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Der Transportsektor erweist sich als schwerer zu dekarbonisieren als etwa der Energiesektor - die Lösungen sind kleinteilig, lassen aber viel Spielraum für freiwillige individuelle Beiträge, etwa durch den Verzicht aufs Auto. Foto: Nicolas Armer/dpa
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Weltklimarat zu Klimaschutz Emissionen von Treibhausgasen können bis 2030 halbiert werden

Die Treibhausgasemissionen sind so hoch wie nie zuvor. Doch der Weltklimarat sieht auch Anzeichen für wirkende Klimaschutzmaßnahmen.

„Wenn wir die globale Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius begrenzen wollen, heißt es jetzt oder nie“, sagt Jim Skea, Ko-Vorsitzender der Arbeitsgruppe „Klimaschutz“ zur Veröffentlichung ihres Beitrags zum Sechsten Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC. Ohne „sofortige und tiefgreifende Emissionssenkungen in allen Sektoren“ werde das unmöglich sein.

Für den Bericht haben internationale Autorenteams herausgearbeitet, welche Optionen zur Verminderung des Klimawandels in der wissenschaftlichen Literatur beschrieben werden, wie viel sie demnach beitragen können und welche Risiken dabei bestehen. Er wurde am Montag veröffentlicht. In den bewerteten Szenarien erfordert die Begrenzung der Erwärmung auf etwa 1,5 Grad, dass die globalen Treibhausgasemissionen spätestens 2025 ihren Höhepunkt erreichen und bis 2030 um 43 Prozent reduziert werden müssen. Bis in drei Jahren bereits ist demnach also eine Trendwende bei den Treibhausgasemissionen nötig. Der Ausstoß von Methan müsse um etwa ein Drittel reduziert werden, teilte der IPCC mit.  [Wenn Sie aktuelle Nachrichten aus Berlin, Deutschland und der Welt live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können]

Entscheidende Dekade der 2020er

„Wir haben das Zeitalter der fossilen Energien immer noch nicht hinter uns gelassen“, sagt Jan Minx vom Berliner Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC), der das Kapitel zu den Emissionen und ihren Treibern koordiniert hat. Im Jahr 2019 wurde mit 59 Milliarden Tonnen Kohlendioxid der bisherige Höchststand erreicht – zwölf Prozent mehr als noch im Jahr 2010 und 54 Prozent mehr als 1990. Der Ausstoß zwischen 2010 und Ende 2019 liegt etwa so hoch wie das Budget von Treibhausgasen, die bei Einhalten der 1,5 Grad-Grenze noch ausgestoßen werden könnten. „Das zeigt uns, dass die Kommende Dekade entscheidend für den Klimaschutz ist“, sagt Minx.

Selbst wenn die Einsparungen gelingen, wird der Anstieg der globalen Mitteltemperatur nach Einschätzung der Expert:innen die im Klimaschutzabkommen von Paris festgelegte Temperaturschwelle jedoch vorübergehend überschreiten. Bis zum Ende des Jahrhunderts könnte die Temperatur aber wieder darunter abgesenkt werden.

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„Die Erkenntnisse sind eindeutig“, sagt der IPCC. Die Emissionen könnten bis 2030 halbiert werden, wenn man „jetzt“ damit beginnt. Erste Verzögerungen gab es jedoch bereits bei der Veröffentlichung des Berichts. „Es ist durchaus üblich, dass die Genehmigungssitzungen des IPCC länger dauern als geplant“, teilte das Sekretariat des Weltklimarates am Sonntag mit. Bis Freitagnachmittag sollten die Regierungsvertreter den Wortlaut der „Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger“ verhandelt und den gesamten Beitrag der Arbeitsgruppe „Verminderung des Klimawandels“ zum neuen, sechsten Sachstandsbericht des IPCC angenommen haben. Üblicherweise dauern die Sitzungen bis in die frühen Morgenstunden des Folgetages. Diesmal musste aber sogar die für den Montagmorgen geplante Pressekonferenz auf den Nachmittag verschoben werden.

Es steht viel auf dem Spiel. Die Verminderung des Kohlendioxidausstoßes bedeutet, dass Reserven der fossilen Brennstoffe Kohle, Öl und Gas im Boden bleiben müssen. Es ist vor allem diese de-facto-Entwertung, über die bei den Verhandlungen des IPCC gestritten wird.

Einsparungsziele für alle Sektoren

Der neue Bericht benennt wichtige Fortschritte bei der Entwicklung von Alternativen: Seit 2010 sind die Kosten für Solar- und Windenergie sowie für Batterien demnach nachhaltig um bis zu 85 Prozent gesunken. Eine wachsende Zahl von Maßnahmen und Gesetzen habe den Ausbau erneuerbarer Energien beschleunigt und die Energieeffizienz verbessert.

Die Energieversorgung trägt am stärksten zum Ausstoß des wichtigsten Treibhausgases Kohlendioxid bei. Die Begrenzung der globalen Erwärmung erfordere „einen grundlegenden Wandel“ in dem Sektor, sagt der IPCC, weg von fossilen Brennstoffen, hin zur weit verbreiteten Elektrifizierung, weiter verbesserter Energieeffizienz und alternativen Brennstoffen wie Wasserstoff.

„Mit den richtigen politischen Vorgaben, Infrastrukturen und Technologien, können dann mögliche Änderungen unseres Lebensstils und Verhaltens die Treibhausgasemissionen bis 2050 um 40 bis 70 Prozent sinken lassen“, sagt der Ko-Vorsitzende der Arbeitsgruppe, Priyadarshi Shukla. Die ungenutzten Potenziale für Änderungen des Lebensstils könnten auch der Gesundheit und dem Wohlbefinden vieler Menschen zugutekommen.

