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Eine Kitaerzieherin im Gespräch mit einem Mädchen im Vorschulalter. Foto: imago/Westend61
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Wahlcheck an der Alice Salomon Hochschule Auch CDU und FDP sind offen für das FH-Promotionsrecht

Die Alice-Salomon-Hochschule wollte von Berliner Hochschulpolitiker:innen wissen, was sie für ihr Fächerspektrum tun wollen - und für das Promotionsrecht.

Alle Anhörungen im Wissenschaftsausschuss des Abgeordnetenhauses haben nichts gebracht: Obwohl die Parlamentarier:innen wiederholt von den Fachhochschulleitungen geschildert bekamen, warum das Promotionsrecht gerade in Berlin unabdingbar ist, fand es nicht den Weg in die Novelle des Hochschulgesetzes, das noch vor den Neuwahlen durchs Parlament soll.

Wobei das FH-Promotionsrecht in einem früheren Entwurf enthalten war und die wissenschaftspolitischen Sprecherinnen der Koalitionsfraktionen weiterhin dafür sind - aber eben nicht die Senatskanzlei Wissenschaft. Jetzt versuchte es die Alice Salomon Hochschule (ASH) andersherum und empfing alle Parteiensprecher:innen (außer dem der AfD) zum "hochschulpolitischen Wahlcheck" per Videokonferenz.

Bei dieser umgekehrten Anhörung zeigte sich, dass sich doch etwas bewegt beim ersehnten Promotionsrecht für "forschungsstarke Bereiche" der Fachhochschulen - bei der CDU und der FDP. Adrian Grasse, der Wissenschaftssprecher der CDU, warnte zwar davor, "dass die Promotion nicht entwertet wird" und betonte die "unterschiedlichen komplementären Aufgaben von Universitäten und Fachhochschulen".

Handlungsbedarf bei Fächern, die nicht an Unis vertreten sind

Doch in Fächern, in denen es keine Möglichkeit zur Promotion an einer Uni gibt, und in denen eine FH mit der Zahl der Veröffentlichungen und der Höhe der Drittmittel Forschungsstärke nachweisen kann, sieht Grasse "Handlungsbedarf". Stefan Förster (FDP) schlägt ein "Pilotprojekt für Fächer, wo es keine Entsprechung an den Unis gibt", vor - und bekommt Zustimmung von Grasse.

Zuvor hatte Silke Gahleitner, ASH-Professorin für Klinische Psychologie und Sozialarbeit, geschildert, dass kooperative Promotionen - zu Forschungsthemen wie sexualisierter Gewalt oder Traumatisierung durch Flucht - mit den Berliner Unis kaum zustande kommen. Deshalb müssten die meisten Doktorand:innen der Hochschule außerhalb Berlins promovieren.

Sieben Menschen sind auf den Kacheln einer Videokonferenz-Galerie zu sehen. Foto: ASH Vergrößern
Screenshot der Videokonferenz zum "Wahlcheck" an der Alice Salomon Hochschule mit Rektorin Bettina Völter (2.v.li.) © ASH

Damit fehlten der ASH bei stark steigenden Studierendenzahlen in gesellschaftlich wichtigen Fachrichtungen die Strukturen für den Aufbau eines Mittelbaus und der Nachwuchs für die dringend benötigten Professuren, sagt Gahleitner. Es sei an der Zeit, dass Berlin mit Hessen und Nordrhein-Westfalen und zuletzt auch Sachsen-Anhalt beim Promotionsrecht gleichziehe.

"Ein klares Ja zum Promotionsrecht" - ohne Einschränkung auf bestimmte Bereiche - kam daraufhin von Tobias Schulze (Linke), der für die Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW) gleich eine "neue Zeit" ausrufen will. "Wir haben bundesweit die am zweitbesten bezahlten Professor:innen in Berlin und haben hochdekorierte Professuren aus der ganzen Welt berufen." Jetzt seien die Fachhochschulen dran, das Geld müsse künftig anders verteilt werden.

Spielraum mit einem verstetigten Plus von 3,5 Prozent im Jahr?

