In dem Buch von Adam Hart-Davis über Experimente, die die Physik revolutionierten, fehlt Albert Einstein selbstverständlich nicht. Foto: p-a/dpa
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Weihnachten Wissen schenken Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben

Extreme Umwelten meistern, Kinder erziehen, Hunde verstehen, in passender Gesellschaftsform besseren Sex haben – sieben Buchtipps der Wissenschaftsredaktion.

Sieben unterhaltsame Sachbücher, die sich zum Verschenken eignen, gelesen, rezensiert und zusammengestellt von den Wissenschaftsautoren des Tagesspiegels:

  • Hanns Christian Gunga: Am Tag zu heiß und nachts zu hell
  • Jonathan Safran Foer: Wir sind das Klima!
  • Bryan Sykes: Darwins Hund
  • Adam Hart-Davis: Schrödingers Katze
  • Esther Wojcicki: Panda Mama
  • Philipp Hübl: Die aufgeregte Gesellschaft
  • Kristen R. Ghodsee: Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben

An der Grenze

Was mit dem menschlichen Körper in extremen Umwelten passiert und was man daraus lernen kann.

Während des Zweiten Weltkriegs breitete sich eine seltene, bis dahin nicht beobachtete Erkrankung unter den Soldaten der Luftstreitkräfte der Alliierten aus. Etliche Heckschützen in den Lancaster-Bombern, von Crewmitgliedern „Tailend Charlies“ genannt, litten unter Halluzinationen und Angstzuständen. Zunächst glaubte man ihnen nicht, doch die Fälle der „Tailend Charlies’ disease“ häuften sich. Langsam wurde klar: Die Männer saßen stundenlang eingepfercht in ihren Plexiglaskuppeln, abgeschnitten von der Crew. Ihre Symptome waren auf die Beengtheit und Isolation zurückführen.

Mit solchen Anekdoten führt Hanns-Christian Gunga seine Leserinnen und Leser in die jeweiligen Kapitel seines Buchs „Am Tag zu heiß und nachts zu hell – Was unser Körper kann und warum er heute überfordert ist“ ein. Er beschreibt, was mit dem menschlichen Körper geschieht, wenn er seine Komfortzone verlässt. Themen sind unter anderem Hitze, Kälte, Luftdruck (Bergsteigen), Hunger, Schlafentzug und Schwerelosigkeit. Gunga, Professor für Weltraummedizin und Extreme Umwelten an der Charité Berlin, versammelt dazu zahlreiche Befunde, die aus seiner eigenen Forschungstätigkeit oder von Fachkollegen stammen. Das gibt seinem Buch eine bemerkenswerte inhaltliche Tiefe, ohne jedoch zu sehr in Fachjargon zu verfallen. Er ist nicht nur Forscher, sondern auch ein Geschichtenerzähler, was dem Text sehr guttut. Selbst beim heiklen Thema Kannibalismus trifft er den richtigen Ton: interessiert, analytisch, empathisch, aber nicht sensationslüstern. Nachzulesen in der Episode über eine Schiffsbesatzung, die in einem Rettungsboot im Atlantik treibt und bereits begonnen hatte, den eigenen Urin zu trinken, um wenigstens etwas gegen den Durst zu tun.

Hanns-Christian Gunga: Am Tag zu heiß und nachts zu hell. Was unser Körper kann – und warum er heute überfordert ist. Foto: Rowohlt Vergrößern
Hanns-Christian Gunga: Am Tag zu heiß und nachts zu hell. Was unser Körper kann – und warum er heute überfordert ist. © Rowohlt

Insbesondere die Teile zu Hitze und Schlafmangel sind für die meisten Leser am ehesten nachvollziehbar. Schließlich hat jeder schon erlebt, wie brennender Durst die Konzentration zunichte macht oder Nachtarbeit auf die Gesundheit schlägt. Gunga erklärt die physiologischen Hintergründe und was man am besten dagegen tun kann.

