Neukaledonische Krähen basteln sich ihr eigenes, ganz spezielles Essbesteck. Foto: James St. Clair
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Verhaltensbiologie Krähen als Werkzeugmacher

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Rabenvögel auf Neukaledonien basteln sich kleine Angeln, mit denen sie besonders schnell Beute machen.

Krähen auf der Pazifik-Insel Neukaledonien nordöstlich Australiens können etwas Einzigartiges: Sie benutzen Zweige nicht nur als Werkzeug, sie formen sie sogar zu einem kleinen Haken, mit dem sie Würmer, Käfer und Spinnen aus Astlöchern angeln können. Vergleichbares schafft kein anderes Tier. Verhaltensforscher Christian Rutz von der St. Andrews Universität in Schottland untersuchte nun, weshalb die Krähen sich die Mühe des Zurechtbiegens machen, wenn sie doch auch mit einem unbearbeiteten Zweig Beute machen könnten.

Tierische Tischler

Dazu fingen Rutz und Kollegen mit Hilfe von Fleischködern in dünnen Netzen 34 neukaledonische Krähen und boten ihnen eine Auswahl von Zweigen mit winzigen Astgäbelchen an, die die Vögel in der Natur normalerweise von bestimmten Büschen holen. Die Hälfte der Tiere (17) griff sich dieses eigentlich schon nutzbare Werkzeug und bearbeitete es in mühevoller Kleinarbeit: Mit dem Schnabel schälen sie vorsichtig die Rinde ab, knabbern ein wenig am Zweiglein und schnitzen sich schließlich einen kleinen Haken, mit dem sie sich Leckerbissen angeln können. „Wir wissen allerdings nicht, ob die wirklich Krähen verstehen, wie ihr gerade hergestelltes Werkzeug funktioniert“, sagt James St. Clair, einer der Forscher in Rutz’ Team.

Die 17 Krähen ließen die Forscher dann in einem kleinen Wettbewerb gegeneinander antreten: In bewährter Manier durften die Vögel sich ihre Werkzeuge selbst basteln. Einige begnügten sich mit einem einfachen Stöckchen, andere schnitzten sich schöne Haken. Damit durften die Neukaledonien-Krähen dann an einem Baumstamm mit einigen Löchern nach den dort verborgenen Spinnen, Würmern und Larven von Käfern stochern. Die Forscher verfolgten die Versuche der Vögel mit der Stoppuhr und veröffentlichten ihre Beobachtungen nun im Fachblatt „Nature Ecology and Evolution“.

Werkzeugmacher werden mit Zeitgewinn belohnt

Aus den Löchern mit neun oder zwölf Millimeter Durchmesser holten die Krähen die in sieben Zentimeter Tiefe verborgenen Würmer und toten Wolfsspinnen mit den Angelhaken zwei- bis zehnmal schneller als mit geraden Zweigen. „Das ist ein gewaltiger Unterschied“, erklärt Christian Rutz. Kommen die erfolgreichen Krähen schneller an Nahrhaftes, bleibt ihnen später mehr Zeit für andere wichtigen Dinge im Leben – etwa für Nachwuchs sorgen und Feinden aus dem Weg fliegen. Das bedeutet, dass geschickte Werkzeugmacher länger leben und mehr Küken haben. Zwei Minuten zusätzliche Arbeit in das Schnitzen eines praktischen Angelhakens zu investieren, zahlt sich also aus. Und natürlich wird das praktische Werkzeug nach dem ersten erfolgreichen Angelversuchen nicht etwa weggeworfen, sondern gut aufgehoben und später zum nächsten Loch mit fetter Beute geschleppt. „Selbst kleine Änderungen beim Herstellen von Werkzeugen, können den Jagderfolg also erheblich verbessern“, sagt Rutz.

Allerdings wissen die Forscher immer noch nicht, ob erfahrene Werkzeugmacher anderen Artgenossen das Schnitzen solcher Haken beibringen oder ob ihnen dieses Verhalten vom Erbgut mitgegeben wird. Unabhängig vom Weg, den die Evolution zu den geschickten Werkzeugmachern eingeschlagen hat, sind sich die Forscher aber in einem sicher: Weil geschickte Angelhaken-Werkzeugmacher länger leben und mehr Kinder haben, wird sich dieses Geschick mit der Zeit weiter ausbreiten.

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