Geld zu verteilen gibt es jedenfalls, eine Sparrunde droht den Berliner Hochschulen nicht. So viel steht nach dem Senatsbeschluss vom Dienstag fest, über die laufenden Hochschulverträge hinaus kontinuierliche Aufwüchse zu sichern. Im Doppelhaushalt 2022/23, den das Parlament noch beschließen muss, ist die Steigerung von jeweils 3,5 Prozent der Zuschüsse enthalten.

Für 2023 bedeutet das eine Steigerung von 60 Millionen Euro. Zugesagt werden die steigenden Zuschüsse auch für die Jahre 2024 bis 2027, was aber rechtlich nicht bindend ist. Der Senatsbeschluss wurde beim Wahlcheck an der ASH geradezu gefeiert - auch von den Oppositionsvertretern. "Ein guter Tag für die Wissenschaft in Berlin", sagte Adrian Grasse. Stefan Förster findet das Plus von 3,5 Prozent pro Jahr "sehr in Ordnung".

Eine junge Wissenschaftlerin macht sich bei der Beobachtung einer Kollegin, die in einer Kita-Situation mit einem Kind spielt, Notizen. Foto: Alexander Rentsch/ASH Vergrößern
Forschung an der ASH: das Beobachtungslabor der Hochschule. © Alexander Rentsch/ASH

Aber haben die Fachhochschulen tatsächlich eine Chance auf "ganz neue Finanzierungskonzepte", die Ina Czyborra in Aussicht stellte? Die Wissenschaftsexpertin der SPD will "eine Offensive für gute Lehre" und zwar "nicht mit der Gießkanne, sondern mit Augenmerk auf die HAWen".

Mehr Geld wünschen sich die Hochschulen vor allem für zusätzliches Personal und um die FH-spezifische hohe Lehrverpflichtung von 18 Semesterwochenstunden zu senken. Julia Franz, ASH-Professorin für Soziale Arbeit, sprach von einem drohenden "organisatorischen Burnout" der überlasteten Lehrenden.

Viel Bestätigung für die SAGE-Fächer

Die geforderten 12 Wochenstunden würden die von den Pandemiefolgen belasteten Haushalte derzeit überfordern, gab Eva Marie Plonske (Grüne) zu bedenken. Sie plädierte für mehr Flexibilität in den Einzellehrdeputaten, indem zunächst die Deckelung von sieben Prozent Absenkung für alle Lehrenden an einer FH aufgehoben werden sollte. Und dies zusätzlich zu der von Tobias Schulze als ersten Schritt vorgeschlagenen generellen 16-Stunden-Verpflichtung.

Für die Alice Salomon Hochschule, die sich und die von ihr vertretenen SAGE-Fächer (Soziale Arbeit, Gesundheit und Erziehung und Bildung) in vielem benachteiligt sieht, brachte der von Jan-Martin Wiarda moderierte parlamentarische Abend insgesamt viel Bestätigung.

Mehr Anerkennung fordert auch ASH-Rektorin Bettina Völter für die HAWen ein: "Wir sind alle sehr forschungsstark, haben Transfer, Third Mission, Gründungsförderung, Kooperationen, Internationalisierung und Nachwuchsförderung."

Ines Czyborra stimmte Rita Hansjürgens zu, ASH-Professorin für Handlungstheorien und Methoden Sozialer Arbeit, die von der Landes- und Bundespolitik forderte, mehr Expertise der sozialen, gesundheitlichen und erzieherischen Fächer einzubinden. Nur so ließe sich die durch die Pandemie ausgelöste "psycho-soziale Krise" bewältigen.

Und Eva Marie Plonske hob hervor: "Die Auswirkungen der Pandemie werden uns über Jahre begleiten und dafür brauchen wir ganz klar den SAGE-Bereich."

Anmerkung der Redaktion: Eva Marie Plonske (Grüne) wurde in einer früheren Fassung an einer Stelle, in der es um die Durchsetzung des FH-Promotionsrechts ging, versehentlich falsch zitiert. Wir haben den entsprechenden Halbsatz gestrichen.

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