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Frau liest Buch am Strand. Foto: ILJA C. HENDEL / VISUM
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Urlaubslektüre Lesestoff für Wissenshungrige

Futter für den Geist, während die Seele baumelt: Acht Lesetipps für die Sommerferien - wie Wissenschaft Urlaubenden nahe gebracht wird.

Alles könnte anders sein

Mit der Coronakrise ist das neoliberale Mantra politischer Alternativlosigkeit endgültig vom Tisch. Von heute auf morgen fuhr die Wirtschaft herunter. Die Produktion stand vielerorts still. Flugzeuge blieben am Boden. Wenn der Shutdown eine positive Botschaft gebracht hat, dann dass Veränderungen möglich sind.

Der perfekte Zeitpunkt, um das im vergangenen Jahr erschienene Buch „Alles könnte anders sein“ des Zukunftsarchitekten und Sozialpsychologen Harald Welzer zu lesen.

Der Gründer der gemeinnützigen Stiftung Futurzwei fordert in seiner „Gesellschaftsutopie für freie Menschen“ neue Entwürfe einer besseren Zukunft als die, auf die wir gerade zusteuern. So lebten wir in einer Art kollektivem Wahn, der das längst gescheiterte Experiment eines grenzenlosen Wachstums bei begrenzten Ressourcen als einzig mögliche Wirklichkeit ausgibt.

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Harald Welzer: Alles könnte anders sein. Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2019. 322 Seiten, 22 € © S. Fischer

Was Welzer vorschlägt, ist eine „modulare Revolution“, die das Vorhandene nicht kaputtmachen möchte, sondern es neuartig zusammensetzt. Ein legohaftes „Mosaik gelingender Verbesserungen“, in dem die Errungenschaften der Moderne erhalten und die schädlichen Entwicklungen korrigiert werden.

So habe das zivilisatorische Projekt eben nicht nur kapitalistische Ausbeutung und von Autos verstopfte Innenstädte hervorgebracht, sondern auch Rechtsstaat und Demokratie.

Woran unsere Zeit nach Harald Welzer krankt, ist ein Mangel an konkreten Utopien. Sein betont lässiger Text kommt als optimistische Trostschrift daher, die uns von der zukunftsblinden „Diktatur der Gegenwart“ losreißen möchte.

Aktuell, so Welzer, hätten wir uns in einem zwar bequemen, aber mental und ökologisch ruinösen Hyperkonsumismus eingerichtet, der uns bloß ein Mehr vom immer Gleichen verspreche. Die Digitalwirtschaft behauptet, sie wäre innovativ, obwohl sie vornehmlich „neuere und perfidere Formen der Ausbeutung, Überwachung und Naturzerstörung liefert“.

Doch auch der Ökologiebewegung fehle es an einer mitreißenden Gegenerzählung, die die Bevölkerung von ihrer krank und süchtig machenden Lebensweise abbringen könnte. Das ewige Lamento auf den Weltuntergang würde die Menschen nicht zum Wandel bewegen.

Anstatt sie von oben herab zu belehren, müsse man an ihre Lebenswelt anknüpfen, die Leute also abholen, wo sie stehen. Die Zukunft braucht ihren eigenen Sound, eine lebensbejahende Ästhetik. Welzer setzt nicht auf den einen großen Masterplan, sondern auf „kleinstmögliche Zustandveränderungen“ durch möglichst viele Erdenbürgerinnen. Mittels einer neuen „Wirklichkeitsgymnastik“ sollten wir deliberativ ausdiskutieren, wie wir unser Leben gestalten wollen.

