Im Blut frühe Anzeichen von Brustkrebs zu finden - das soll der "HeiScreen" testen leisten. Doch die Affäre um die verfrühte PR-Kampagne für das Verfahren hat nun erste personelle Konsequenzen. Foto: Labor/Universitätsklinikum Heidelberg/dpa
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Umstrittene PR-Aktion um Krebstest Medizin-Dekan der Uni Heidelberg tritt nach Bluttestskandal zurück

Kein Jahr im Amt, stolpert der Dekan der Unimedizin Heidelberg über die Affäre um einen unausgereiften Bluttest zur Brustkrebsdiagnose.

Erst wird geforscht, dann geprüft, dann veröffentlicht - und am Ende kann eine Firma das gewonnene Wissen schließlich in ein Produkt überführen und Werbung dafür machen. Dieser Ablauf, die Translation von Wissen in medizinische Anwendung, ist an der Universität Heidelberg jüngst arg durcheinander geraten. Noch bevor es eine hinreichend geprüfte Veröffentlichung in einem wissenschaftlich anerkannten Fachjournal gab, hatte der Chef der Heidelberger Unifrauenklinik, Christof Sohn, bereits einen Bluttest auf Brustkrebs in einer PR-Aktion beworben. Die "Weltsensation" ("Bild") entpuppte sich allerdings bald als bestenfalls unausgereifter Prototyp. Noch bevor die inzwischen eingesetzten Untersuchungskommissionen ihr Abschlussgutachten vorgelegt haben, zog nun der Dekan der medizinischen Fakultät der Hochschule, Andreas Draguhn, Konsequenzen.

"Mit meinem Entschluss möchte ich die Verantwortung übernehmen"

Der Physiologe, der erst seit Oktober 2018 Dekan war, hatte eine Pressekonferenz als Universitätsveranstaltung genehmigt, auf der das Verfahren des Universitäts-Spin-Offs "HeiScreen" im Rahmen einer für 80.000 Euro eingekauften PR-Kampagne vorgestellt wurde, und das Interview Sohns mit der "Bild"-Zeitung zur Veröffentlichung freigegeben. Er war daher zunehmend in die Kritik geraten.

Andreas Draguhn, Medizin-Dekan der Universität Heidelberg, ist zurückgetreten. Foto: privat Vergrößern
Andreas Draguhn, Medizin-Dekan der Universität Heidelberg, ist zurückgetreten. © privat

"Das Handeln des Dekans im Verlauf der HeiScreen-Affäre ist zum Gegenstand offizieller Untersuchungen geworden und wird in Teilen der Öffentlichkeit anhaltend kritisch diskutiert", schreibt Draguhn dazu in einer Erklärung zu seinem Rücktritt. "Mit meinem Entschluss möchte ich hierfür die Verantwortung übernehmen und hoffe, damit dem Amt, der Fakultät und der Universität zu dienen." Er bleibt allerdings Abteilungsleiter Neuro- und Sinnesphysiologie am Institut für Physiologie und Pathophysiologie.

"Fachlich-wissenschaftliche Mängel"

Die grundlegende Idee des HeiScreen-Bluttests (auch "Liquid Biopsy" genannt), ursprünglich entwickelt von den Forscherinnen Barbara Burwinkel und Rongxi Yang, ist trotz der berechtigten Kritik an der PR-Kampagne eigentlich sinnvoll: Spuren von krebstypischem Erbgut und anderen charakteristischen Molekülen mit sensiblen Nachweisverfahren im Blut einer Patientin zu finden, könnte Ärzten schon sehr frühzeitig eine Diagnose und Therapie ermöglichen. Ob ein solcher Test allerdings für die praktische Anwendung geeignet ist oder gar die Früherkennung durch Mammographie oder andere Methoden ersetzen kann, hängt nicht nur davon ab, ob der Test die Krebsmarker verlässlich findet (der HeiScreen-Test erkennt von 100 erkrankten Probandinnen nur 75). Die Methode muss auch sicherstellen, dass nicht zu viele Frauen fälschlicherweise eine Krebsdiagnose bekommen ("falsch positive"). Zum Zeitpunkt der PR-Kampagne lagen die dafür nötigen Studien und Veröffentlichungen entweder nicht vor oder wurden unvollständig kommuniziert. Entsprechend kritisch äußerten sich Fachgesellschaften.

Auch die eingesetzten Untersuchungskommissionen - eine externe und eine interne Senatskommission der Universität Heidelberg zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis - hatten in Zwischenberichten "fachlich-wissenschaftliche Mängel" festgestellt und den beteiligten Führungspersonen "Führungsversagen, Machtbissbrauch und Eitelkeit" vorgeworfen. Wann mit abschließenden Gutachten - und gegebenenfalls weiteren personellen Konsequenzen - zu rechnen ist, ist offen.

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