Geschlechtergerechte Sprache löst seit Jahrzehnten Diskussionen aus. Foto: www.imago-images.de
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Warum Sprachwandel notwendig ist Der Professor, die Professor, das Professor

Anatol Stefanowitsch

Alle weiblichen Formen abschaffen und schon ist das Deutsche geschlechtsneutral? So einfach ist es nicht mit der gendergerechten Sprache. Daher braucht es einen Sprachwandel.

Spätestens seit der Rechtschreibrat sich im vergangenen Jahr auch nur mit der entfernten Möglichkeit befasst hat, das Gendersternchen in die amtliche Rechtschreibung aufzunehmen, ist das Thema der geschlechtergerechten Sprache (wieder einmal) in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Während die einen in Petitionen „Schluss mit Gender-Unfug!“ fordern und Plug-Ins für Webbrowser und E-Mail-Programme basteln, die automatisch das Gendersternchen aus Texten entfernen, überlegen andere, ob das etwas altmodische Gendersternchen nicht lieber durch einen Gender-Doppelpunkt ersetzt werden sollte, weil Screen Reader den als kurze Pause vorlesen.

Ist "Schriftstellerin" ungerecht gegenüber Frauen?

In dieser Situation kommt nun der Schriftsteller Nele Pollatschek und schlägt vor, es doch so zu machen, wie dieser Satz, und einfach zum generischen Maskulinum zurückzukehren. Nicht, weil sie gerechte Sprache ablehnt, sondern, weil eine gegenderte Form wie „Schriftstellerin“ ungerecht gegenüber den Frauen sei.

Das Argument mag auf den ersten Blick befremdlich scheinen, es ist aber nicht neu und auch keineswegs unbegründet. Es greift aber zu kurz.

"-in" gibt es schon im Althochdeutschen

Beginnen wir mit der Nachsilbe, die Pollatschek abschaffen will. Mit „-in“ abgeleitete weiblichen Formen gibt es schon im Althochdeutschen, sie waren aber bis ins 20. Jahrhundert hauptsächlich auf allgemeine Funktionsbezeichnungen (wie „Ehebrecherin“ oder „Einwohnerin“) oder Bezeichnungen für die Frau eines männlichen Funktionsträgers (wie „Bürgermeisterin“ in der Bedeutung „Frau eines Bürgermeisters“) beschränkt. Bei Berufsbezeichnungen fand sich die Endung nur bei typischen Frauenberufen („Wäscherin“, „Näherin“) – was natürlich daran lag, dass alle anderen Berufe Frauen verschlossen waren, sodass es keinen Grund gab, etwa Formen wie „Ärztin“ oder „Rechtsanwältin“ zu bilden.

Erst mit dem Vordringen von Frauen in bis dahin ausschließlich männliche Berufs- und Tätigkeitsfelder stellte sich auf gesellschaftlicher Ebene überhaupt das Problem eines angemessenen sprachlichen Umgangs.

Der männliche Normalfall wird beibehalten

Zum einen stellte sich die Frage nach weiblichen Berufsbezeichnungen – hier war die Nachsilbe „-in“ eine offensichtliche und gut ins Sprachsystem integrierte Strategie, die dann auch zunehmend Verwendung fand. Zum anderen stellte sich aber die Frage, wie der Beruf an sich (als abstrakte Kategorie) oder geschlechtlich gemischte Berufsgruppen bezeichnet werden sollten.

Hier setzte sich wie selbstverständlich die Praxis durch, den bisherigen männlichen Normalfall sprachlich beizubehalten – wer Bücher schreibt, ist „Schriftsteller“ und wenn in einem Café drei weibliche und Bücher schreibende Menschen beisammen sitzen und ein männlicher, sind das „vier Schriftsteller“. In Grammatiken wird dieses semantisch etwas kuriose Vorgehen – heute als „generisches Maskulinum“ bezeichnet – seit den 1960er Jahren erwähnt.

Der Autor: Anatol Stefanowitsch ist Professor für Sprachwissenschaft an der FU Berlin Foto: Bernd Wannenmacher/FU Vergrößern
Der Autor: Anatol Stefanowitsch ist Professor für Sprachwissenschaft an der FU Berlin © Bernd Wannenmacher/FU

Gegen diese Praxis wandten sich ab den späten 1970er Jahren feministische Sprachwissenschaftlerinnen (es waren anfänglich ausschließlich Frauen). Sie diagnostizierten ein Wahrnehmungsproblem: Wenn wir sprachlich so tun, als ob wichtige gesellschaftliche Bereiche ausschließlich von Männern bevölkert sind, wird es uns allen – Männern wie Frauen – schwerer fallen, uns in diesen Bereichen auch Frauen vorzustellen. Den betroffenen Frauen wird außerdem signalisiert, dass sie bestenfalls eine Ausnahme vom Normalfall seien, was vermutlich nicht besonders motivierend wirkt.