Die meisten Extrembereiche, die er beschreibt, werden wohl nur die Wenigsten selbst erfahren. Trotzdem ist es spannend zu lesen, wie Schwerelosigkeit das Sehvermögen von Astronauten nach der Rückkehr auf die Erde beeinträchtigt. Wie wichtig gemeinsame Mahlzeiten mit ansprechenden Gerichten für Raumfahrer wie für Überwinterer in der Antarktis sind. Oder dass potenzielle Marsbesucher körperlich und geistig lädiert auf dem Roten Planeten ankommen dürften und entsprechend unfit auf dem Himmelskörper umhertappen – sofern sie überhaupt noch stehen könnten.

So gut die Erzählungen und medizinischen Erläuterungen sind: Der Ansatz, die Grafiken explizit anders als in Fachpublikationen zu gestalten, mit viel Ästhetik und stark reduziertem Informationsgehalt, passt nicht zum Text. Infografiken können komplexe Zusammenhänge hervorragend darstellen und begreifbar machen. Im besten Fall sind sie zudem auch noch schön anzuschauen. Sie wären eine ideale Ergänzung.

Das Fazit wird auch trotz dieser Einschränkung deutlich: Unsere Wohlfühlzone ist verdammt klein. Der ideale Lebensraum erstreckt sich auf gerade 1000 Meter, wo Temperatur und Druck passen, Nahrungsquellen verfügbar sind. „Etwas ähnlich Passendes wie die Erde für uns im All zu finden, dürfte schwierig sein“, schreibt Gunga. Es gebe nach dem heutigen Stand der Wissenschaft keine echte Alternative zum Leben auf dem Blauen Planeten. „Wir sollten klug sein und uns entsprechend verhalten.“ Ralf Nestler

Frühstücken fürs Klima

Was kann der Einzelne fürs Klima tun? Viel, zeigt das Buch von Jonathan Safran Foer.

Denken Sie, dass die Klimakrise menschengemacht ist und gravierende Folgen für die Erde hat? Dumme Fragen, werden Sie jetzt wahrscheinlich sagen – natürlich! Denn tatsächlich leugnen nur sehr wenige den Klimawandel, laut Studien sind das selbst in den USA weniger als 15 Prozent der Menschen. Jetzt aber Hand aufs Herz: Was tun Sie persönlich, um die Klimakrise zu bekämpfen? Haben Sie irgendetwas an ihrem Lebensstil nachhaltig verändert?

Bryan Sykes: Darwins Hund – Die Geschichte des Menschen und seines besten Freundes. Klett-Cotta, Stuttgart, 2019, 319 Seiten, 22 Euro Foto: Klett-Cotta Vergrößern
Bryan Sykes: Darwins Hund – Die Geschichte des Menschen und seines besten Freundes. Klett-Cotta, Stuttgart, 2019, 319 Seiten, 22 Euro © Klett-Cotta

Wahrscheinlich eher nicht, der Autor dieser Zeilen schließt sich mit ein. Diesem Widerspruch zwischen Wissen und Handeln geht der US-Autor Jonathan Safran Foer in seinem Buch „Wir sind das Klima!“ nach. Warum bleiben viele träge, obwohl ihnen rational klar ist, dass sich die Menschheit mit der Klimakrise auf dem besten Weg in den kollektiven Selbstmord befindet, wenn sie so fortfährt wie bisher?

Zugegebenermaßen ist Foers Buch nicht besonders subtil, dafür umso aufrüttelnder. Und glaubhaft: nicht nur, weil er sich auf zahlreiche Studien stützt, sondern weil er sich selbst nicht als Moralapostel über andere erhebt.

Seine Botschaft: Natürlich spielt es eine Rolle, was die und der Einzelne tut – denn wenn sich Millionen anschließen und ihren Lebensstil ebenso anpassen, ändert sich eben doch etwas. Foer geht es dabei vor allem um den Konsum tierischer Produkte. So viel sei verraten: Er schlägt eine Lösung vor, die schon beim Frühstück beginnt – und eigentlich für alle möglich sein sollte. Lebhafte Debatten unterm Weihnachtsbaum wird sein Werk auf jeden Fall auslösen. Tilmann Warnecke

Jagdgefährte wird zum besten Freund des Menschen

Es war kein Zufall, dass der Mensch den Wolf zum Hund machte – schreibt Bryan Sykes in seinem Buch über die verblüffende Symbiose zweier Todfeinde.

