Handschrift des Tumors. Ärzte überprüfen etwa 600 Gene im Erbgut von Krebszellen, um Hinweise darauf zu finden, welche Wirkstoffe am besten gegen Geschwulste und Metastasen vorgehen können, gegen die Standardtherapien versagt haben. Foto: Molecular Health
p

Tumortherapie Gene und Daten gegen Krebs

4 Kommentare

Finden Computer die besseren Arzneien für krebskranke Kinder? Das soll ein Berliner Projekt klären.

Die Diagnose Krebs lässt niemanden kalt. Umso schlimmer, wenn Kinder betroffen sind. Zwar können Ärzte mittlerweile in etwa 80 Prozent der Fälle helfen und sogar heilen. Doch bei den übrigen 20 Prozent kommt der Krebs nach der ersten Behandlung zurück und die Überlebenschancen reduzieren sich drastisch. Diesen Kindern soll am Berliner Universitätsklinikum Charité nun mit einem speziellen Projekt geholfen werden. Dabei werden zunächst etwa 600 Gene im Erbgut der Tumorzellen der Patienten auf krebstypische Mutationen untersucht. Dann sucht die Heidelberger Bioinformatik-Firma Molecular Health in den medizinischen Literaturdatenbanken nach den Wirkstoffen, die am besten zu dem genetischen Profil des Tumors und zum Patienten passen.

Den Krebs besser kennenlernen, um ihn kontrollieren zu können

Finanziert wird das Projekt von der Techniker Krankenkasse (TK) sowie der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) – mit einer „beachtlichen Investition“, sagte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Thomas Ballast gestern auf einer Informationsveranstaltung in Berlin. Allein die Genanalyse koste einige tausend Euro pro Patient. Genauere Zahlen wolle man aber nicht nennen. Zwar soll das Projekt auch klären, wie wirtschaftlich Gendiagnostik und computergestützte Therapieauswahl sind, aber das stehe nicht im Vordergrund. „Wir wissen einfach noch nicht, ob sich aufgrund der Gen- und Datenanalyse unnötige Kosten vermeiden lassen, weil die Patienten von unwirksamen Therapien verschont bleiben oder gezieltere Therapien schneller zum Erfolg führen“, sagte Ballast. Es sei auch möglich, dass Mehrkosten entstehen, etwa wenn die Therapien die Erkrankung zwar stoppen aber nicht heilen und womöglich sogar lebenslange Behandlungen nach sich ziehen. „Aber es wäre natürlich ein großer Erfolg, wenn es uns gelingen würde, bislang unheilbare Krebserkrankungen bei Kindern zu chronifizieren“, sagte Ballast. Einen solchen Fortschritt müsse das System dann selbstverständlich bezahlen. „Nur: Ob das funktioniert, das wollen wir erst einmal ausprobieren.“

„Molekulare Diagnostik gibt es ja schon länger“, sagte Andrej Lissat, Kinderonkologe an der Charité. Dort werden bei etwa 50 Prozent der Patienten in den Tumoren Genmutationen gefunden, die mit einer zielgerichtete Therapie angreifbar wären. „Neu und innovativ ist, dass wir jetzt systematisch überprüfen, ob Computer- und Genanalyse die Arbeit der behandelnden Ärzte tatsächlich erleichtern und verbessern.“

Evaluierung, ob Gen- und Datenanalyse nützen

Dazu wird den Kindern, bei denen der Krebs nach der ersten Standardtherapie zurückkam, ein Stück Tumorgewebe entnommen und in der Pathologie der Charité gendiagnostisch untersucht. „Das dauert etwa eine Woche und sagt uns, ob der Tumor Genmutationen hat, die man für eine zweiten Therapieansatz ausnutzen kann“, sagte Lissat. Das Ergebnis der Genanalyse diskutiert das Ärzteteam dann in einer ersten Besprechung. In einer zweiten Sitzung werden dann die Ergebnisse der Datenbankrecherchen der Firma Molecular Health berücksichtigt, die etwa zwei, drei Tagen beansprucht und passendere Therapie für den Patienten heraussucht. „Das ist unsere Methode zur Evaluierung“, sagte Lissat. Nach etwas mehr als 100 Patienten könne man ein statistisch aussagekräftiges Ergebnis erwarten.

Die Datenrecherche der Firmensoftware macht dabei im Grunde nichts anderes, als was Ärzte alltäglich tun – nur systematischer: Für die Entscheidung über eine Therapie wird das biowissenschaftliche Wissen über die jeweilige Krebserkrankung herangezogen, außerdem die Krankenakte des Patienten sowie einschlägige Studienergebnisse über die Wirksamkeit und Nebenwirkungen von diversen Arzneien und Therapien. Allerdings ändern sich die Daten ständig, neue Studien korrigieren alte. Daher lässt Molecular Health die Daten von Experten bewerten und einordnen. Das habe viel Zeit gekostet, sagt der Gründer und Geschäftsführer Friedrich von Bohlen und Halbach. Aber jetzt sei das System in der Lage, „nicht nur die beste Therapie für einen Patienten zu finden, sondern unwirksame Medikationen und Nebenwirkungen und damit auch unnötige Kosten zu verhindern.“ Das sei nicht nur bei Krebs, sondern prinzipiell auch für die Therapieauswahl bei Stoffwechsel- oder Autoimmunerkrankungen anwendbar.

Konzept soll auch bei Eierstockkrebs eingesetzt werden

So weit denkt die TK noch nicht, plant aber schon jetzt, das Pilotprojekt auf erwachsene Krebskranke auszuweiten: Frauen, bei denen die Standardtherapie Eierstockkrebs nicht stoppen konnte. „Wir werden Krebs damit nicht heilen können, aber hoffentlich zu einer chronischen Krankheit machen und die Lebenserwartung deutlich erhöhen können“, hofft Bohlen. Das sei „der Anfang einer Medizin, die unumkehrbar sein wird.“ Inwieweit diese neue Medizin günstiger oder teurer für die Kassen wird, ist jedoch offen.

Für den Arzt Lissat rücken Kosten ohnehin in den Hintergrund, wenn ein Junge wieder Fußball spielen kann, weil sein Knochenkrebs seit neun Monaten nicht mehr wächst, dank eines von der Gen- und Datenanalyse ausgewählten Wirkstoffs. „Ja, das Medikament kostet 4000 Euro pro Monat, aber wer wollte denn ernsthaft sagen, dass sich das nicht lohnt?“

Zur Startseite