Psychologische Bestätigung erhielten diese Einsichten zwanzig Jahre später – ab der Jahrtausendwende haben Psycholinguistinnen (auch hier anfänglich ausschließlich Frauen) in Dutzenden von Studien gezeigt, dass maskuline Personenbezeichnungen tatsächlich vorrangig männlich interpretiert werden, ganz egal, ob sie generisch gemeint sind oder nicht.

Ein bahnbrechender Aufsatz von Luise Pusch

Die Frage war nun, wie mit diesem Problem umzugehen sei. Alle seitdem diskutierten Argumente und Lösungsvorschläge dazu finden sich zumindest in Grundzügen im bahnbrechenden, 1980 erschienenen Aufsatz „Das Deutsche als Männersprache“ der feministischen Linguistin Luise Pusch. Der Aufsatz ist konzipiert als öffentliche Antwort auf einen Brief, den ihr der damalige Vorstand des Instituts für deutsche Sprache, Gerhard Stickel, geschrieben hatte (übrigens einer der wenigen sprachwissenschaftlich ausgebildeten Menschen, der die oben erwähnte Petition mitunterschrieben hat).

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Stickel wies in seinem Brief an Pusch auf ein Problem hin, das auch die feministischen Linguistinnen schon diskutiert hatten: Wenn man den Gebrauch der Endung „-in“ weiter ausweite, würde damit die Kategorie Geschlecht gerade dort ständig betont, wo sie nun endlich keine gesellschaftliche Rolle mehr spielen solle. Er schlug vor, das Problem zu lösen, indem man die Nachsilbe „-in“ ganz abschaffe. Da es dann keine Unterscheidung mehr zwischen männlichen und weiblichen Personenbezeichnungen gebe, würden die vormals männlichen Formen mit der Zeit geschlechtsneutral interpretiert werden.

Genau diesen Vorschlag greift Pollatschek nun also vierzig Jahre später auf. Sie fühlt sich durch die weibliche Berufsbezeichnung „Schriftstellerin“ auf ihr Geschlecht reduziert – die Nachsilbe habe einen ähnlichen Effekt als würde man jedes Mal „Vagina!“ rufen, wenn man ihren Beruf nenne.

Ob Theresa May oder Boris Johnson: Im Englischen wird vom "Prime Minister" gesprochen. Doch das Englische ist mit dem Deutschen nicht vergleichbar - es hat die grammatische Kategorie "Genus" schon vor 500 Jahren verloren. Foto: picture alliance / Pa/PA Wire/dp Vergrößern
Ob Theresa May oder Boris Johnson: Im Englischen wird vom "Prime Minister" gesprochen. Doch das Englische ist mit dem Deutschen nicht vergleichbar - es hat die grammatische Kategorie "Genus" schon vor 500 Jahren verloren. © picture alliance / Pa/PA Wire/dp

Damit spricht sie ein ernstzunehmendes Problem an, auf das ich noch zurückkomme. Die Lösung des Problems sieht sie – wie Stickel – darin, die weiblichen Formen vollständig abzuschaffen. Damit würden die grammatisch maskulinen Formen von ihrer männlichen Bedeutung befreit und würden alle Menschen gleichermaßen erfassen. Sie verweist auf das Englische, in dem vormals männliche Formen wie „Prime Minister“ einfach beibehalten wurden, als die erste Frau in dieses Amt gewählt wurde. Auf diese Weise seien aus männlichen Bezeichnungen geschlechtsneutrale geworden und auf diese Weise könne das auch im Deutschen gelingen.

Geschlechtsneutrale Personenbezeichnungen im Englischen

Das Englische ist mit dem Deutschen hier aber nicht vergleichbar: Es hat die grammatische Kategorie „Genus“ schon vor über 500 Jahren verloren, als Genus- und Kasusendungen von Substantiven verschwanden und die die Artikel „se“ (maskulin, also „der“), „þæt“ (feminin) und „sēo“ (neutrum, also „das“) durch „the“ ersetzt wurden.

[Mehr zum Thema: Lesen Sie hier, wo die Debatte über gendergerechte Sprache steht.]

Seitdem sind im Englischen alle Personenbezeichnungen geschlechtsneutral, wenn sie nicht gerade die Wörter „man“ (wie „chairman“) oder „woman“ (wie „cleaning woman“) enthalten. Falls im Englischen mit einem Wort wie „writer“ eher ein Mann assoziiert würde, läge das also ausschließlich an stereotypen gesellschaftlichen Vorstellungen, nicht an der grammatischen Bedeutung des Wortes.