Vor etwa 40 000 Jahren gerät die Wölfin Lupa mit ihrem Rudel in einen Kampf mit einem gefährlichen Auerochsenbullen. Menschen haben ihn gehetzt, jetzt spießen seine Hörner Lupas Artgenossen auf. Kurzerhand verbünden sich die Wölfe mit der gerade erst nach Europa eingewanderten Homo-sapiens-Gruppe. Mit Erfolg. Immer öfter jagen die beiden Arten gemeinsam, zum Überlebensvorteil beider.

Adam Hart-Davis beginnt bei Empedokles und endet beim Boson. Foto: promo Vergrößern
Adam Hart-Davis beginnt bei Empedokles und endet beim Boson. © promo

So stellt sich Bryan Sykes, Genetiker der Universität Oxford, den Schlüsselmoment in der Beziehung von Mensch und Wolf und den Beginn der Domestikation des Hundes vor. Etwas viel Fantasie für ein Sachbuch? Sykes, nicht bekannt für Gefühlsduseleien, war sich selbst nicht sicher, zumal er „ kein Hundemensch“ sei. Doch es habe ihn fasziniert, dass zwei Arten, immerhin ursprünglich Todfeinde, sich derart annähern konnten. Denn nicht nur der Mensch habe den Wolf verändert, auch der Hund nahm Einfluss auf die Evolution des Menschen, meint Sykes. Homo sapiens verdanke sein Überleben nicht nur der Zähmung des Feuers, der Sprache oder der Landwirtschaft, sondern auch seinem Helfer, Beschützer und Begleiter, seinem „besten Freund“. Ob das stimmt, dürfte schwierig zu beweisen sein. Ein guter Grund, das Buch den Hundeliebhabern in Verwandt- und Bekanntschaft zu schenken, ist es allemal. Sascha Karberg

„Schrödingers Katze“ trifft „Pawlows Hund“

Experimente, die die Wissenschaft revolutionierten - In zwei launigen Büchern erklärt der Brite Adam Hart-Davis die Geschichte der Physik und der Psychologie. In einem davon verrennt er sich ein wenig.

Auch verdiente Wissenschaftler verrennen sich manchmal. Lord Kelvin etwa. Der britische Gelehrte, nach dem die Temperaturskala benannt ist, soll Ende des 19. Jahrhunderts gesagt haben: „In der Physik gibt es nichts Neues mehr zu entdecken.“ Tja, und dann kam Albert Einstein – und die Disziplin wurde umgekrempelt.

Einmal mehr, wie der Engländer Adam Hart-Davis in seinem vor Kurzem auf Deutsch erschienenen Buch „Schrödingers Katze – und 49 andere Experimente, die die Physik revolutionierten“ (Knesebeck, 2019, 176 Seiten, 16 Euro) betont. Von 430 vor Christus und Empedokles’ Frage „Ist Luft ‚etwas‘?“ arbeitet der studierte Chemiker und BBC-Moderator sich in kurzen, mit Collagen illustrierten Aufsätzen über Newton, Doppler, Curie und Tesla hin zum Jahr 2009 und dem Boson.

Davis-Hart schreibt launig, vermischt Biografisches und Fachliches und verschafft so einen soliden Überblick, ohne sein Laienpublikum jemals zu überfordern. Formeln oder Gleichungen gibt es hier nicht. Wofür es einen Teilchenbeschleuniger braucht und welche Revolution damit einherging, hat nachher trotzdem jeder verstanden.

Nach diesem Schema ist auch „Pawlows Hund“ gestrickt, Hart-Davis’ zweites Buch, in dem er sich durch die Geschichte der Psychologie schreibt. Der Zeitrahmen ist dabei wesentlich kürzer gespannt, von 1881 bis 2007, was man angesichts der Tatsache, dass schon Aristoteles „Über die Seele“ nachdachte, wunderlich finden kann.