Ein Pfadwechsel hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft wäre längst möglich gewesen, wenn man die in globaler Hinsicht ressourcenschonendsten Lebensstile und Wirtschaftsweisen kreativ kombiniert hätte, schreibt der Aktivist und Wissenschaftler. „Dann hätte man vom Pekinger Fahrradverkehr so lernen können wie vom kubanischen Energiesystem, von indischer Ernährungsweise wie vom samoanischen Fischfang, von Appenzeller Almwirtschaft genauso wie vom Bregenzerwälder Holzbau“. Denn: „Utopien muss man anschauen können.“

Nur so sei es langfristig möglich, schreibt Welzer, Bullshitjobs und lange Arbeitszeiten abzuschaffen, ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen, die Städte von Autos zu befreien, Grenzen einzureißen und die Digitalisierung auf eine „hilfreiche Technologie“ zurückzuschrumpfen. Welzers Projekt ist letztlich eine Reformulierung der alten Formel „Think globally, act locally“. Ganz in seinem Sinne nichts grundsätzlich Neues, aber neuartig zusammengesetzt. (Christoph David Piorkowski)

Harald Welzer: Alles könnte anders sein. Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2019. 322 Seiten, 22 €.

Der eine Gedanke zu viel

Kann das gelingen? Diese Frage wirft das Buch „Bis zum Ende der Zeit“ unweigerlich auf. Brian Greene wagt eine Erklärung der Welt mit den Mitteln der Physik: vom Urknall über die ersten chemischen Elemente, Sterne, Planeten, die Erde, primitive Einzeller bis zu uns Menschen.

Doch anstatt hier zu enden, wo die Erklärungen der harten Naturwissenschaft an ihre Grenzen stoßen, legt der Professor für Physik und Mathematik an der Columbia University in New York erst so richtig los. Er nimmt die Leser mit zu den Ursprüngen von Sprache, Bewusstsein, Kreativität und Religion.

Brian Greene: Bis zum Ende der Zeit. Siedler Verlag 2020. 448 Seiten, 28 € Siedler Verlag 2020 Vergrößern
Brian Greene: Bis zum Ende der Zeit. Siedler Verlag 2020. 448 Seiten, 28 € © Siedler Verlag 2020

Greene wählt dabei stets die Perspektive des Physikers, was zwangsläufig zu Spekulationen führt. „Zwar wissen wir alle aus persönlicher Erfahrung, wie sich denken anfühlt“, schreibt er, „doch die streng naturwissenschaftliche Erforschung des Geistes befindet sich noch in einem frühen Stadium.“ Was natürlich kein Grund für ihn ist, es nicht zu versuchen und beispielsweise über die Abwärme zu sinnieren, die beim Denken entsteht und fortgeschafft werden muss.

Eine durchaus wichtige Frage, um zu klären, ob das Denken eines Tages unmöglich sein wird. Grob geschätzt in zehn hoch 50 Jahren wird es so weit sein: Das Universum kann keine Abwärme mehr aufnehmen. „Noch ein Gedanke, und der Denker wird gebraten.“

So anschaulich Greene an dieser und weiteren Stellen schreibt, andere wiederum sind sprachlich steif und wissenschaftlich im unerfreulichen Sinne. Hilfreich hingegen sind die sehr umfangreichen Anmerkungen und Quellenangaben, für alle, die es genauer wissen wollen.

Denn um die Geschichte des Universums und der Menschen in ein Buch zu packen, muss man straffen. So gelingt Greene am Ende zweierlei: diese Welt mit allem, was in ihr ist, wissenschaftlich zu erklären – oder dies wenigstens anzudeuten – und uns bewusst zu machen, wie großartig sie ist. (Ralf Nestler)

Brian Greene: Bis zum Ende der Zeit. Siedler Verlag 2020. 448 Seiten, 28 €.

Der Fischversteher

Es ist eine nicht ganz neue Erkenntnis: Erfolgreiche Bücher über naturwissenschaftliche Themen sind oft umso erfolgreicher, je mehr sie sich von der Naturwissenschaft selbst lösen. Gut bewährt sind Ausflüge in die Kulturgeschichte, in prominente Biografien, persönliches Erleben, in Aphorismen-Philosophie und gerne auch Esoterik. Dabei kommen oft schrecklich schlimme Machwerke heraus.

Aber manchmal verzeiht man all das, weil die Grenze zu Kitsch und Unsinn dann doch nur ein bisschen überschritten und eine wunderbare, lehrreiche und lesbare Geschichte aus der Natur erzählt wird – wie beim „Logbuch des Lebens“ von Literaturnobelpreisträger John Steinbeck oder den „Geheimnissen des Meeres“ der Meeresbiologin und Umweltschützerin Rachel Carson. Und Patrick Svensson unternimmt mit seinem „Evangelium der Aale“ zumindest einen vielversprechenden Versuch, sich in diese Tradition einzureihen.