Wenn mit dem deutschen Wort „Schriftsteller“ dagegen ein Mann assoziiert wird, liegt das daran, das maskuline Personenbezeichnungen in ihrer Bedeutung männlich sind – auch bei „Zahnarzthelfer“ würden wir uns einen Mann vorstellen, obwohl wir wahrscheinlich noch nie einen männlichen Vertreter dieses Berufs gesehen haben (er wird zu 98,3 Prozent von Frauen ausgeübt).

Die Korrelationen im Deutschen

Aber muss das so sein? Pollatscheks (und Stickels) Argument wäre ja, dass diese männliche Interpretation nur daher kommt, dass es eben auch das Wort „Zahnarzthelferin“ gibt. Wenn wir die weiblichen Formen abschaffen, würden diese Interpretation verschwinden und Wörter wie „Schriftsteller“ und „Zahnarzthelfer“ wären geschlechtsneutral.

So einfach ist das aber nicht. Das Maskulinum wird bei Personenbezeichnungen nicht deshalb männlich interpretiert, weil einige weiblich interpretierte Wörter mit der Nachsilbe „-in“ markiert sind.

Es wird männlich interpretiert, weil es im deutschen Wortschatz auch ohne diese Nachsilbe eine perfekte Korrelation gibt: Wörter, die sich ausschließlich auf Männer beziehen, sind maskulin, Wörter, die sich ausschließlich auf Frauen beziehen, sind feminin: „der Mann“ – „die Frau“, „der Vater“ – „die Mutter“, „der Mönch“ – „die Nonne“, „der Bräutigam“ – „die Braut“ und so weiter.

Ausnahmen: "das Mädchen", "das Väterchen"

Die einzigen Ausnahmen sind Wörter, die eine Diminutivendung enthalten und grundsätzlich Neutra sind, wie „das Mädchen“ oder „das Väterchen“. In Dialekten, in denen Eigennamen mit Artikel auftreten können, gilt diese Korrelation ebenfalls: „der Leon“ – „die Leonie“, „der Hans“ – „die Maria““. Und auch ganz ohne Substantiv behalten die Artikel ihre männliche bzw. weibliche Bedeutung: „der da“ ist männlich, „die da“ ist weiblich. Dass es eine Handvoll Wörter gibt, die sich auf beide Geschlechter beziehen, aber maskulin („der Mensch“) oder feminin („die Person“) sind, ändert daran nichts.

[Lesen Sie hier einen Gastbeitrag von Nele Pollatschek: Deutschland ist besessen von Genitalien - Gendern macht die Diskriminierung nur noch schlimmer.]

Diesen Zusammenhang müsste man auflösen, wenn man die maskuline Wortform zu einer geschlechtsneutralen machen wollte. Pusch hat das im oben erwähnten Aufsatz bereits durchgespielt: Man könnte dazu die ehemals männliche Form durchgängig anwenden, und das Geschlecht der Bezeichneten durch den Genus anzeigen: „der Professor“ wäre ein Mann, „die Professor“ wäre eine Frau, und „das Professor“ wäre die geschlechtsneutrale Form.

Der Professor wäre ein Mann, die Professor eine Frau, das Professor die geschlechtsneutrale Form - diesen Vorschlag machte einst die Linguistin Luise Pusch. Foto: picture alliance / dpa Vergrößern
Der Professor wäre ein Mann, die Professor eine Frau, das Professor die geschlechtsneutrale Form - diesen Vorschlag machte einst die Linguistin Luise Pusch. © picture alliance / dpa

Dieser Vorschlag schien damals absurd und diente hauptsächlich zur Verdeutlichung des Problems. Aber es ist nicht so, als ob es unmöglich wäre, ihn umzusetzen. Im Russischen lässt sich ein ähnliches Phänomen beobachten: Dort gibt es zwar keinen Artikel, an dem das Geschlecht sichtbar wäre, aber man erkennt es an der Endung des Verbs – die ist, je nach Geschlecht des Subjekts männlich, weiblich oder sächlich. Seit einiger Zeit etabliert sich nun die Praxis, die maskuline Berufsbezeichnung auch für Frauen zu verwenden, aber die weibliche Verb-Endung beizubehalten

Ob die deutsche Sprachgemeinschaft für solch radikaleren Eingriffe in ihre Sprachgewohnheiten offen ist, bliebe abzuwarten. Dass in den vergangenen vierzig Jahren niemand Puschs Vorschlag aufgegriffen hat, stimmt mich skeptisch.

