machen. „Ziel ist ein Register, in dem auch die soziale Versorgung erfasst wird“, sagte Hallek.

Nach 78 Wochen erlischt der Anspruch auf Krankengeld

Auf jeden Fall belastet die Krankheit die Betroffenen finanziell ganz unmittelbar – etwa zunächst mit Zuzahlungen zu den Medikamenten. Ein weit bedeutsameres Problem ist, dass die Behandlungen oft lange dauern, nach 78 Wochen aber kein Anspruch mehr auf Krankengeld besteht. Dann bleibe oft nur der Rückgriff auf Unterstützung durch die Eltern und auf eine Erwerbsminderungsrente, gab Volker König von der Fachklinik für Onkologische Rehabilitation in Bad Oexen zu bedenken.

Noch Jüngeren, die sich noch in der Ausbildung befinden wie Katharina, die ihr Referendariat nicht antreten konnte und noch keinen Anspruch auf Krankengeld hatte, bleibt zumindest vorübergehend nur die Sozialhilfe. „Wir fordern ein geeignetes Überbrückungsgeld für solche Fälle“, sagte Freund.

Im zweiten Teil des neu erschienenen Bandes sind Hilfestellungen für Betroffene enthalten. Die Experten ließen sich dabei von den Fragen leiten, die Betroffene im „Jungen Krebsportal“ der Stiftung häufig stellten. Ziel ist es, die Antworten zu bündeln. Die Krebsmediziner möchten darüber hinaus aber menschliche Lotsen und „Kümmerer“ etablieren, die Krebspatienten individuell und umfassend begleiten. „Es geht darum, dass der Patient sich die Informationen nicht mühsam zusammenklauben muss“, sagt Hallek.

In einer Situation, in der das Leben schon ohne finanzielle und berufliche Sorgen schwer genug ist, wünschen sich die Betroffenen neue Lösungen. „Damit man nicht noch finanziell bestraft wird, wenn man lebensbedrohlich erkrankt ist“, sagt Katharina.

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