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Eine mit Algen überwachsene Moschusschildkröte. Der Panzer von Schildkröten, der gut vor Gefahren wie Steinschlag oder Feinden schützt, könnte für ihre hohe Alterungsrate sorgen. Foto: Francis L. Rose
© Francis L. Rose

Weit über 100 Jahre alt Wie manche Tiere es schaffen, nicht zu altern

Roland Knauer

Schildkröten, Brückenechsen und einige Salamander altern erheblich langsamer als Menschen und andere Säugetiere. Untersterblich sind sie allerdings nicht.

Schildkröten gelten als besonders langlebig. Verbürgte Zahlen dazu sind aber bisher Mangelware. Eine große Forschungsgruppe um Beth Reinke von der Northeastern Illinois University in Chicago, sowie ein kleineres Team um Rita da Silva und Fernando Colchero von der Süddänischen Universität in Odense liefern mit zwei voneinander unabhängigen Studien in der Zeitschrift  „Science“ jetzt Daten, die diese Überlegung untermauern.

So hat die dänische Gruppe von 52 Schildkröten-Arten Daten über das Leben einzelner Tiere in Zoos, Tierparks und Aquarien untersucht. Dreiviertel dieser Arten alterten extrem langsam oder fast nicht wahrnehmbar. Bei etwa 80 Prozent dieser Arten war die Alterungsrate geringer als beim Menschen, der im Vergleich mit vielen anderen Säugetieren als langlebig gilt. „In der Wissenschaft bedeutet Altern, dass die Sterberate im Laufe des Lebens immer weiter ansteigt“, erklärt der Biologe und Altersforscher Alexander Scheuerlein von der Universität Greifswald, der an beiden Science-Studien nicht beteiligt war.

Acht- bis Zehnjährige haben niedrigste Mortalität

Beim Menschen sinkt die Mortalität nach der Geburt zunächst einmal; bei acht- bis zehnjährigen Kindern erreicht sie ihren niedrigsten Wert. In dieser Altersstufe sterben von 100.000 Personen innerhalb eines Jahres durchschnittlich zwanzig, von denen wiederum fast die Hälfte durch Unfälle ums Leben kommt. Danach steigt die Sterblichkeit immer weiter an, wobei Krankheiten mit der Zeit immer häufiger die Todesursache sind. So sterben von 100.000 Fünfzig- bis Sechzigjährigen jedes Jahr durchschnittlich 800 Menschen durch Herzinfarkte, Schlaganfälle, Krebs und andere Krankheiten.

Warum aber altern Schildkröten-Arten durchschnittlich zwanzigmal langsamer als Tiere mit gleichmäßiger und relativ hoher Körpertemperatur wie Vögel und Säugetiere?

Panzer schützt vor Gefahren

Die Antwort könnte im Panzer von Schildkröten liegen, der gut vor äußeren Gefahren wie Steinschlag oder Feinden schützt. Ein ähnlicher Zusammenhang ist bei Säugetieren schon lange bekannt: „Kleine Tiere wie Mäuse sind durch solche Naturgefahren oder Feinde wie die nicht allzu großen Katzen viel stärker gefährdet als große Elefanten, die kaum ein anderes Tier angreift“, erklärt Altersforscher Alexander Scheuerlein. „Mäuse müssen also viel häufiger als Elefanten vor Feinden und anderen Gefahren fliehen.“ Um die dazu nötige hohe Leistung zu erreichen, lassen kleine Tiere ihren Organismus schon im Ruhezustand auf höheren Touren laufen. Da dadurch auch mehr Substanzen produziert werden, die dem Körper schaden können, steigt die Sterblichkeit.

Schützt also ein Panzer eine Schildkröte, kann das Tier seinen Stoffwechsel mit deutlich niedrigerem Tempo laufen lassen. So liegt der Ruhepuls bei einem erwachsenen Menschen bei rund 70 Schlägen in der Minute, bei einer Galapagos-Riesenschildkröte sind es sechs Schläge. Und tatsächlich hält einer dieser Riesenschildkröten den aktuellen Altersrekord: „Harriet“ starb 2006 im Alter von 170 Jahren in einem Zoo in Australien am Herztod.

Allerdings leben Tiere im Zoo in einer künstlichen Umgebung, in der viele Lebensrisiken ausgeschlossen oder zumindest verringert sind. Die Studie vom Team um Beth Reinke hat sich die Altersraten bei Tieren angeschaut, die in der Natur leben. Neben 14 Schildkröten-Arten wurden dabei auch Amphibien, Schlangen, Krokodile und die urtümlichen Brückenechsen untersucht, von denen mit den Tuataras in Neuseeland nur eine einzige Art überlebt hat. Auch in der Natur war die Sterblichkeit der Schildkröten, aber auch von einigen Arten von Salamandern und bei den Tuataras, besonders gering.

Tuatara-Brückenechsen werden bis zu 137 Jahre alt

„Dieses Ergebnis überrascht nicht allzu sehr“, erklärt Alexander Scheuerlein. Schließlich handelt es sich dabei um wechselwarme Tiere, deren Organismus bei deutlich niedrigeren Temperaturen läuft als bei Säugetieren und Vögeln. Diese haben höhere Körpertemperaturen und häufen entsprechend mehr Schäden als wechselwarme Tiere. Arten, die in wärmeren Regionen leben, altern dabei schneller. Allerdings: Bei Fröschen, Salamandern und Co. werden die in den warmen Tropen lebenden Arten viel älter als die Tiere in kühleren Regionen.

Überrascht haben die Tuatara-Brückenechsen. Während Menschen doppelt so schnell wie Schildkröten altern, liegt die Alterungsrate bei den Tuataras noch einmal 90 Prozent niedriger als bei Schildkröten. Ihre Lebenserwartung liegt bei rund 137 Jahren. Die 50 bis 75 Zentimeter langen Reptilien wiegen nur rund ein Kilogramm. Mögliche Gründe für ihre niedrige Mortalität: Die Tuataras haben nicht nur eine sehr niedrige Stoffwechselrate, sie bewegen sich auch sehr langsam und sind bei einer Körpertemperatur von elf Grad Celsius noch aktiv.

Eines aber haben alle diese Arten mit den Tieren mit höherer Sterblichkeit gemeinsam: Irgendwann sterben sie doch.

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