Buchcover von Patrick Svensson: Das Evangelium der Aale. Hanser Verlag 2020. 256 Seiten, 20 € Foto: Hanser Verlag 2020 Vergrößern
Patrick Svensson: Das Evangelium der Aale. Hanser Verlag 2020. 256 Seiten, 20 € © Hanser Verlag 2020

Der Aal, ein auch im wissenschaftlichen Sinne nach wie vor mysteriöses Tier, eignet sich dafür auch besser als so ziemlich alles andere, Blauwal und Honigbiene eingeschlossen. Seine Metamorphosen, seine Wanderschaften, seine angeblichen Landgänge, der lange vollkommen unbekannte Ort seiner Fortpflanzung und auch seine Schlangenhaftigkeit sind hier förderliche Faktoren.

Zudem ist der Schwede Svensson gleichsam mit Aalen aufgewachsen. Das Aalfischen war für ihn ein langgezogener Initiationsritus und so wichtig wie nichts anderes für die Bindung zu seinem Vater. Man glaubt ihm deshalb, dass das Tier ihm wirklich am Herzen liegt.

Svensson schafft es, so ziemlich alles Wissen und eben auch das wissenswerte Unwissen – also jenes Mysteriöse – über den Aal gleichzeitig zusammenzutragen und auszubreiten. Man erfährt, dass Sigmund Freud anfangs ein Aalforscher war. Und die Frage, ob und wie seine letztlich frustrierenden Untersuchungen an dem phallischen Tier letztlich dazu beigetragen haben mögen, den Freud zu prägen, den alle Welt heute kennt, lässt Svensson sich gekonnt zwischen den Zeilen entlang schlängeln: „Der Aal hielt ihn zum Narren und trug dadurch vielleicht dazu bei, dass Freud die reine Naturwissenschaft recht bald hinter sich ließ.“

Man erfährt aber auch von dem Dänen Johannes Schmidt, der deutlich geduldiger war als Freud und die Grundlage für die Auflösung des größten Aal-Rätsels legte: dessen Lebenszyklus und Herkunft. Anders als Aristoteles es sehr überzeugt darlegte, wird der Aal nämlich nicht aus dem Schlamm geboren. Er schlüpft vielmehr in der Sargassosee, südlich von Bermuda.

Dorthin wandern die geschlechtsreifen europäischen Aale aus ihren Seen und Flüssen. Und aus ihr kommen die durchsichtigen weidenblattförmigen Larven, die dann zu immer noch transparenten „Glasaalen“ und dann „Gelbaalen“ werden. Erst später nehmen sie ihr bekanntes Aussehen an und werden letztlich wieder in jenen Flüssen und Seen erwachsen.

Doch das passiert immer seltener. Die Aale verschwinden, immer weniger werden gefangen. Immer lauter werden die Rufe, seinen Fang gänzlich zu verbieten. Wichtiger und nachhaltiger wäre es, die Gründe für seinen Rückgang zu beseitigen. Dafür müsste man sie kennen. Massenhafter Fang ist wahrscheinlich nicht der wichtigste, sondern die Eingriffe des Menschen in die Natur und deren Verschmutzung. Aale sind für Umweltgifte deutlich anfälliger als viele andere Fischarten. So wird Svenssons Buch auch zu einem leisen, aber deutlichen Ruf nach mehr Forschung und an ihr orientierten Lösungen für eine Welt, in der Mensch und Natur wieder besser zusammenpassen. In der könnte es dann vielleicht es auch wieder massenhaft Aale geben.

Dafür werden wir den Aal - buchstäblich aber eben vor allem im übertragenen, ökologischen Sinn - erst einmal vom Haken lassen müssen. So wie Patricks Svensson es auf der letzten Seite seines von Hanna Ganz behutsam übersetzten Buches tut. (Richard Friebe)

Patrick Svensson: Das Evangelium der Aale. Hanser Verlag 2020. Hardcover, 256 Seiten, 20 €.

