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In den Lebenswissenschaften etwa könnte man einen Qualitätsindikator aus den Verwertungsvereinbarungen konstruieren, die zu neuen Medikamenten geführt haben. Foto: pa/obs/HPI Hasso-Plattner-Instititut
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Turners Thesen Die Linie vom Entdecker zum Arzneimittel

Wie kann man die Leistungsfähigkeit eines Fachbereichs oder einer Universität messen? Unser Kolumnist plädiert für Ankerpatente als Indikatoren.

Ganz oben, an der absoluten Weltspitze, geht es einfach. Man nimmt Nobelpreise. Aber darunter? Wo finden sich, für die Öffentlichkeit, für politische Entscheider, belastbare Qualitätsindikatoren? Wie kann man sich ein Bild von der Leistungsfähigkeit eines Fachbereiches oder einer Universität machen? Beim Ranking ist man sich einig: Ein Vergleich von Universitäten scheitert wegen der unterschiedlichen Größe der Institutionen und der Schwerpunkte in den Fakultäten; im Rahmen der Exzellenzstrategie setzte man sich über solche Bedenken hinweg.

Sogenannte Evaluierungen lösen das Problem nur teilweise. Zudem sind Evaluierungen zeit- und personalaufwändig. Flächendeckend lassen sich damit keine Einschätzungen liefern. Die Praxis vieler Universitäten, ihre Publikations- oder Fußnotenkönige miteinander zu vergleichen, wiederum stößt aufgrund von Freundschaftskreisen schnell an Grenzen. Die Einwerbung von öffentlichen Drittmitteln sagt insgesamt wenig aus.

Am überzeugendsten sind externe Bewertungen auf der Ebene der Fachdisziplinen. Bei manchen avanciert der Gründeroutput zum Qualitätsmaßstab, ebenso die Zahl der Absolventen oder die Anzahl der Dissertationen.

Defizite thematisieren

Andreas Eckert, der Vorsitzende des Förderfonds Wissenschaft in Berlin, wählt in einer Untersuchung mit der Universität Hamburg einen anderen Ansatz. Danach sollte man beispielsweise für den akademisch relativ großen und wirtschaftlich bedeutenden Bereich der Lebenswissenschaften einen Indikator aus den Verwertungsvereinbarungen konstruieren, die zu neuen Medikamenten geführt haben.

Angaben zu Verwertungsvereinbarungen und der globalen Rangreihenfolge der Zulieferer lassen sich detailliert aus Statistiken der amerikanischen Bundesgesundheitsbehörde FDA ermitteln. Für besonders innovative Durchbrüche verknüpft sie ihre Zulassungsbescheide fast immer mit den Ankerpatenten, die der Zulassung des neuen Medikamentes zugrunde liegen. Sie rekonstruiert damit die Linie vom wissenschaftlichen Entdecker zum tatsächlich erhältlichen Arzneimittel.

Wer mit George Turner diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail senden: george.turner@t-online.de. Mike Wolff Vergrößern
Wer mit George Turner diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail senden: george.turner@t-online.de. © Mike Wolff

Da in Deutschland die Rechte an den Erfindungen der Hochschulangehörigen den Arbeitgebern zustehen, müssten in den FDA-Statistiken deutsche Universitäten oder Hochschulkliniken als Anmelder der Patente auftauchen, wenn ihre Wissenschaftler Wesentliches zur Entwicklung eines Medikaments beigetragen haben. Das tun sie anscheinend nur selten.

In der letzten Dekade (2010 bis 2019) wurde von den 1400 Patenten, die laut FDA den großen medizinischen Durchbrüchen zugrunde liegen, nicht ein einziges von einer deutschen Universität angemeldet. Lediglich die Max-Planck-Gesellschaft kann sich in diesem Zeitraum mit acht Zuschreibungen schmücken.

Wenn Einrichtungen Geld für den Zweck erhalten, neue Medikamente auf den Weg zu bringen und unter den FDA-Patenten nicht auftauchen, gibt das zu denken. Es scheint dann nicht zu gelingen, der Forschung gegenüber den konkurrierenden Zielen der Lehre und der Krankenversorgung den nötigen Stellenwert zu verschaffen. Das zeigt, wie wichtig robuste Leistungsindikatoren wie etwa die Erfassung von Ankerpatenten sind.

Nur wenn Defizite offensichtlich und auch in der Öffentlichkeit thematisiert werden, hat die Leitung des bürokratischen Apparates intern eine Chance, die eigenen Ansprüche an die Innovationsfähigkeit intern gegenüber konkurrierenden Interessen durchzusetzen.


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