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Voller Park trotz Coronavirus-Pandemie: Spaziergänger in Stockholm Foto: AFP/Jessica Gow
© AFP/Jessica Gow

Umgang mit der Coronavirus-Pandemie Schwedens Gelassenheit irritiert immer mehr

In Schweden herrscht trotz der Coronakrise fast Alltag. Die Regierung belässt es bei Appellen, Einschränkungen gibt es kaum. Das sorgt zunehmend für Kritik.

Meistens blicken die Menschen in Europa bewundernd auf die Skandinavier, die fortschrittlichen Staaten im Norden, die oft eine Vorreiterrolle einnehmen. Das gilt auch und besonders für Schweden, das Land mit seinen gut zehn Millionen Einwohnern, das beispielsweise in sozialen Fragen häufig vorangeht.

Der aktuelle Sonderweg in der Coronavirus-Krise aber löst international Irritationen aus und lässt auch im Land mehr und mehr die Zweifel wachsen, ob die Regierung richtig handelt.  

[Aktuelle Entwicklungen zur Coronavirus-Pandemie können Sie hier im Newsblog verfolgen.]

Die wird unter anderem beraten vom Staatsepidemiologen Anders Tegnell, dem obersten Seuchenbekämpfer der schwedischen Gesundheitsbehörde. Tegnell ist sozusagen der schwedische Lothar Wieler. Wie sein Kollege vom Robert-Koch-Institut brieft er täglich ebenfalls live übertragen die Medien in Stockholm. Und so verkündet Tegnell am Mittwoch die aktuellen Zahlen. „Wir haben in Schweden heute 2510 bestätigte Infektionen. 42 Menschen sind bisher gestorben“, sagt der Epidemiologe. Zudem verzeichne das Land bisher 144 Intensivpatienten. 

Für den 63-jährigen Tegnell sind die neuen Zahlen nicht alarmierend, auch wenn sich die Zahl der Toten seit Sonntag verdoppelt hat. Er sieht keine Notwendigkeit, die im europäischen Vergleich moderaten Einschränkungen des Alltags zu verschärfen. Noch nicht. „Wir sind zufrieden mit unseren Maßnahmen“, sagt Tegnell. „Die Kurve steigt nicht katastrophal. Wir sind nach wie vor in einer recht stabilen Situation.“

Schwedens Staatsepidemiologe Anders Tegnell Foto: AFP/TT News Agency/Claudio Bresciani Vergrößern
Schwedens Staatsepidemiologe Anders Tegnell © AFP/TT News Agency/Claudio Bresciani

Schwedens Skigebiete sind noch geöffnet

Während andere Länder wie Deutschland im Ausnahmezustand sind und Ärzte in Italien und Spanien von Zuständen wie im Krieg sprechen, herrscht in Schweden so etwas wie Alltag. Restaurants und Grundschulen sind weiter geöffnet, zu den Stoßzeiten herrscht in Stockholm in den öffentlichen Verkehrsmitteln das übliche Gedränge, obwohl die Hauptstadt am schwersten betroffen ist.

Am Mittwoch sind auch die Skigebiete noch geöffnet. Lediglich die heftig kritisierten Apres-Ski-Partys in den Touristengebieten finden nicht mehr statt. Veranstaltungen mit bis zu 500 Menschen sind nach wie vor erlaubt. Im Nachbarland Norwegen sind bereits seit zwei Wochen Schulen und Geschäfte geschlossen, Sport- und Kulturveranstaltungen verboten. 

Es gibt zwar einzelne Einschränkungen. So sind Sekundarschulen und Universitäten geschlossen und unterrichten online. Insgesamt bleibt es aber beim bisherigen Kurs: Appelle statt Verbote. So wird von der Regierung empfohlen, soziale Kontakte zu vermeiden, Osterbesuche und unnötige Reisen zu unterlassen und Ältere besonders zu schützen. Wer könne, solle im Homeoffice arbeiten, wer sich krank fühle, zu Hause bleiben.

