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Auf einem Bildschirm sind fünf Personen in einer Videokonferenz zu sehen. Foto: Tsp
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Tagesspiegel-Politikfrühstück Das Vertrauen in die Wissenschaft boostern

Politiker und Forschende diskutieren Auswege aus der Wissenschaftsskepsis. Die Ampel-Koalition im Bund plant eine verbesserte Pandemie- und Impf-Aufklärung.

Wissenschaftler äußern sich zuweilen apodiktisch, wenn es etwa um Schulschließungen in der Pandemie geht – zu Lasten des Vertrauens in die Wissenschaft. Senja Post, Professorin für Wissenschaftskommunikation am Karlsruhe Institute of Technology, bezeichnet solche Kolleg:innen als „Epistokraten“, Forschende, die ihre Erkenntnisse als „Beweis“ für ihre Forderungen präsentieren.

„Unsere Erkenntnisse zeigen eine dramatische Lage junger Menschen und belegen eindeutig, dass Schulschließungen nicht länger vertretbar sind“ – so fasst Post die epistokratische Position zu sozialen und psychischen Folgen der Schulschließungen zusammen. Anders argumentierten „ehrliche Makler“, erläuterte Post am Mittwoch beim digitalen Tagesspiegel-Politikfrühstück zum Thema „Vertrauen in Wissenschaft und Innovationen“.

„Als Wissenschaftler muss ich sagen, dass sich die dramatische Lage erst durch stabile Schulöffnungen verbessern lässt.“ Doch natürlich gebe es auch die Gefahren, die von der epidemiologischen Lage ausgehen, und die müssten diskutiert werden, ergänzt der „ehrliche Makler“. Fallstudien am KIT zeigten, dass nur eine solche Argumentation das Misstrauen gegenüber der Wissenschaft abschwächen könne, die „die Wertepriorisierung in der Politikberatung stärker thematisiert und nicht kaschiert“, resümierte Post.

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Der „ehrliche Makler“ kam gut an bei den Diskutanten des Politikfrühstücks. „Depolarisierung ist möglich“, sagte Kai Gehring, Forschungsexperte der Grünen. Durch die Coronakrise und die Entwicklung von Impfstoffen als „Meisterstücke“ wüssten heute mehr Menschen, wie Wissenschaftler arbeiten. Gleichzeitig hielten sich skeptische Haltungen – auch als „Rückzug aus der Komplexität“.

"Eine Regierung, die auf die Wissenschaft hört"

Die Ampelkoalition will gegensteuern, darunter mit einem Pandemierat, was signalisiere: „Wir wollen eine Regierung bilden, die auf die Wissenschaft hört.“ So sieht es auch der Mediziner Andrew Ullmann (FDP), der das Ampel-Projekt eines Bundesinstituts für öffentliche Gesundheit nannte. Es soll die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung ersetzen, die einst in der HIV-Pandemie vorbildlich kommuniziert, aber in der Coronakrise versagt habe.

[Eine Aufzeichnung des Tagesspiegel-Politikfrühstücks zum Thema Vertrauen in Wissenschaft und Innovationen finden Sie hier]

Unscharf blieben die Parlamentarier bei der Nachfrage des Moderators, Tagesspiegel-Chefredakteur Christian Tretbar, was den „unabhängigen Pandemierat“ von der Nationalen Akademie Leopoldina und ihren interdisziplinären Ad hoc-Stellungnahmen in der Pandemie unterscheiden soll.

Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité, sieht bereits „neue Interaktionsräume“ zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Politik, „die wir vorher nicht hatten und pflegen sollten“. Allerdings wünscht sich auch Kroemer einen strukturierten Austausch, der den „Sport in den Medien“ vermeide, Wissenschaftler mit höchst unterschiedlicher Expertise „gleichberechtigt gegeneinander antreten zu lassen“.

Zu Vertrauensverlusten führe aber auch die mangelnde Digitalisierung des Gesundheitswesens, wenn etwa Erkenntnisse zur Booster-Impfung aus Israel und nicht aus Deutschland kommen oder die tatsächliche Impfquote hierzulande nicht gesichert sei.

Ein großer Misstrauensfaktor gegenüber der Wissenschaft ist die Vorstellung, dass bei Pharmastudien finanzielle Abhängigkeiten regelmäßig Ergebnisse steuerten. Dem will der Bayer-Konzern nun mit einem „Collaboration Explorer“ begegnen. Er zeigt, mit welcher Uni oder welchem Forschungsinstitut gearbeitet wird, wie Monika Lessl, Vorständin der Bayer-Foundation, erklärte.

Ebenso wichtig seien frühe Einblicke in die Wissenschaft, beispielsweise durch Bürgerforschung schon von Schülerinnen und Schülern.

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