Ganz falsch war der Erziehungsstil von Esther Wojcicki wohl nicht. Tochter Anne (in Rot) leitet die BiotechFirma „23andme“, Susan (in Schwarz) „Youtube“. Foto: AFP Vergrößern
Ganz falsch war der Erziehungsstil von Esther Wojcicki wohl nicht. Tochter Anne (in Rot) leitet die BiotechFirma „23andme“, Susan (in Schwarz) „Youtube“. © AFP

Weitaus wunderlicher ist jedoch der esoterische Unterton, der durch manche Kapitel wabert. Neben berühmten Anekdoten von Darwin („Sind Würmer intelligent?“), Milgram („Wie weit würden Sie gehen?“) oder Libet („Haben Sie wirklich die Kontrolle?“) erzählt der Autor auch nonchalant von Versuchsreihen zu Hellsehen und Gesundbeten. Dergleichen wissenschaftlich zu untersuchen, dagegen spricht ja erst mal nichts. Wie besagte Studien die Psychologie jedoch revolutioniert haben sollen, die Antwort bleibt Hart-Davis bei allem Unterhaltungswert schuldig. Wie gesagt: Auch Forscher verrennen sich mitunter. Moritz Honert

Machen Sie sich überflüssig!

„Panda Mama“ plädiert für eine entspannte Erziehung zur Selbstständigkeit.

„Kinder sind Erwachsene in Ausbildung“, sagt die wohl berühmteste Lehrerin der USA. Prominente wie Steve Jobs sollen ihre Kinder nur deshalb nicht auf teure Privatschulen geschickt haben, damit sie bei Esther Wojcicki in den Unterricht gehen können.

Eigentlich wirkt es nicht spektakulär, was die erfahrene Pädagogin, Journalistin und Mutter dreier Töchter seit Jahren praktiziert und nun in ihrem Buch darlegt: Sie wirbt dafür, Kindern mit Vertrauen und Respekt zu begegnen, ihre Unabhängigkeit zu fördern, mit ihnen zusammenzuwirken und dabei freundlich zu sein. Trust, Respect, Independence, Collaboration und Kindness sind die Prinzipien ihres „TRICK“ genannten Erziehungsmodells, das sie in „Panda Mama“ nun auch deutschen Lesern nahebringt.

Der Titel des Buchs bildet einen bewussten Kontrast zu den „Tiger Moms“, beschrieben von Amy Chua. Deren Buch trägt den unmissverständlichen deutschen Titel: „Die Mutter des Erfolgs: Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte“. Chuas Plädoyer für Strenge und Drill sorgte bei Erscheinen 2011 auch in Deutschland für erregte Diskussionen über den „asiatischen“ Erziehungsstil.

Esther Wojcicki: Panda Mama – Wie man glückliche und selbstbewusste Kinder großzieht. Ullstein Leben, Berlin, 2019, 352 Seiten, 19,99 Euro Bild: Ullstein Vergrößern
Esther Wojcicki: Panda Mama – Wie man glückliche und selbstbewusste Kinder großzieht. Ullstein Leben, Berlin, 2019, 352 Seiten, 19,99 Euro © Bild: Ullstein

Aber nicht nur diese Tigermütter nimmt Wojcicki ins Visier: auch die „Helikopter-Eltern“, die ihre Kinder nicht aus den Augen lassen. Sowie diejenigen Mütter und Väter, die ihre Hilfeleistungen sogar noch weiter treiben. „Schneepflug-Eltern“ werden sie in den USA inzwischen genannt, weil sie ihre Kinder mit Nachdruck nach vorne schieben, statt sie selbst machen zu lassen. Beide, Tiger- und Schneepflug-Eltern, gestünden ihren Kindern wenig eigenen Handlungsspielraum zu – und förderten damit deren Ängstlichkeit, schreibt Wojcicki.

In ihrem Buch dreht sich vieles um Jugendliche, denn die 78-Jährige unterrichtete jahrelang an High Schools. Der Grundstein für ein selbstbewusstes Erwachsenwerden werde jedoch schon eher gelegt. Schon Babys könnten lernen, auf ihre eigenen Kräfte zu vertrauen – etwa beim Einschlafen und Wieder-Einschlafen. Wojcicki plädiert dafür, einen Moment zu warten, ehe man ein Baby tröstet, das nachts aufwacht. Sie stützt sich dabei auf eine Studie aus der Fachzeitschrift „Pediatrics“: Im Jahr 2017 berichteten Ian M. Paul und seine Kollegen, dass Babys länger und durchgehender schlafen, wenn sie nachts nicht im Zimmer der Eltern schlafen.