Digital, aber human und demokratisch

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Lisa Herzog: Die Rettung der Arbeit. Ein politischer Aufruf. Hanser Verlag München 2019. 224 Seiten, 22 € © Hanser Verlag München

„Die Rettung der Arbeit“ – wer will im Urlaub ein Buch mit diesem Titel lesen? Doch das 190-seitige Essay der jungen Philosophin Lisa Herzog passt bestens in Fahrradtasche oder Bordcase. Denn die Groninger Professorin schreibt der Arbeit Funktionen zu, die urlaubsreife Arbeitnehmerinnen eher mit dem Reisen verbinden: „die sozialen Kontakte, das Heraustreten aus dem manchmal recht engen Kreis von Familie und Nachbarschaft, die Begegnung mit Menschen, die andere Weltanschauungen und andere Hintergründe haben“.

Nun ließe sich Herzog entgegenhalten, dies sei ein Idealbild, das mangels Diversität am Arbeitsplatz kaum erreicht wird, ebenso wenig wie im Urlaub, in dem wir Inseln der Selbstgenügsamkeit bilden. Doch zurück ins selbstgenügsame Homeoffice: Auch wenn Lisa Herzog ihren „politischen Aufruf“ vor der Coronakrise aus ihrer Habilitationsschrift entwickelt hat, dreht sich ihre „Rettung der Arbeit“ doch um die digitale Transformation. Diese bedrohe die Arbeitswelt als Ort der sozialen Integration, indem sie etwa IT-gestützte privilegierte Jobs und körperlich arbeitende Dienstleister weiter auseinandertreibt. Und Ängste weckt, die für populistische Politik anfällig machen.

Die große Chance, die Arbeit zu retten – anstatt in der Digitalisierung mit Jeremy Rifkin das „Ende der Arbeit“ zu sehen – liegt für Herzog darin, die digitale Transformation unter soziale und demokratische Vorzeichen zu stellen. Und den Arbeitnehmern so mehr Möglichkeiten zu geben, zu gestalten und mitzubestimmen. Lasst uns gleich nach dem Urlaub damit beginnen! (Amory Burchard)

Lisa Herzog: Die Rettung der Arbeit. Ein politischer Aufruf. Hanser Verlag, München 2019. 224 Seiten, 22 €. Verfügbar auch im 2020er-Publikationsprogramm der Zentralen für politische Bildung.

Die Geschichte von "einfach allem"

Absolutheitsansprüche sollten skeptisch machen. Gerade in der Wissenschaft. Das weiß natürlich auch der Historiker und ehemalige Journalist Christopher Lloyd, der seinem Buch trotzdem den größenwahnsinnigen Titel „Einfach alles! – Die Geschichte der Erde, Dinosaurier, Roboter und zu vieler anderer Dinge, um sie hier aufzuzählen“ verpasst hat. Doch was der Engländer hier auf 350 üppig illustrierten Seiten an Informationen auszurollen schafft, ist wahrlich beeindruckend.

In 15 Kapiteln führt Lloyd vom Urknall über die ersten Säugetiere zu Alexander dem Großen, von den Reformationskriegen über Einstein zum Marsrover. Anders als Bill Bryson, der mit seinem Klassiker „Eine kurze Geschichte von fast allem“ einen ähnlich gelagerten Generalüberblick wagte, richtet sich Lloyd an ein Kinder- und Jugendpublikum.

Das heißt nicht, dass er sich scheuen würde, Begriffe wie „endoplasmatisches Retikulum“ zu benutzen. Es heißt, dass er seine Leser durchweg duzt und seine kurzen Texte um Comicillustrationen von Mumien und einprägsame farbige Grafiken und Landkarten ergänzt.