Sprachliche Traditionen werden hinterfragt

Aber andererseits erleben wir derzeit eine in dieser Breite nie dagewesene Bereitschaft, sprachliche Traditionen zu hinterfragen. Dass es die gesprochene Version des Gendersternchens – den wie eine Pause klingenden kleinen Neuansatz vor der Endung „-in“ – in Talkshows und Nachrichtensendungen schaffen würde, hätte vor einem Jahr auch niemand vermutet.

Und damit sind wir wieder bei der Frage der Sichtbarkeit. Die feministische Sprachwissenschaft hat sich vor vierzig Jahren dafür entschieden, die sprachliche Sichtbarkeit von Frauen in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen zu stellen und dafür in Kauf zu nehmen, die Kategorie Geschlecht auch dort zu betonen, wo sie eigentlich keine Rolle spielen sollte. Diese Betonung war, wie schon Pusch schrieb, das kleinere von zwei Übeln – das größere wäre gewesen, Frauen im generischen Maskulinum verschwinden zu lassen.

Die Frage der Sichtbarkeit

Es ist aber legitim, wenn Pollatschek (wie viele andere Frauen) die Entscheidung anders treffen will. Mit der immer stärkeren Verbreitung der Nachsilbe „-in“ ist ja eine Situation entstanden, in der jede einzelne Frau gezwungen ist, die Sichtbarkeit aller mitzutragen. Wer keiner diskriminierten Gruppe angehört, kann sich nur schwer vorstellen, wie auszehrend es ist, ständig nicht nur Individuum sondern auch Vertreter*in dieser Gruppe zu sein.

Das ist ein Grundproblem, das die Mehrheitsgesellschaft nicht einfach den Betroffenen überlassen sollte – aus der Wertvorstellung einer Gesellschaft, in der das Geschlecht keinen Einfluss auf die gesellschaftliche Wahrnehmung einer Person haben darf, ergibt sich ein Recht auf geschlechtsneutrale sprachliche Formen. 

Sichtbarkeit - das gilt erst recht für nicht-binäre Menschen, die wir oft vergessen und an deren Existenz viele Menschen zweifeln, wenn sie überhaupt schon einmal über die Frage nachgedacht haben. Foto: picture alliance/dpa Vergrößern
Sichtbarkeit - das gilt erst recht für nicht-binäre Menschen, die wir oft vergessen und an deren Existenz viele Menschen zweifeln, wenn sie überhaupt schon einmal über die Frage nachgedacht haben. © picture alliance/dpa

Allerdings muss dieses Recht gegen das Recht auf Sichtbarkeit abgewogen werden. Bis zum vorangehenden Absatz ging es in diesem Beitrag nur um Frauen und Männer. Eine dritte Gruppe war sprachlich komplett unsichtbar und ist erst durch das Sternchen in „Vertreter*in“ sichtbar geworden: nicht-binäre Menschen, also diejenigen, die sich nicht in die Kategorien Mann und Frau einordnen können oder wollen.

Schon Frauen, deren Existenz ja offensichtlich und unstrittig ist, werden in geschlechtsneutralen Formen wie „Studierende“ oder „Vorstandsvorsitzende“ häufig nicht ohne Weiteres mitgedacht (auch das zeigen die oben erwähnten Studien). Das gilt erst recht für nicht-binäre Menschen, die wir oft vergessen und an deren Existenz viele Menschen zweifeln, wenn sie überhaupt schon einmal über die Frage nachgedacht haben.

Wie Sprachwandel funtkioniert

Für diese Gruppe ist Sichtbarkeit die Voraussetzung, um überhaupt am gesellschaftlichen Diskurs teilzunehmen. Dass sie dabei ihre geschlechtliche Identität auch dort zum Thema machen, wo sie keine Rolle spielen sollte, ist für die*den Einzelne*n sicher oft unangenehm, es ist aber Teil genau der gesellschaftlichen Wahrnehmung, die erreicht werden soll.

Am besten wäre es deshalb, wenn wir aufhören würden, nach einheitlichen Sprachregelungen zu rufen – egal, ob es sich dabei um den Versuch handelt, das Maskulinum zu einer geschlechtsneutralen Form zu machen, oder um den Versuch, das Gendersternchen flächendeckend durchzusetzen. Überlassen wir es unterschiedlichen Interessengruppen, unterschiedliche und vielfältige Vorschläge zu machen und überlassen es dem freien Spiel der Kräfte, welche Formen sich am Ende durchsetzen. So (und nur so) funktioniert Sprachwandel ohnehin.

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