Impfling. Forscher empfehlen, Flüchtlingskinder gegen Pneumokokken zu impfen. Foto: Jörg Carstensen/picture-alliance/dpa
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Studie zur Gesundheit Geflüchteter Flüchtlingskinder: Erhöhtes Risiko für Pneumokokken-Erkrankungen

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Impf-Lücke plus Antibiotikaresistenzen: Eine Studie findet Hinweise auf besondere Gefährdung von Kindern Geflüchteter in Deutschland.

Pneumokokken gehören zu den gefährlichsten bakteriellen Erregern für kleine Kinder und Senioren. Bei schweren Krankheitsverläufen wie Lungenentzündung, Sepsis und Hirnhautentzündung, sind ernsthafte Folgeerscheinungen nicht selten und tödliche Ausgänge möglich. Die in Deutschland ab dem dritten Lebensmonat empfohlene Impfung schützt vor den am weitesten verbreiteten und am häufigsten Komplikationen auslösenden Varianten der Erreger.

Nun zeigt eine Studie, dass Kinder von Flüchtlingen vergleichsweise häufiger als in Deutschland geborene an Erregern erkranken, gegen die die Impfung schützen würde, und dass bei ihnen die Keime deutlich häufiger als hierzulande gegen mehrere Antibiotikagruppen resistent sind.

Flüchtlingskinder haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, an Pneumokokkeninfektion zu erkranken

Die Untersuchung erscheint im Fachblatt „Emerging Infectious Diseases“. Die Biologin und Epidemiologin Stephanie Perniciaro von der Uniklinik Aachen analysiert hier zusammen mit Kollegen Daten zu schweren Fällen von Pneumokokken-Infektionen in Deutschland. Aufgrund eines oft „ungesicherten Impfstatus“ (Eltern konnten nicht sicher angeben, gegen was das Kind bereits immunisiert wurde) flossen nur relativ wenige Krankheitsfälle (21) bei Flüchtlingskindern in die Auswertung ein. Die Daten wiesen aber deutlich darauf hin, dass bei Flüchtlingskindern im Untersuchungszeitraum eine „erhöhte Wahrscheinlichkeit“ bestand, an einer „invasiven“, also schweren Pneumokokkeninfektion zu erkranken, sagt Perniciaro. Auffällig war auch, dass deutlich häufiger als bei in Deutschland geborenen Kindern Erreger für die Krankheit verantwortlich waren, die bereits gegen drei oder mehr Gruppen von Antibiotika Resistenzen entwickelt hatten.

Letzteres führt Perniciaro vor allem darauf zurück, dass „in den Herkunftsländern Antibiotika oft billig sogar auf der Straße zu bekommen“ seien. Dies ist eine der wichtigsten Ursachen der Verbreitung von Antibiotikaresistenzen: Die Mittel werden ohne ärztliche Kontrolle, wenig gezielt, falsch dosiert und oft nicht lange genug eingenommen. All das sind Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sich Resistenzen bilden und die Bakterien dann auf den Schleimhäuten von Personen überleben. Das können auch die Eltern oder lediglich Spielkameraden der Kinder gewesen sein. Über sie können sie die Erreger erworben und teilweise auch lange symptomfrei getragen haben, bis die Krankheit ausbrach.

Nicht ausreichend geimpft worden

Perniciaro sagt, aufgrund der großen Zahl von Geflüchteten und wegen logistischer Probleme vor allem in den Jahren 2015 und 2016 seien insgesamt offenbar längst nicht alle Kinder dieses Personenkreises ausreichend geimpft worden.

Dies sei der Fall, obwohl für sie die gleichen Vorgaben wie für in Deutschland geborene Personen gelten. Ob sich die Situation inzwischen gebessert hat und ob möglicherweise auch verstärkt nachgeimpft wurde oder nicht, dafür gibt es bislang keine wissenschaftlichen Daten.

Impfprogramm für Kinder von Flüchtlingen empfohlen

Perniciaro und ihre Kollegen, in Aachen zuständig für das Nationale Referenzzentrum für Streptokokken (zu denen auch Pneumokokken gehören) empfehlen aufgrund ihrer Befunde, Kinder von Flüchtlingen, die nicht oder möglicherweise nicht gegen Pneumokokken geimpft sind, gezielt in einem speziellen Programm nachzuimpfen.

Die Ständige Impfkommission (Stiko), beheimatet am Berliner Robert-Koch-Institut (RKI), empfiehlt bislang Impfungen gegen die Erreger nur für Kinder unter zwei Jahren sowie für Menschen über 60 Jahren und Personen mit „erhöhter gesundheitlicher Gefährdung in Folge einer Grunderkrankung“. Zur aktuellen Veröffentlichung könne sich die Stiko noch nicht äußern, sagte RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher auf Nachfrage des Tagesspiegels. Sabine Vygen-Bonnet von der Abteilung für Infektionsepidemiologie am RKI sagt, die Gesamtzahlen schwerer Infektionsverläufe bei Kindern, die älter als zwei Jahre sind, seien gering. Deshalb gehe sie nicht davon aus, dass die Stiko ihre Empfehlungen ändern werde.

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Die in der Bevölkerung verbreitete Befürchtung, Geflüchtete brächten insgesamt viele Erreger mit, die sich hierzulande ausbreiteten, ist – wenn überhaupt – nur sehr eingeschränkt berechtigt. „Dass die Erreger, also auch die resistenten Stämme, sich weiter verbreiten, ist nicht auszuschließen, es ist aber bislang nirgends nachgewiesen“, sagt Perniciaro. Die meisten Geflüchteten erkrankten an den gleichen Erregern wie alle anderen hierzulande, ergänzt RKI-Epidemiologin Vygen-Bonnet. Beobachtet worden sei aber ein erhöhtes Risiko für Windpocken-Ausbrüche in Flüchtlingsunterkünften. Neuankömmlinge werden auch gezielt auf Tuberkulose untersucht. Man fand dabei relativ viele Fälle. Allerdings sei auch hier keine Übertragung jenseits der Flüchtlingsunterkünfte registriert worden.

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