„Zu Hause sitzen ist auch schlecht für die Gesundheit“

Ministerpräsident Stefan Löfven hatte am Sonntagabend in einer Rede an die Nation – sehr ungewöhnlich für das Land - die Schweden zwar eindringlich gewarnt. „Wir haben eine allgemeine Verbreitung des Virus in Schweden. Das Leben, die Gesundheit und der Arbeitsplatz sind gefährdet. Es werden mehr Menschen krank werden, mehr werden sich von Angehörigen verabschieden müssen.“

Der Sozialdemokrat sagte weiter: „Jeder von uns hat die Verantwortung, die Ausbreitung zu verhindern, um Ältere und Risikogruppen zu schützen.“ Weitere Restriktionen kündigte er aber nicht an. Die Skigebiete des Landes rüsten sich daher nach wie vor für den erwarteten Ansturm an Ostern. 

Am Montag ermunterte auch der schwedische Epidemiologe Johan Giesecke, der als Berater für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) arbeitet, die Menschen, sich nicht im Haus zu verschanzen. „Zu Hause zu sitzen ist auch schlecht für die Gesundheit“, sagte er im öffentlich-rechtlichen Fernsehsender SVT. „Schnappen Sie sich einen Freund und gehen Sie in einem Meter Abstand spazieren. Nehmen Sie eine Thermoskanne mit und setzen Sie sich auf eine Parkbank“, empfahl der Wissenschaftler. 

Und auch in Restaurants, Cafés und Kneipen dürfen die Schweden sich weiter treffen, was viele bei frühlingshaften Temperaturen am Wochenende auch taten. Seit Dienstag gibt es hier lediglich eine kleine Einschränkung: In den Lokalen ist nur noch die Bedienung am Tisch für sitzende Gäste erlaubt. An der Bar dürfen demnach keine Getränke oder Speisen mehr serviert werden. Take-Away-Speisen und Buffets sind von den Maßnahmen nicht betroffen. 

Rede an die Nation: Schwedens Ministerpräsident Stefan Löfven Foto: AFP/Anders Wiklund Vergrößern
Rede an die Nation: Schwedens Ministerpräsident Stefan Löfven © AFP/Anders Wiklund

Führende Medien werden skeptischer

Bei der lauter werdenden Kritik im Land an dem vergleichsweise entspannten Umgang mit der Pandemie verweisen Politiker stoisch auf den Rat der Gesundheitsbehörde. Das Parlament hat einen Gesetzentwurf auf den Weg gebracht, der die Schließung von Grund- und Vorschulen erlaubt – falls dies notwendig werden sollte. „Sobald die Gesundheitsbehörde Entscheidungen der Regierung verlangt, werden wir das schnell tun“, sagte Gesundheitsministerin Lena Hallengren.

Aber nicht nur in Internetforen, auch in den führenden Medien im Land wächst die Kritik. „Wir dürfen nicht zulassen, dass sich das menschliche Elend von Wuhan und Bergamo in Schweden wiederholt“, schrieb die größte schwedische Zeitung „Dagens Nyheter“ am Sonntag in einem Leitartikel. „Das wäre ein Spiel mit dem grundlegendsten gesellschaftlichen Prinzip, dass jedes Menschenleben wertvoll ist.“ Der Kommentator des liberalen Blattes forderte entweder strengere Maßnahmen oder breit angelegte Viren-Tests.

Auch wenn Europa inzwischen weltweit die meisten Infizierten und Todesfälle verzeichnet, sieht der schwedische Chef-Epidemiologe das größte Unruhepotenzial in den USA. „Dort geschieht gerade sehr viel, und es geschieht sehr schnell. Das kann problematisch werden“, sagt Tegnell. Er hatte übrigens am 5. März gesagt, die Ausbreitung der Epidemie in Schweden habe nun wohl das Maximum erreicht. Zu diesem Zeitpunkt gab es nur 94 Infizierte im Land – gut 2400 weniger als 20 Tage später.

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