Ein weites Feld. Hirse, hier auf einer Anbaufläche in Botswana, gehört in vielen Weltgegenden nicht zu den besten Nahrungsmitteln, wenn es um Ertrag, Nährwert, Wassereinsatz und Düngemittel geht. Erdnüsse wären laut einem Forscherteam etwa in Teilen Afrikas besser. Foto: imago/imagebroker
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Welternährung Brot-Alternativen für die Welt

Claudia Vallentin

Zehn Milliarden Menschen wird es 2050 geben. Um sie ernähren zu können, wäre ein massiver Wandel nötig - in der Landwirtschaft, aber auch im Denken.

Es sind oft die ganz einfachen, altvertrauten Dinge, die glücklich machen. Zum Beispiel eine Scheibe Brot, frisch vom warmen Laib geschnitten und dick mit Butter bestrichen. Die Deutschen sind bekanntermaßen sehr stolz auf ihre Bäckertradition. Das Handwerk ist Jahrtausende alt und das „gute deutsche Brot“ ein Exportschlager. Könnte man sich ein Leben ohne Butterstullen vorstellen? Laut einer Studie amerikanischer Forscher würde das jedenfalls helfen, die Welternährung in Zukunft zu sichern.

Weniger Weizen

Deutschlands Beitrag dazu könnte unter anderem sein, massiv weniger Weizen anzubauen. Auch keine Zuckerrüben und Raps müssten weitgehend von den Feldern verschwinden. Dafür kämen mehr Kartoffeln und Mais auf die Äcker.

Kartoffeln gehören seit Mitte des 18. Jahrhunderts ohnehin zu unserem Kulturerbe. Ebenso ein amerikanischer Import ist Mais, dessen Monokulturen schon jetzt omnipräsent sind, vor allem als mittlerweile sehr umstrittene Bioenergielieferanten. Und mit Maismehl lässt sich auch Brot backen, wenn auch eher gelb und krümelig.

Doch wie es so ist mit zukunftsbezogenen Modellrechnungen: Sie kommen oft zu recht unterschiedlichen Ergebnissen. Und Verbraucher und Bäcker brauchen die Szenarien vorerst auch nicht zu fürchten. Doch die Grundidee der Forscher ergibt Sinn: effiziente und ressourcenschonende Neuverteilung wichtiger Anbaufrüchte weltweit. Laut Modell könnten so 825 Millionen mehr Menschen ernährt und global zwölf bis 14 Prozent der Wassernutzung in der Landwirtschaft eingespart werden.

Eher Erdnüsse

Kyle Davis, Umweltwissenschaftler am „Earth Institute“ der Columbia University, und seine Kollegen haben Daten über landwirtschaftliche Flächen, auf ihnen angebaute Feldfrüchte, Wasserverbrauch, Nährwertertrag und Wirtschaftlichkeit ausgewertet. Sie suchten nach alternativen Nutzpflanzen, die unter den gleichen Bedingungen angebaut werden können, jedoch weniger Wasser verbrauchen und einen höheren Nährwert und mehr Protein pro Hektar erzielen.

Während von Nigeria bis Ghana Erdnussfelder Hirse ersetzen würden, würde Indien einen Kartoffelboom erleben - auf Kosten des Reis-, Weizen- und Sorghumhirse-Anbaus. In diesen Regionen könnte viel Wasser eingespart werden, ohne massiv in Agrartechnik investieren zu müssen. Gesünder wären viele dieser Maßnahmen aber wahrscheinlich auch. Denn etwa Zuckerrohr und Zuckerrübe finden aufgrund ihres „leeren Nährwerts“ in Davis' Modell wenig Platz.

„Aber es bleibt natürlich die Frage, ob Menschen überhaupt bereit sind bestimmte Nahrungsmittel auszutauschen“, sagt Davis. „Schließlich ist Ernährung und Essen stark mit unseren Kulturen und sozialen Beziehungen verbunden. Es würde enormen Willen seitens Politik und Gesellschaft benötigen um solche Änderungen vorzunehmen." Weil man sich Deutschland ohne Brot und Indien ohne Reis kaum vorstellen kann, muss man derlei Lösungsansätze, die auf einen Schlag eine Vielzahl an Problemen lösen könnten, nicht gleich komplett als Utopien abtun. Der Themenkomplex der Ernährungssicherung gilt bei den Vereinten Nationen als eine der wichtigsten Zukunftsaufgaben.

Die Weltbevölkerung wächst, der Klimawandel wird zusätzliche ökonomische und ökologische Unwägbarkeiten mit sich bringen. Die Frage, wie 2050 fast 10 Milliarden Menschen ernährt werden sollen, ist unbeantwortet.