Auch für Zweijährige, die sich unbedingt alleine anziehen wollen, bricht Wojcicki eine Lanze. Nicht immer ist Zeit dafür, selten wird es perfekt gelingen. Aber den Wunsch sollten Eltern als gutes Zeichen werten. So viele Kinder litten unter dem Konflikt, etwas selbstständig und gleichzeitig perfekt erledigen zu wollen. Aber: „Kinder müssen als Kinder einfach Mist bauen, um als Erwachsene weniger Mist zu bauen.“

Um später Erfolg zu haben, braucht es allerdings auch Biss und Durchhaltevermögen. Das könne man fördern, indem man in Alltagssituationen Geduld und Selbstbeherrschung übe. Beides ist wichtig, das zeigen Langzeitergebnisse der „Marshmallows“-Studie: Menschen, die im Kindergartenalter fähig sind, einen Genuss aufzuschieben, weil sie wissen, dass ihnen als Belohnung dann vom Versuchsleiter die doppelte Ration Süßigkeiten ausgehändigt wird, sind als Erwachsene beruflich erfolgreicher, haben weniger zwischenmenschliche Probleme als Gleichaltrige, die als Kinder in derselben Versuchssituation die Süßigkeiten sofort aufaßen. Wojcicki schreibt, man könne und sollte den Aufschub der Bedürfnisbefriedigung in kleinen Schritten üben. Ebenso, wie Langeweile auszuhalten.

Bei alledem setzt sie auf einen „kollaborativen“ Erziehungsstil. „Wenn Sie mit Ihrem Kind wie mit einem Mitarbeiter sprechen, gibt ihm das das Gefühl, Teil eines Teams zu sein, und genau das sollten Familien ja sein.“ Die Teamfähigkeit junger Menschen ist in ihren Augen heute auch dadurch gefährdet, dass sowohl Tiger- als auch Helikopter-Eltern nur ihr Kind im Blick haben – und so Menschen heranziehen, die sich „für den Mittelpunkt des Universums halten“. Ängstliche Narzissten, die sich nicht für das Wohl anderer engagieren. Der wichtigste Rat der klugen Autorin an Eltern und andere Erziehungspersonen ist also: Machen Sie sich überflüssig! Adelheid Müller-Lissner

Angst essen Ethik auf

Bedingen Gefühle unsere Werturteile?

Dürfen unfruchtbare erwachsene Geschwister einvernehmlichen Sex haben? Darf man mit der Landesflagge die Toilette putzen? Ist es opportun, jemanden zu opfern, um fünf andere zu retten?

Moralpsychologische Studien bezeugen, dass menschliche Antworten auf derartige Fragen in Bruchteilen von Sekunden entstehen. Moralische Urteile sind selten das Destillat rationaler Abwägung und philosophischer Begründungsketten – allenfalls werden sie im Nachklapp behelfsmäßig rationalisiert.

Philipp Hübl: Die aufgeregte Gesellschaft – Wie Emotionen unsere Moral prägen und die Polarisierung verstärken. C. Bertelsmann, München, 2019, 432 Seiten, 22 Euro Foto: C. Bertelsmann Vergrößern
Philipp Hübl: Die aufgeregte Gesellschaft – Wie Emotionen unsere Moral prägen und die Polarisierung verstärken. C. Bertelsmann, München, 2019, 432 Seiten, 22 Euro © C. Bertelsmann

Stattdessen sind die ethischen Richtlinien einer Person mit ihrem meist unbewussten – kulturell wie biologisch fundierten – Emotionen-Gefüge verschränkt, schreibt der Philosoph Philipp Hübl in seinem aktuellen Werk „Die aufgeregte Gesellschaft“. Auch wenn die Probanden das womöglich nicht bemerkten, löse etwa die Geschwisterfrage häufig heftiges Unbehagen aus.

