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Diese vom Robert Koch-Institut (RKI) zur Verfügung gestellte elektronenmikroskopische Aufnahme zeigt das Affenpockenvirus. Affenpocken werden wahrscheinlich vor allem von Nagetieren, nicht Primaten, auf Menschen übertragen. Menschen können sich aber auch untereinander anstecken.  Andrea Männel/RKI/dpa
© Andrea Männel/RKI/dpa

Tierisches Virus bei Menschen in Europa und den USA Ungewöhnlich viele Affenpocken-Fälle – aber kein Grund zur Panik

Mehrere Menschen haben sich mit Affenpocken infiziert. Über die Gründe der steigenden Fallzahlen – und die Frage, ob wir eine Impfung gegen Pocken brauchen.

Fälle der eigentlich seltenen Affenpocken werden in immer mehr Ländern nachgewiesen – neben Großbritannien, Spanien und Portugal nun auch im Nordosten der USA. Die Krankheit verläuft meist milde, doch die Häufung der Fälle ist so ungewöhnlich, dass Gesundheitsbehörden in den Ländern zu erhöhter Wachsamkeit aufrufen.

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Bei vielen der Infizierten handelt es sich um Männer, die Sex mit anderen Männern hatten. Die Infektionen wurden vermutlich durch Körperflüssigkeiten übertragen. Die Affenpocken-Fälle würden zwar keine Epidemie wie Covid-19 verursachen, „aber es ist ein ernsthafter Ausbruch einer schweren Krankheit – wir sollten es ernst nehmen“, sagte Jimmy Whitworth, Professor für Internationale öffentliche Gesundheit an der London School of Hygiene and Tropical Medicine gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

Die US-Gesundheitsbehörde CDC betont, dass „jeder Mensch, unabhängig von seiner sexuellen Orientierung, die Affenpocken verbreiten kann“. Alle Altersgruppen und alle Geschlechter sind gleichermaßen empfänglich – Kinder und Jugendliche seien besonders anfällig, wie das Robert Koch-Institut (RKI) schreibt. Es gibt keine spezifischen Medikamente oder keinen in Europa zugelassenen Impfstoff gegen Affenpocken. Eine mögliche Theorie für den Anstieg der Fallzahlen ist, dass der bevölkerungsweite Impfschutz gegen Pocken weltweit nachlässt.

Affenpocken kommen außerhalb von Afrika selten vor

Fälle beim Menschen waren außerhalb von Afrika sehr selten, die meisten treten weiterhin in Gebieten in West- und Zentralafrika auf. Für die zentralafrikanische Virusvariante wird eine Sterblichkeit von etwa zehn Prozent angegeben. Bei der westafrikanischen Variante überleben fast alle Infizierten.

Auch der erste Betroffene in Großbritannien war Anfang Mai 2022 aus dem westafrikanischen Nigeria eingereist. Die Zahl der erfassten Fälle in Großbritannien liegt nach Angaben der Gesundheitsbehörde UK Health Security Agency (UKHSA) aktuell bei neun. Die meisten sollen sich in London angesteckt haben, wobei bei einigen Fällen keine direkte Verbindung zu bereits Infizierten festgestellt werden konnte. Auch hier sind in erster Linie Männer erkrankt, die sexuellen Kontakt mit anderen Männern hatten.

In den USA sei bislang eine Person aus dem Bundesstaat Massachusetts betroffen, teilte die CDC mit. In Spanien wurden acht Infektionen in der Hauptstadt Madrid gemeldet. In Portugal schrieb die Zeitung „Público“ von etwa 20 Infizierten, behördlich bestätigt ist diese Zahl allerdings nicht. Dutzenden weiteren Verdachtsfällen wird nachgegangen, etwa in Kanada.

Übertragung durch Nagetiere wie Ratten

Anne Rimoin, Professorin für Epidemiologie an der Universität von Kalifornien, sagte Reuters gegenüber, dass die neuen Fälle, auch wenn es wenige sind, dringend untersucht werden müssten. Das sei wichtig, um herauszufinden, ob es sich um einen neuartigen Verbreitungsweg der Affenpocken handelt oder das Virus sich verändert hat. 

Fachleute vermuten, dass Affen nur Fehlwirte des Affenpocken-Virus sind. Sie können zwar befallen werden, aber das eigentliche Reservoir seien wahrscheinlich Nagetiere wie Eichhörnchen und Ratten. Infektionen können laut RKI durch Kontakt mit dem Blut oder Sekreten infizierter Tiere auf Menschen übertragen werden. Auch der Verzehr von Fleisch infizierter Tiere sowie Tröpfcheninfektionen stellen weitere Übertragungswege dar. Übertragungen von Mensch zu Mensch erfolgen bei engem Kontakt, über Tröpfchen, Pustelflüssigkeit und anderen Körperflüssigkeiten oder Krusten.

