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Gemälde, das darstellt, wie Gott Moses das verheißene Land zeigt. Foto: mauritius images / Lanmas / Alamy
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„Ur-Version des fünften Buchs Mose“ Potsdamer Forscher will Altertums-Krimi um frühen Bibeltext geklärt haben

Ein Bibelwissenschaftler rollt den Fall der „Shapira-Fragmente“ auf. Vieles spreche gegen die seit 1883 angenommene Fälschung, sagt Idan Dershowitz.

In der Bibelforschung zeichnet sich eine kleine Sensation ab: Der Potsdamer Professor für Hebräische Bibel und Exegese, Idan Dershowitz, hat Archivmaterial entdeckt, das nahelegt, dass die bislang als Fälschung geltenden „Shapira-Fragmente“ doch echt sein könnten. Der Altertumsforscher analysierte den rekonstruierten Text und befasste sich mit der Geschichte des Händlers, der die Papiere im 19. Jahrhundert aufgetan hatte.

Dershowitz, der seine Ergebnisse nun in der „Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft“ publiziert hat, kommt zu dem Schluss, dass die Text-Fragmente ein Vorläufer des Buches Deuteronomium der Bibel aus der Zeit des ersten Jerusalemer Tempels sind. Damit wären sie Teil eines ur-biblischen Textes, nahezu 2500 Jahre alt.

Der Bibelforscher unterzog den Text einer philologischen Analyse. Er geht davon aus, dass die heute verschollenen und nur noch in Abschriften erhaltenen Shapira-Fragmente nicht nur authentische Artefakte sind, sondern in ihrer Bedeutung auch beispiellos: „Sie weisen auf eine vorkanonische Vorgeschichte des Buches Deuteronomium hin“, schreibt er in seiner Untersuchung.

„Weit davon entfernt, ein Derivat des Deuteronomiums zu sein, ist dieser Text in der Tat der antike Vorläufer des Deuteronomiums“, so Dershowitz. Das Deuteronomium ist das fünfte Buch des Pentateuch, in einigen evangelischen Bibelübersetzungen wird es als Fünftes Buch Mose bezeichnet. Der Inhalt des Buches ist der letzte Tag im Leben Mose.

Archivmaterial aus der Staatsbibliothek zu Berlin

Der Altertumsforscher, Professor an der School of Jewish Theology der Universität Potsdam, hat das Archivmaterial, das die frühere Annahme einer Fälschung untergräbt, in der Staatsbibliothek zu Berlin entdeckt. Er geht davon aus, dass der Text uralt ist und von weit größerer Bedeutung, als bisher angenommen: Die Komposition, die in diesen Fragmenten bewahrt ist – Dershowitz nennt sie die „Abschiedsworte Moses“ – würden nicht, wie stets vermutet, auf dem Buch Deuteronomium basieren. „Im Gegenteil:Die ‚Abschiedsworte Moses’ scheinen eine weit frühere Version des Deuteronomiums darzustellen.“

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Sollte sich die Schrift tatsächlich als echt erweisen, könnte dies einschneidende Konsequenzen für das Verständnis der Bibel nach sich ziehen. „Über die offensichtlichen Auswirkungen für die Kompositionsgeschichte des Pentateuch hinaus haben diese Erkenntnisse bedeutende Konsequenzen für verschiedene Disziplinen, von der Geographie über die Paläographie bis hin zur Religionsgeschichte“, schreibt Dershowitz.

Abgezeichnete Textfragmente in einer archaischen Schrift, die wie auf einem Leporello zu sehen sind. Foto: London News Group/The British Library Board Vergrößern
Zeichnungen zu den Text-Fragmenten aus der Zeit ihrer Entdeckung 1883. © London News Group/The British Library Board

Die Geschichte der Fragmente, von denen nur noch einige zeitgenössische Abschriften und Zeichnungen existieren, liest sich wie eine Vorlage für einen Krimi von Agatha Christie. 1883 hatte der zum Christentum konvertierte jüdische Antiquitätenhändler Moses Wilhelm Shapira der Wissenschaft mehrere in Bitumen eingeschlagene beschriebene Lederfragmente angeboten.

Als Fundort gab er eine von Beduinen entdeckte Höhle nahe dem Toten Meer an. Die Wissenschaft ging seinerzeit davon aus, dass es sich bei den Texten um eine eigenständige Version des biblischen Buches Deuteronomium handelt. Der Fund umfasste drei Manuskripte, eines fast vollständig, ein weniger vollständiges und ein kleines zerfallenes Fragment. Die Manuskripte sollen in Leinenbündel gewickelt und mit einer bitumenartigen Substanz bedeckt gewesen sein.