Buchcover von Christopher Lloyd: Einfach alles! Die Geschichte der Erde, Dinosaurier, Roboter und zu vieler anderer Dinge, um sie hier aufzuzählen Foto: wbg Theiss in Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2020 Vergrößern
Christopher Lloyd: Einfach alles! Die Geschichte der Erde, Dinosaurier, Roboter und zu vieler anderer Dinge, um sie hier aufzuzählen. wbg Theiss in Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2020. 224 Seiten, 25 € © wbg Theiss in Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2020

Vorbildlich ist, wie er Entwicklungen ineinandergreifen lässt. Durch die chronologische Erzählweise macht Lloyd deutlich, wie politische, gesellschaftliche und technische Entwicklungen im Bezug zueinander stehen: Er zeigt, wie Klimaentwicklungen vor 800 Jahren zur Vereinigung der Mongolen unter Dschingis Kahn beigetragen haben dürften, verknüpft die Feldzüge von Kaiser Justitian mit der Ausbreitung der Pest anno 541 und die Ölfunde in den USA 1901 mit dem Siegeszug des Autos.

Fachleute mögen bekritteln, dass Lloyd dabei manche Sachen verkürzt darstellt oder sich wie bei der Entstehung des Mondes auf die momentan akzeptierteste Kollisionstheorie beschränkt. Die jungen Leser werden das verschmerzen können, genauso wie das unvermeidbare Fehlen von vielen ebenfalls prägenden Ereignissen und Persönlichkeiten.

In seinem Schlusswort bedauert der Autor beispielsweise, keinen Platz mehr für die Massenauswanderungen der Iren in die USA, T. E. Lawrence oder Gorbatschow gefunden zu haben. Geschenkt. Den Wert dieses unterhaltsamen, spannenden und universal erhellenden Werks schmälert das nicht im Geringsten. Absolut! (Moritz Honert)

Christopher Lloyd: Einfach alles! Die Geschichte der Erde, Dinosaurier, Roboter & zu vieler Dinge, um sie hier aufzuzählen. wbg Theiss in Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2020. 224 Seiten, 25 €.

Stadt, Land, Fuchs: Von unseren wilden Nachbarn

Von Begegnungen mit Rotfüchsen können viele berichten. Die Tiere haben ein riesiges Verbreitungsgebiet und beanspruchen auch menschlich geprägte Lebensräume, bis hin zur Großstadt. Aber wenige berichten mit so eingehenden Kenntnissen wie Adele Brand.

Bei aller Fachkenntnis sind der Ökologin Begeisterung und Staunen nicht abhandengekommen. Brand versteht es, Lesende mitzunehmen, wenn sie im polnischen Urwald Fuchsspuren liest oder Praxistipps für die Fuchsforschung gibt und von den Tücken der Wildtierfotografie berichtet. In elf Kapiteln geht sie der Frage nach, wie sich der Rotfuchs als Wildtier, das sich in unberührten Wäldern entwickelt hat, so erfolgreich an die moderne Welt anpassen konnte.

Buchcover von Adele Brand: Füchse. Unsere wilden Nachbarn. C. H. Beck, 208 Seiten, 22 € Foto: C. H. Beck Vergrößern
Adele Brand: Füchse. Unsere wilden Nachbarn. C. H. Beck, 208 Seiten, 22 € © C. H. Beck

Sie nähert sich ihrem Objekt aus unterschiedlichen Blickwinkeln, sprachlich aber immer mit der Unvoreingenommenheit der Forschenden und bisweilen nahe am Lehrbuch. Aber ihre persönliche Verstrickung mit ihrem Forschungsthema wird auch nicht verborgen, etwa wenn Brand schildert wie Pflegefüchsin Andrea, „ein ruppiger Fuchs aus dem Londoner Stadtteil Battersea“, ihre Überwachungskamera außer Dienst stellt und in ihrem Verschlag vergräbt. „Ich verstand sie nur zu gut“, schreibt Brand und hat ihre Leserinnen und Leser wieder einen Schritt näher an „unsere wilden Nachbarn“ herangeführt. (Patrick Eickemeier)

Adele Brand: Füchse. Unsere wilden Nachbarn. C.H. Beck, 208 Seiten, 22 €

Wie Sprache unsere Gesellschaft formt

Eine kleine türkische Hafenstadt, ein Gespräch vor vielen Jahren an einem Sommerabend. „Sieh nur, wie dieses yakamoz leuchtet!“, sagt die Tante der Autorin. – Yakamoz? Was ist das? Die Familie klärt auf: Die türkische Bezeichnung für die Reflexion des Mondes auf dem Wasser. Ein Wort, für das es in anderen Sprachen kaum ein Äquivalent sieht – und das die Aufmerksamkeit für dieses Naturphänomen noch einmal ganz anders prägt.

