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In der DDR waren medizinische Reihenuntersuchungen gang und gäbe, wie hier im Kindersanatorium in Bad Muskau 1987. Foto: imago/Werner Schulze
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Von wegen „Eiserner Vorhang“ Charité leitet Forschungsprojekt zur Nachkriegsgeschichte aus Sicht der Medizin

Hatten Sozialismus und Kapitalismus bei der Gesundheitsversorgung mehr gemeinsam als angenommen? Wissenschaftler aus vier Ländern gehen der Frage jetzt nach.

Europa zwischen 1945 und 1990: Wer denkt da nicht sofort an das Trennende, den "Kalten Krieg", eine Aufteilung der Welt in Blöcke? An den "Eisernen Vorhang" zwischen Ost und West, der unterschiedliche Gesellschaftssysteme voneinander schied, die auf engem Raum nebeneinander existierten?

Für eine andere Perspektive auf das Nachkriegseuropa wirbt hingegen Volker Hess, Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin der Charité. "Ein Effekt der Globalisierungsgeschichte ist, dass man inzwischen stärker in den Blick bekommt, was Europa gemeinsam hat", sagt der Historiker.

Hess ist überzeugt davon, dass das besonders für die Medizin und die Gesundheitsversorgung gilt: "Ideale und Ziele mögen sich in der Nachkriegszeit unterschieden haben. Doch im kapitalistischen wie im sozialistischen Europa waren Gesundheit und Wohlergehen der Menschen ein zentrales Ziel."

Die Charité leitet das Forschungsprojekt

Über Medizin und Gesundheitswesen zu ergründen, welche Gemeinsamkeiten sich zwischen Staaten mitten im "Kalten Krieg" finden lassen – das ist der Ansatz eines länderübergreifenden Forschungsprojekts namens "Leviathan", dem jetzt vom Europäischen Forschungsrat (ERC) die Maximalförderung von zehn Millionen Euro zugesprochen wurde.

Mit den Mitteln des "ERC Synergy Grants" werden eine britische, eine ungarische, eine bulgarische und eine deutsche Arbeitsgruppe unter Federführung der Charité die europäische Nachkriegsgeschichte unter medizinischem Blickwinkel betrachten.

Die vier bis fünf Forscherinnen und Forscher pro Team wollen sich einem breiten Themenspektrum widmen, sagte Hess im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Sie werden sich mit der Transplantationsmedizin ebenso befassen wie mit Fragen der Fortpflanzungsmedizin, der Versorgung älterer Menschen, dem Arbeitsschutz und bioethischen Standards. Die Charité-Gruppe arbeitet dafür mit Wissenschaftlern um den britischen Historiker Ulf Schmidt von der University of Kent, die bulgarische Anthropologin Anelia Kassabova und die ungarische Juristin Judit Sándor von der Central European University in Budapest zusammen.

Wer hat die niedrigere Säuglingssterblichkeit?

Die Medizin ist für den Historiker Hess ein besonders reizvolles Forschungsobjekt. "Sie hat schließlich diese Doppelnatur, ist gleichzeitig Naturwissenschaft und soziale Praxis. Deshalb hat sie einerseits einen unpolitischen, überregionalen Anspruch und ist andererseits in das jeweilige Gesellschaftssystem eingebettet."

Auch deshalb lassen sich Unterschiede, etwa bei den Krankenversicherungssystemen oder den medizinischen Versorgungsstrukturen durchaus erkennen. Hess zufolge verstellen sie allerdings leicht den Blick für eine grundlegende Gemeinsamkeit. "Es galt in beiden Systemen ganz selbstverständlich das solidarische Prinzip: Risiken und Folgen von Krankheit wurden gemeinschaftlich getragen." Und der Historiker sei "sehr beeindruckt" davon, wenn seine ungarische Kollegin Judit Sándor die dahinter stehende Überzeugung vom ethischen Wert des Menschen als "typisch europäisches Produkt" charakterisiert.

Weitere Gemeinsamkeiten erkennen die Forscher zum Beispiel bei den Impfkampagnen – auch wenn es in der damaligen Bundesrepublik im Unterschied zur DDR keine Impfpflicht gab. Wie durchsichtig der Vorhang war, der die Gesellschaftssysteme voneinander trennte, zeige sich auch im Wettstreit um gute Gesundheitsstatistiken: "Ich erinnere mich, dass während meines Medizinstudiums an der FU die niedrigere Säuglingssterblichkeit in Ostberlin für die Westberliner Pädiater ein großes Thema war", sagt Hess.

Westfirmen ließen Medikamente in der DDR testen

Selbst bei einem vermeintlichen Skandalthema stieß Hess auf Verbindendes. Arzneimittelstudien von Westfirmen in der DDR hatten zunächst Anfang der 90er Jahre, später noch einmal im Jahr 2013 die Gemüter bewegt. Hess hatte zwischen 2013 und 2016 gemeinsam mit der Forschungsgruppe "DDR-Arzneimittelforschung" Akten studiert und Zeitzeugen zu den insgesamt rund 900 klinischen Studien befragt, die westliche Pharmafirmen in der DDR durchgeführt hatten.

Die Charité-Forscher hatten sich zum Ziel gesetzt, zur Versachlichung der Debatte beizutragen. "Der Skandal, der keiner war", lautet die Überschrift des Schlusskapitels im daraus entstandenen Band "Testen im Osten", 2016 im Berliner bebra-Verlag erschienen.

Zwar ist kaum zu leugnen, dass das DDR-Regime vor allem in den letzten Jahren vor der Wende Interesse an den Devisen hatte, die die staatlich kontrollierte Auftragsforschung brachte. Auch nicht, dass West-Firmen von der straffen Organisation im Osten profitierten und Patienten, die in der DDR auf neue wirksame Medikamente hofften, über Risiken teils wohl nur mangelhaft aufgeklärt wurden. "Die Nachforschungen dazu ergaben allerdings keinen Anhalt für systematischen Rechtsbruch", sagt Hess.

Sympathie für das Projekt Europa

Man müsse berücksichtigen, dass sich erst im Lauf der Zeit strengere Regulierungsmaßstäbe für klinische Studien herausbildeten. "Was wir in der DDR wie unter einem Vergrößerungsglas sehen, ist die Entwicklung der Arzneimittelforschung generell", so Hess. Im Großen und Ganzen sei festzuhalten, dass es keine wesentlichen Unterschiede in der Anlage und Durchführung klinischer Studien in Österreich, Westdeutschland oder der DDR gab. "Wenn damals nicht die Regeln gegolten haben, denen klinische Studien heutzutage unterworfen sind, dann belegt das lediglich, dass die Anforderungen – aus guten Gründen – in den letzten Jahrzehnten strenger geworden sind", sagt Hess.

Der internationale wissenschaftliche Beirat, der die Studie begleitete, befand sogar, die Zusammenarbeit zwischen Ost und West in großen multizentrischen Studien belege, dass "historisch gewachsene enge Verbindungen innerhalb der medizinischen und pharmazeutischen Professionen" über die Teilung hinweg Bestand gehabt hätten. "Der Kontakt ist nie abgebrochen", sagt Hess.

Solche Erkenntnisse begeistern den Historiker. Sein Interesse für Geschichte werde vom Heute angetrieben, bekennt Hess. "Und ich stelle nicht in Abrede, dass mich dabei auch eine Sympathie für das Projekt Europa leitet." Dem wird er sich mit dem Forschungsvorhaben Leviathan in den nächsten sechs Jahren ausgiebig widmen können, denn so lange gilt die Förderung des Europäischen Forschungsrats.

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