Das British Museum stellte die Fragmente einst aus

Am British Museum stellte man die biblischen Manuskript-Fragmente seinerzeit aus, bis man zu dem Schluss kam, dass sie nicht echt sein konnten. In Berlin waren sie gleich als Fälschung bezeichnet worden, allerdings ohne eine chemische Analyse oder Untersuchung der Schriftzeichen vorgenommen zu haben.

Der britische Altorientalist und Archäologe Archibald Sayce bezweifelte damals die Echtheit der Schriften, sie hätten in dem feuchten Klima Palästinas niemals fast 3000 Jahre überdauert.
Shapira selbst wurde der Fälschung bezichtigt. Seine Mitarbeiter gestanden die Fälschung sogar, zogen ihre Geständnisse, die offenbar unter Bestechung und Gewalt entstanden waren, aber wieder zurück. Für Shapira eine persönliche Katastrophe, immerhin hätte er mit dem Verkauf der Fragmente bis zu einer Million Pfund verdienen können.

Als "Fälscher" unter Verdacht

Kurz darauf nahm sich der Händler das Leben. Dass er als Fälscher galt, hatte auch etwas damit zu tun, dass er zuvor angeblich gefälschte moabitische Tonfiguren verkauft hatte.

Nach der sensationellen Entdeckung der Schriftrollen vom Toten Meer Mitte des 20. Jahrhunderts – der sogenannten Qumranhandschriften – erinnerten sich einige Forschende an die „Shapira-Fragmente“. Doch diese waren bereits verschollen und es gab keine Belege für die Authentizität der Texte. Immerhin aber waren auch die am Toten Meer entdeckten Schriften in Leinenbündel gewickelt und mit einer klebrigen schwarzen Substanz bestrichen.

Ein Ausschnitt aus den Qumran-Rollen. Foto: epa/picture alliance/dpa Vergrößern
Teile der sogenannten Qumran-Schriftrollen  in einer Ausstellung im Israel-Museum in Jerusalem. © epa/picture alliance/dpa

Idan Dershowitz hat den Fall nun von mehreren Seiten neu beleuchtet. Er wertete neu entdecktes Archivmaterial und Abschriften zu den Funden aus. Die Merkmale, die den Paläografen seinerzeit als problematisch erschienen, sind nach Erkenntnissen von Dershowitz nicht Charakteristiken der Shapira-Manuskripte, sondern von nachträglich angefertigten Zeichnungen. Die Analyse habe auch ergeben, dass Fehler in den Texten offenbar erst in den Abschriften unterlaufen sind.

Inhalte, die im 19. Jahrhundert unbekannt waren

Die Echtheit der Fragmente sieht Dershowitz zudem durch ihren Inhalt belegt. Der Text sei entweder ein direkter Vorläufer des biblischen 5. Buch Mose oder ein enger Verwandter eines solchen Vorläufers. Er enthalte Inhalte und Formulierungen, die nach heutigem Wissen zu den Ursprüngen dieses alttestamentarischen Textes passen, die aber im 19. Jahrhundert unbekannt waren – also von einem möglichen Fälscher seinerzeit nicht benutzt werden konnten.

Auch würden viele Passagen mit quellenkritischen Analysen übereinstimmen, die erst nach Shapiras Zeit eingeführt wurden: „Was bedeutet, dass diese Erkenntnisse einem potenziellen Fälscher nicht zur Verfügung standen“, schreibt Dershowitz.
Für das hohe Alter des Textes spreche auch, dass er frühe Versionen biblischer Erzählungen enthält. Zudem sei er in einer frühen und dramatisch anderen literarischen Struktur verfasst. Das sprachliche Profil stimme mit dem Hebräisch der ersten Tempel-Ära überein.

Hinzu kommt, dass nach Auffassung von Dershowitz der Händler Shapira gar nicht der Fälscher sein konnte. Der Potsdamer Forscher fand bislang unbekannte private Aufzeichnungen von Shapira. Sie würden deutlich zeigen, dass dieser selbst mit dem Text, den er angeblich gefälscht hatte, gar nicht vertraut war.

„Shapiras hier ersichtliche Probleme, den Text zu verstehen, machen es sehr unwahrscheinlich, dass er an der Fälschung beteiligt war“, sagt Dershowitz zu einer handschriftlichen Transkription eines der drei hebräischen Manuskripte von Shapira. Aus den persönlichen Schriften gehe auch hervor, dass der Händler selbst von der Echtheit der Fragmente überzeugt war.

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