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Wetterextreme können Ernten zunichte machen, was bei fortschreitendem Klimawandel häufiger zu erwarten ist. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa
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Weizen als Waffe Knappheit von Nahrungsmitteln kann gemindert werden

Landwirtschaftliche Erzeugnisse werden wegen Ukrainekrieg und Wetterextremen mancherorts knapp. Wie kann die Ernährung der Weltbevölkerung gesichert werden?

Der russische Angriffskrieg in der Ukraine trifft die Bevölkerung hart: Millionen sind geflohen, Tausende gestorben. Längst sind die Folgen auch in anderen Ländern spürbar. Die Preise für Nahrungsmittel steigen drastisch, weil die Ukraine nur einen Bruchteil der üblichen Agrarprodukte liefern kann.

Russland blockiert die Häfen und damit den Export von Getreide. Das trifft die Hauptabnehmer im Nahen Osten und in Nordafrika. Russland greift selbst zu, hat zwischen 400.000 und 500.000 Tonnen Weizen beschlagnahmt, wie der ukrainische Landwirtschaftsminister Mikola Solski erklärte. Genug, um knapp sechs Millionen Menschen ein Jahr lang zu versorgen.

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Blockierter Handel, Mangel an Dünger und Extremwetter

„Sollte Russland dauerhaft die Schwarzmeerküste kontrollieren, bringt das dramatische Veränderungen für die Ernährungslage in vielen Ländern“, sagt Stefan Tangermann. Der Agrarökonom war lange Direktor bei der OECD und ist seit diesem Jahr Mitglied des High Level Panel of Experts (HLPE) des Komitees für Welternährungssicherheit der Vereinten Nationen. Rund ein Drittel der globalen Weizenexporte stammt aus der Ukraine und Russland, erläutert er. „Wenn Russland allein die Kontrolle darüber hat, kann es das Getreide als politische Waffe einsetzen und nach Belieben die Lieferungen hoch- und runterfahren, so wie es das jetzt schon bei Öl und Gas tut.“

Schon heute sei zu beobachten, dass Ägypten sich außenpolitisch so verhalte, dass Importe begünstigt werden, sagt Tangermann. Immerhin habe das Land bisher 70 Prozent seiner Weizenversorgung aus der Ukraine erhalten.

Ersatz ist nötig und auch verfügbar. „Weltweit sind die Lagerbestände an Getreide auf einem zufriedenstellenden Niveau, es könnte also mehr auf den Markt kommen“, sagt Tangermann. Die Preise sind jedoch deutlich gestiegen, bei Weizen um rund 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Hinzu kommt, dass die Handelsströme sich neu strukturieren müssen, um den Ausfall an der Schwarzmeerküste auszugleichen. „Es ist klar, dass ein Import beispielsweise aus Kanada für Ägypten teurer ist als aus der Ukraine.“

Die weltweite Nahrungsmittelversorgung gerät nicht allein durch verhinderte Getreideexporte unter Druck. Für kommende Ernten drohen Verluste durch fehlende Düngemittel. Steigende Energiekosten und sanktionsbedingte Rückgänge bei Lieferungen aus Belarus und Russland führen ebenfalls zu einer drastischen Teuerung. Zudem bedrohen Wetterextreme Ernten, in Ostafrika herrscht Dürre, Millionen sind von Hunger bedroht.

Panikkäufe und Spekulation bedrohen Versorgung

Was zu tun ist, um in dieser Situation akute Engpässe zu vermeiden, hat das HLPE im April zusammengefasst. Das Gremium rät, hungerbedrohten Ländern mit Geld zu helfen, damit sie Nahrungsmittel kaufen können. Von Panikkäufen und übermäßiger Einlagerung sei abzusehen, zu bedenken sei zudem ein zeitliches begrenztes Verbot der Biospritproduktion aus verzehrbarem Getreide. Es besteht auch die Hoffnung, dass China Vorräte freigeben wird. „Das Land verfügt schätzungsweise über die Hälfte der weltweiten Lagerbestände an Weizen“, sagt Tangermann. Weil es sie aber wahrscheinlich nicht anbieten werde, müssten andere Länder mehr beitragen, auch die Europäische Union.

Das HLPE hat zudem Maßnahmen formuliert, die die Ernährungssicherung in den kommenden Jahren stabilisieren könnten. Maßgeblich ist demnach, den Anbau und die Ernährung vielfältiger zu gestalten, letztere bevorzugt mit regionalen Produkten. Die Länder sollten sich besser abstimmen und Informationen austauschen, um Engpässe frühzeitig zu erkennen und Spekulationen zu vermeiden. Auch strengere Regulierungen wären hier hilfreich, sagt das Gremium. Weiterhin rät es, auf eine weniger energie- und düngemittelintensive Landwirtschaft umzustellen.

„Mit diesem Teil des Dokuments habe ich ein Problem“, sagt Tangermann. Es könnte bedeuten, dass Erträge sinken, dabei komme es gerade jetzt darauf an, die Produktivität der Landwirtschaft zu steigern. „Das geht nicht ohne moderne Technologie und synthetischen Dünger.“

Vermeidbare Verluste

Das Gremium benennt einen weiteren Arbeitspunkt: Nachernteverluste durch Verderben und Schädlinge zu reduzieren. Nach Angaben des Welternährungsprogramms gehen in einigen Entwicklungsländern bis zu 40 Prozent der Ernte verloren, bevor sie die Farmen verlassen konnten. Laut einer Studie der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen büßen Länder in Afrika südlich der Sahara jährlich 20 Millionen Tonnen Nahrungsmittel in den Wochen nach der Ernte ein.

Verschiedene Forschungsprojekte sollen beitragen, das Problem zu lösen. In Ostafrika wurde dafür „Reload“ gestartet, gemeinsam von Einrichtungen in Tansania, Kenia, Uganda und Deutschland. Ein Schwerpunkt ist die Lagerung von Getreide und Gemüse bei Kleinproduzenten. „Diese tragen zu rund 80 Prozent zur Nahrungsmittelversorgung bei“, sagt der Projektkoordinator Michael Hesse von der Universität Kassel.

Die Wissenschaftler stellten fest, dass die Trocknung oft unzureichend war und so Schimmelpilze begünstigte. Dabei werden Gifte gebildet, Aflatoxine, die krebserregend sind und sogar zum Tod führen können. So gab es in Kenia 2004 125 Todesfälle. Das Reload-Team baute solargestützte Trocknungstechnik auf, um unabhängig vom Stromnetz zu sein.

Weiterhin entwickelten die Forscher eine akustische Überwachung für Lagerhallen: Anhand der Geräuschmuster erkennt das System, wenn Käfer oder Nager in die Bestände eingedrungen sind, berichtet Hesse. „So wird ein Befall früher bemerkt und man kann Gegenmaßnahmen ergreifen.“

Entscheidend bei solchen Forschungen ist, dass die Ergebnisse nach Projektende in die breite Anwendung kommen. Das ist nicht immer leicht, wie Hesse berichtet. Fehlendes Geld, unkooperative Verwaltungen und nicht zuletzt die Covid-19-Pandemie hätten manche Initiative gebremst. „Nun geht es hoffentlich weiter“, sagt er.

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