Emotionen wie Angst, Ekel, Mitleid und Neugier – so die Kernthese von Hübls kenntnisreichem Buch – prägen die menschliche Moralität und mithin politische Einstellungen. So konnte zum Beispiel eine amerikanische Langzeitstudie einen Zusammenhang zwischen den Charaktermerkmalen vierjähriger Kindergartenkinder und ihrem späteren Wahlverhalten zeigen.

Auch der gesellschaftlichen Polarisierung, dem wachsenden Konflikt zwischen progressiv eingestellten Weltbürgerinnen auf der einen und konservativen Tribalisten auf der anderen Seite, lägen moralische Gefühle zugrunde. Diese bilden laut einschlägigen moralpsychologischen Studien die Grundlage für sechs ethische Kernprinzipien, die sich bei allen Menschen auf der Welt in unterschiedlicher Ausprägung fänden. Bei fortschrittlich gestrickten Personen dominierten dabei die Werte Fairness, Fürsorge und Freiheit. Für Konservative, Rechtsextreme und Islamisten hingegen sei die oft verhängnisvolle Trias Autorität, Loyalität und Reinheit bestimmend.

Und doch wird etwa eine ängstliche Person nicht notwendig zum Faschisten, so Hübl. Die archaischen Instinkte determinieren uns keineswegs, die Moral bleibt letztlich eine Frage der Entscheidung: „Die Evolution hat uns mit der Fähigkeit zur Selbsterkenntnis ausgestattet, mit der wir spontane Impulse überdenken und aktiv kontrollieren können.“

Mittels praktischer Vernunft also lassen sich Emotionen wie Ekel und Unbehagen, die menschheitsgeschichtlich zwar relevant sein mögen, die Moral aber eher schlecht beraten, bei der Ausbildung von Werten in den Hintergrund drängen. Die gute Nachricht, so der Philosoph: wir können unsere politischen Einstellungen revidieren. Die schlechte: von dieser uns angestammten Selbstbestimmung machen wir zu selten Gebrauch.

Christoph David Piorkowski

Ein besseres Leben für Frauen – und besseren Sex auch

Kirsten Ghodsees aufmerksamkeitsheischende These ist, dass „Frauen im Sozialismus besseren Sex haben“. In ihrem Buch geht es aber vor allem um Arbeitsbedingungen und die gesellschaftliche Stellung der Frau.

„Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben“: Der Titel garantiert dem Buch von Kristen Ghodsee natürlich große Aufmerksamkeit. Und große Aufmerksamkeit wünscht man dem Buch der Professorin für Russische und Osteuropäische Studien an der University of Pennsylvania auch, selbst wenn viele Abschnitte ganz ohne Sex auskommen. Dafür geht es sehr viel mehr um Arbeitsbedingungen, ökonomische Abhängigkeiten und die gesellschaftliche Stellung von Frauen in unserem Wirtschaftssystem. „Unregulierter Kapitalismus ist schlecht für Frauen, und wenn wir einige Ideen aus dem Sozialismus adaptieren, wird es ihnen besser gehen“, lautet Ghodsees These.

Kristen R. Ghodsee: Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben – Und andere Argumente für ökonomische Unabhängigkeit. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2019, 277 Seiten, 18 Euro Foto: Suhrkamp Vergrößern
Kristen R. Ghodsee: Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben – Und andere Argumente für ökonomische Unabhängigkeit. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2019, 277 Seiten, 18 Euro © Suhrkamp

Ghodsee ist Expertin für die transformierten Gesellschaften Osteuropas, und als solche hat sie die Auswirkungen des Übergangs nach 1989 für Frauen analysiert. Nicht alles änderte sich da zum Besseren. Ghodsees Erkenntnisse sind daher sehr erhellend für die Gesellschaftsverhältnisse der Jetztzeit. Und bevor das große Aber kommt: Nein, eine Rückkehr zu politischen Verhältnissen wie in der Sowjetunion propagiert Ghodsee natürlich nicht. Ihr geht es mehr um das skandinavische Modell – und um ein gerechteres Leben für Frauen und Männer. Tilmann Warnecke

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