Buchcover von Kübra Gümüsay: Sprache und Sein. Hanser Verlag, Berlin 2020. 208 Seiten, 18 €. Foto: Hanser Verlag, Berlin 2020 Vergrößern
Kübra Gümüsay: Sprache und Sein. Hanser Verlag, Berlin 2020. 208 Seiten, 18 €. © Hanser Verlag, Berlin 2020

Mit diesem Beispiel steigt die Autorin, Journalistin und Politikwissenschaftlerin Kübra Gümüsay in ihr Werk „Sprache und Sein“ ein. Wie formt Sprache unsere Wahrnehmung – und wie gestaltet sie so auch unsere Gesellschaft und bestimmt die Politik? Geht es am Anfang des autobiographisch geprägten Langessays um den Bedeutungsreichtum bestimmter Wörter, weitet Gümüsay den Blick rasch auf das große Ganze. Wie wird Identität konstruiert, wer darf sich selbst beschreiben und somit als Individuum selbst definieren, wer wird durch kollektive Zuschreibungen fremdbestimmt, wo gibt es gar sprachliche Lücken für gesellschaftliche Missstände? Und wie könnte eine Sprache der Pluralität aussehen? Gümüsay erklärt das oft an ihren eigenen, vielfach schmerzhaften Erfahrungen der Ausgrenzung – was es auch für die nachvollziehbar macht, die diese Erfahrungen nicht machen. Ein hochaktuelles Buch, unbedingt lesenswert.  (Tilmann Warnecke)

Kübra Gümüsay: Sprache und Sein. Hanser Verlag, Berlin 2020. 208 Seiten, 18 €.

Gespaltene Gesellschaft, geteiltes Atom

Ein Lehrbuch über Atomphysik mag wohl kaum jemand mit an den Strand nehmen, ebenso wenig dröge Sachbücher über Wissenschaftshistorie. Doch was könnte spannender sein als ein auf Fakten basierender Roman über die erste menschgemachte Kernspaltung und die Frau, ohne die das kaum möglich gewesen wäre:

Lise Meitner, die 1907 nach Berlin kam, dem preußischen Studienverbot für Frauen trotzte, erste Physikprofessorin an einer deutschen Universität wurde und schließlich – gemeinsam mit Otto Hahn – das „Unteilbare“, das Atom, teilte? Der Berlinerin Ann-Sophie Kaiser gelingt es, Meitners Persönlichkeit, ihren Kampf um Gleichberechtigung und um Anerkennung ihrer Forschungsleistungen in leicht lesbarer und kurzweiliger Sprache lebendig werden zu lassen. Sie verlässt sich dabei auf penibel recherchierte historische Fakten, nimmt sich aber die Freiheit, zwei fiktive Freundinnen Meitners hinzuzudichten.

Buchcover von Ann-Sophie Kaiser: Unter den Linden 6. Roman. Ullstein Hardcover, Juni 2020. 464 Seiten, 14,99 € Foto: Ullstein Vergrößern
Ann-Sophie Kaiser: Unter den Linden 6. Roman. Ullstein Hardcover, Juni 2020. 464 Seiten, 14,99 € © Ullstein

Mit Hilfe des Dienstmädchens Anni, das sich durch die Bibliothek ihres Herrn liest, und der in einer arrangierten Ehe um ihre Rechte ringenden Hedwig macht Kaiser plastisch, wie wenig Chancen auf höhere, geschweige denn naturwissenschaftliche Bildung Frauen damals hatten. Das hat sich geändert, aber nicht genügend: Mehr als zwei Drittel aller Physikprofessoren im Land sind Männer. (Sascha Karberg)

Ann-Sophie Kaiser: Unter den Linden 6. Roman. Ullstein Hardcover, Juni 2020. 464 Seiten, 14,99 €.


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