Ernährungssicherung wird von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) als vierdimensionales Problem beschrieben: Verfügbarkeit und Zugang zu Nahrung, sowie Verwendung und Sicherheit von Nahrung. Laut Definition besteht Ernährungssicherheit dann, wenn alle Menschen, jederzeit physischen, sozialen und ökonomischen Zugang zu ausreichendem, sicherem, nahrhaftem Essen haben, das zu einem aktiven und gesunden Leben beiträgt. Das zu gewährleisten ist eine hochkomplexe und vielschichtige Herausforderung, die sich regional durch geographische und klimatische Bedingungen, sowie politische Gegebenheiten, einschließlich Konflikten, unterscheidet.

Investition in Infrastruktur

Mangelernährung hängt hierbei sehr oft mit Armut und schlechter Bildung zusammen. Am stärksten betroffen sind das südliche Asien und große Teile Afrikas. Die logische Konsequenz wäre es, dort die Effizienz der Landwirtschaft zu steigern, damit mehr Nahrung produziert wird. „In Afrika wurde einfach zu wenig investiert, die Regierungen waren zum Beispiel an Bewässerungstechnologien nicht interessiert, es gab eben immer andere Probleme", erklärt Claudia Ringler vom „International Food Policy Research Institute“ in Washington D.C.. Um die landwirtschaftliche Produktivität zu steigern sind besserer Düngemitteleinsatz und angepasste Bewässerung notwendig. Beides ist teilweise gar nicht im Einsatz.

Verfügbarkeit ist dabei nicht unbedingt das größte Problem, sagt Ringler. „Afrika ist nicht so wasserknapp wie man denkt und global gibt es auch ausreichend Stickstoffdünger". Was fehlt ist in beiden Bereichen die Infrastruktur. Die Wege sind oft weit, das macht den Transport von Düngemitteln teuer, so dass beispielsweise in Äthiopien nur die Hälfte der Bauern effiziente Mineraldünger verwendet. Und um Bewässerungssysteme zu etablieren braucht man Speichersysteme verschiedenster Art und Größe, vom Staudamm zur Zisterne. „Natürlich ist in manchen Ländern das Wasser brutal knapp, aber selbst in Niger und Mali gibt es den großen Nigerfluss und mittlerweile auch neue Staudammprojekte, die der lokalen Landwirtschaft helfen können“, so Ringler.

Derlei Projekte haben auch ihren ökologischen und gesellschaftlichen Preis. Wird ein Staudamm in einem Land gebaut, so wie der geplante Fomi-Damm in Guinea oder die Grand-Ethiopian-Renaissance-Talsperre, gräbt dieser womöglich Wasser ab, was der Bevölkerung flussabwärts im Nachbarland fehlt. Werden dann auch noch Feuchtgebiete mit weniger Wasser versorgt, gefährdet das den Tierbestand. Es kann sogar in Deutschland brütende Störche treffen, die in den Feuchtgebieten überwintern.

Steuerung durch Steuern

Die Interessenskonflikte sind offensichtlich. Doch die Bewässerungslandwirtschaft bietet auch Arbeitsplätze und das bedeutet: sinkende Armut, bessere Wirtschaft, weniger Hunger. Damit einher gehen höhere Investitionen in Bildung, idealerweise gefolgt von besserer Ernährung, erfolgreichem Umgang mit Technologien und höherer Produktivität.

Ernährungssicherung bedeutet aber nicht alleine Hunger zu bekämpfen, sondern auch eine gute Ernährungsweise sicherzustellen. Hier geht die Schere weit auseinander. Während es in vielen Teilen Afrikas an Zutaten für eine ausgewogene Ernährung - unter anderem Fleisch - fehlt, wird in den Industriestaaten mehr als nötig produziert und konsumiert.

„Es würde schon helfen, wenn wir in den Industrieländern unsere Ernährungsziele anders ausrichten“, sagt Ringler, auch „damit unsere schlechten Gewohnheiten nicht in alle anderen Länder übergreifen.“ Doch genau das ist zu beobachten: gerade in städtischen Räumen mancher Entwicklungsländer steigen die Zahlen der Krankheiten, die hierzulande mit ungesunder Ernährung in Verbindung gebracht werden: Übergewicht, Diabetes Typ 2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die oft nur rudimentären Gesundheitssysteme der Länder sind nicht auf diese Welle nicht übertragbarer Krankheiten vorbereitet. In der Konsequenz steigen die Kosten für die Volkswirtschaft.

„Die Herausforderung der Ernährungssicherung kann nicht allein durch eine verbesserte Produktion der Lebensmittel gelöst werden", sagt Ringler. Es würden sich Ernährungsweisen ändern müssen, „anders funktioniert es nicht." Für sie gehört dazu auch in den Industrienationen die Besteuerung von Fleisch, Limonaden und anderen offensichtlich ungesunden Lebensmitteln. Denn ohne politische Maßnahmen werde der Verbraucher sein Verhalten kaum ändern.

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