Ein zunehmender Anteil der Weltbevölkerung, bereits mehr als die Hälfte, lebt in Städten. Bestehende, aber auch neu entstehende Städte würden erhebliche Möglichkeiten zur Emissionsreduzierung bieten. Der Energieverbrauch insgesamt könnte etwa durch die Schaffung kompakter, begehbarer Stadtgebiete gesenkt werden. Der Verkehr sollte weitgehend elektrifiziert werden und Strom aus emissionsarmen Energiequellen beziehen. Zudem könnte mithilfe natürlicher Prozesse die Aufnahme und Speicherung von Kohlenstoff gesteigert werden.

„Es gibt Beispiele für Null-Energie- oder Null-Kohlenstoff-Gebäude in fast allen Klimazonen“, sagt Jim Skea. Um das Minderungspotenzial von Gebäuden zu nutzen, sei es entscheidend noch in diesem Jahrzehnt Maßnahmen umzusetzen.

In der Industrie bestehen Einsparpotenziale in der effizienteren Nutzung von Ausgangsstoffen, der Wiederverwendung und dem Recycling von Produkten und darin, Abfall zu minimieren. Materialien wie Stahl, Baumaterialien und Chemikalien, werden mittlerweile in treibhausgasarmen Produktionsverfahren hergestellt. Die Verfahren reichten in ihrer Reife von Pilotprojekten bis hin zur anstehenden Markteinführung. In dem Sektor fällt etwa ein Viertel der weltweiten Emissionen an. Neue Verfahren seien unverzichtbar um sie auf netto-Null zu senken, außerdem emissionsarme und emissionsfreie Elektrizität, Wasserstoff als Brennstoff und, wo möglich, die Abscheidung und Speicherung von Kohlenstoff.

Das 1,5-Grad-Ziel wird voraussichtlich mindestens zeitweise überschritten

Die Land- und Forstwirtschaft könnten „in großem Umfang“ zur Emissionsminderung beitragen und zudem zur Speicherung von Kohlendioxid beitragen. Die Potenziale reichen laut Bericht aber nicht dazu aus, verzögerten Emissionsreduktionen in anderen Sektoren auszugleichen. Der IPCC verweist hier auch auf die Erhaltung der Biodiversität. Klimaschutz in der Landnutzung könnte dazu beitragen, biologische Vielfalt zu schützen, Anpassung an den Klimawandel zu ermöglichen und Lebensgrundlagen, die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Wasser sowie mit Holz, zu sichern.

„Wir stehen an einem Scheideweg“, sagt Hoesung Lee. „Die Entscheidungen, die wir jetzt treffen, können eine lebenswerte Zukunft sichern. Wir haben die Instrumente und das Know-how, um die Erwärmung zu begrenzen“, wird der IPCC-Vorsitzende in der Mitteilung zitiert. Klimaschutzmaßnahmen, die in vielen Ländern ergriffen werden und die sich als wirksam erweisen, könnten ausgeweitet und gerechter angewandt werden und so tiefgreifende Emissionssenkungen unterstützen und Innovation fördern.

Der Berichtsbeitrag gibt einen umfassenden Überblick zum aktuellen Forschungsstand darüber, welche Maßnahmen die Erderwärmung eindämmen können. Hunderte Wissenschaftler haben für den Bericht in den vergangenen Jahren tausende Studien ausgewertet.

Der erste Teil über die wissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels kam im vergangenen Jahr zu dem Schluss, dass der Temperaturanstieg um 1,5 Grad schon in den nächsten 20 Jahren erreicht oder überschritten werden dürfte. „Die globalen Szenarien kalkulieren mit ein, dass die Emissionen nicht nur auf netto-Null sinken, sondern auf negative Werte sinken“, sagt Oliver Geden von der Stiftung Wissenschaft und Politik und Autor des Berichtkapitels „Sektorenübergreifende Perspektiven“. Das 1,5-Grad-Ziel werde mit dem sechsten Sachstandsbericht nicht abgeschrieben. „Aber man kann mit einer Grundskepsis darauf schauen, ob wir es schaffen darunter zu bleiben“, so Geden.

Der Ende Februar veröffentlichte zweite Teil behandelt die Folgen des menschengemachten Klimawandels, Anpassung und Verwundbarkeiten durch den Klimawandel. Die Sachstandsberichte des IPCC sollen Grundlage politischer Entscheidungen und der internationalen Klimaverhandlungen sein.

Kosten für eine nachhaltigere Welt

„Die Kosten des Klimaschutzes sind im Weltmaßstab und über Generationen hinweg betrachtet ökonomisch absolut machbar“, sagt Elmar Kriegler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, Autor des Berichtskapitels zu Minderungspfaden und Langfristzielen. Regional seien sie aber sehr unterschiedlich hoch. Auf Entwicklungsländer könnten hohe Kosten zukommen, effiziente Industrieländer wie Deutschland, die derzeit noch fossile Brennstoffe importieren und dann umstellen, seien dabei Gewinner. „Deshalb ist unbedingt ein fairer Ausgleich erforderlich, nicht nur innerhalb der einzelnen Länder, sondern auch international“, so Kriegler.

„Der Klimawandel ist das Ergebnis von mehr als einem Jahrhundert nicht nachhaltiger Energie- und Flächennutzung, Lebensstilen sowie Konsum- und Produktionsmustern“, sagt der Ko-Vorsitzende Skea. Der neue Bericht zeige, wie wir durch sofortiges Handeln in eine gerechtere, nachhaltigere Welt gelangen könnten.

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