Nach UKHSA-Angaben zählen Fieber, Kopf-, Muskel- und Rückenschmerzen, geschwollene Lymphknoten, Schüttelfrost und Erschöpfung zu den ersten Krankheitsanzeichen. Nach einem bis vier Tagen kann sich ein Ausschlag entwickeln, der sich oft ausgehend vom Gesicht auf andere Körperteile ausbreite. Der Ausschlag sehe je nach Phase unterschiedlich aus und könne Windpocken und Syphilis ähneln. Die meisten Erkrankten erholen sich innerhalb weniger Wochen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) betont, dass gründliches Händewaschen mit Wasser und Seife sowieso Händedesinfizieren gegen das Risiko einer Übertragung helfe.

Pocken gelten seit 1980 als ausgerottet

Der Pockenimpfstoff kann recht gut vor einer Infektion mit Affenpocken schützen (bis zu 85 Prozent) beziehungsweise den Krankheitsverlauf abschwächen. Die Pocken des Menschen gelten seit 1980 nach einer großen Impfkampagne weltweit als ausgerottet. Viele Menschen sind gar nicht geimpft und vor langer Zeit Geimpfte haben laut RKI mittlerweile keinen Impfschutz mehr. Nach WHO- und CDC-Empfehlungen ist wegen der möglichen Nebenwirkungen der Pockenimpfung im Moment eine aktive Immunprophylaxe gegen Affenpocken als Vorsichtsmaßnahme nicht angebracht. In den USA ist außerdem ein Impfstoff namens Jynneos zugelassen, der gezielt bei Affenpocken eingesetzt werden kann. Der Impfstoff hat zwar auch in der EU eine Zulassung – allerdings nur zum Einsatz gegen Pocken. Ein weiterer Impfstoff, der ebenfalls in den USA zugelassen ist, ist ACAM2000. Dieser wird bislang nur Militärpersonal sowie Forschenden empfohlen, die im Labor mit Pocken experimentieren.

Bereits angesichts der ersten bekanntgewordenen Fälle in Großbritannien hatte das RKI Ärzt:innen in Deutschland für die Virusinfektion sensibilisiert: Affenpocken sollten auch dann bei unklaren pockenähnlichen Hautveränderungen als mögliche Ursache in Betracht gezogen werden, wenn die Betroffenen nicht in bestimmte Gebiete gereist seien. Reiserückkehrer aus Westafrika sowie Männer, die Sex mit Männern haben, sollten bei ungewöhnlichen Hautveränderungen „unverzüglich eine medizinische Versorgung aufsuchen“.

Auch die WHO ruft zu einer rigorosen Verfolgung aller Kontakte der Betroffenen auf. Kliniken und Bevölkerung sollten ungewöhnliche Hautausschläge von Fachpersonal begutachten lassen. Erhärte sich der Verdacht auf Affenpocken, sollten Patienten isoliert werden. Gesundheitspersonal solle sich mit den üblichen Vorkehrungen bei Infektionen, die sich über Kontakt oder Tröpfchen ausbreiten können, schützen.

In Nigeria vermehrt Fälle seit 2017

In Nigeria wurden seit 2017 vermehrt Affenpocken-Infektionen beim Menschen diagnostiziert. Nach WHO-Angaben seien dort 558 Verdachtsfälle gemeldet worden, 241 seien bestätigt worden und acht Menschen seien daran gestorben. Weitere Affenpocken-Ausbrüche gab es 2018 in Kongo, Kamerun und in der Zentralafrikanischen Republik.

In einem Fachartikel von 2019 hielten RKI-Mitarbeiter fest: „Außerhalb von Afrika wurden Affenpocken bei Menschen lediglich dreimal identifiziert: im Jahr 2003 in den USA und im Jahr 2018 im Vereinigten Königreich und Israel“.

Wieso sich vermehrt Menschen mit dem Virus anstecken, könnten jene Faktoren sein, die auch die Ebola-Epidemien in Westafrika und in der Demokratischen Republik Kongo mit jeweils mehreren Tausend Infizierten begünstigten, schreibt Lars Fischer, Wissenschaftsredakteur bei Spektrum. Bevölkerungswachstum und mehr Siedlungen in der Nähe von Wäldern sowie mehr Interaktion mit potenziell infizierten Tieren könnten die Übertragung tierischer Viren auf Menschen begünstigt haben.

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