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Ein Delphin schwimmt im Pazifischen Ozean vor der Küste Guatemalas. Foto: AFP/Johan Ordonez
© AFP/Johan Ordonez

Studie zu Ozeanen Meeresschutz könnte Artensterben, Hunger und Klimakrise bekämpfen

Einen großen Teil der Meere zu schützen, hätte laut einer Studie viele Vorteile für die Menschheit. Die Ergebnisse berühren den Kampf gegen Artensterben und Klimakrise.

Rund 30 Prozent der Ozeane unter Schutz zu stellen, könnte gegen das Artensterben und gegen die Klimakrise helfen – und würde auch mehr Nahrung für mehr Menschen bedeuten. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie im Fachmagazin „Nature“, verfasst von einem Forschungsteam um den Meeresbiologen Enric Sala.

Schutzmaßnahmen in bestimmten Meeresgebieten hätten der Untersuchung zufolge drei konkrete Vorteile: Zum einen würde mehr als 80 Prozent des Lebensraums von gefährdeten Tier- und Pflanzenarten im Ozean geschützt. Zum anderen könnte die Menge an gefangenem Fisch um mehr als 8 Millionen Tonnen steigen. Drittens kann ein ungestörter Meeresboden als sogenannte Kohlenstoffsenke langfristig klimaschädliche CO2-Emissionen binden und so zum Klimaschutz beitragen.

„Das Leben in den Ozeanen ist wegen der Überfischung, der Zerstörung von Lebensräumen und dem Klimawandel zurückgegangen. Bisher sind nur sieben Prozent der Ozeane unter eine bestimmte Art von Schutz gestellt“, sagte Enric Sala, der Hauptautor der Studie.

Es sei klar, dass die Menschheit und die Wirtschaft von einem gesünderen Ozean profitieren würden. „Wir können diese Vorteile rasch realisieren, wenn Länder zusammenarbeiten und mindestens 30 Prozent des Ozeans bis 2030 unter Schutz stellen.“ Nach Definition der Wissenschaftler:innen sind solche Gebiete vor Fischerei, Bergbau und der Zerstörung von Lebensräumen geschützt.

Je nachdem, ob mehr Nahrung oder mehr Arten- und Klimaschutz oberste Priorität hat, ändert sich der Anteil der weltweit zu schützenden Meere in den Berechnungen der Studie. Wenn beispielsweise mehr Nahrung – also zum Beispiel mehr gefangener Fisch – die oberste Priorität beim Schutz der Meere hätte, müssten 28 Prozent der Ozeane als Schutzgebiete ausgewiesen werden. In diesem Fall wären Arten- und Klimaschutz nebensächlich.

Mehr als 40 Prozent der Ozeane müssten für mehr Artenvielfalt unter Schutz stehen

Wenn allerdings der Artenschutz in den Meeren genauso wichtig wäre wie mehr Nahrung, müssten sogar 45 Prozent der Ozeane unter Schutz gestellt werden. Mithilfe eines Algorithmus konnten die Wissenschaftler:innen diejenigen Meeresgebiete ausmachen, deren Schutz den meisten Nutzen bringen würde. Der Nutzen dieser Schutzgebiete misst sich an dem Potenzial ihrer Nahrungsmittelproduktion und beim Arten- und Klimaschutz.

Fische schwimmen vor den nordwestlichen Inseln Hawaiis. Besonders Korallenriffe sind von der Klimakrise in ihrer Existenz bedroht. Foto: AFP/NOAA/James Watt Vergrößern
Fische schwimmen vor den nordwestlichen Inseln Hawaiis. Besonders Korallenriffe sind von der Klimakrise in ihrer Existenz bedroht. © AFP/NOAA/James Watt

An der so entstandenen Weltkarte mit besonders wichtigen Teilen des Ozeans können Regierungen sich bei ihren Bemühungen um den Meeresschutz orientieren, schreiben die Autor:innen in ihrer Untersuchung. Zu den Ländern mit schützenswerten Meeresgebieten zählen der Studie zufolge in Europa unter anderem Kroatien, die Ukraine und Italien. Die schützenswerten Meeresgebiete in Asien gehören unter anderem zu Saudi Arabien, Myanmar und der Türkei. In Afrika wiederum unterstehen die drei wertvollsten Meeresgebiete den Ländern Sudan, Eritrea und Guinea.

Christian Wild, Meeresbiologe und Korallenexperte an der Universität Bremen, erklärt den Nutzen von Schutzgebieten an einem Beispiel: „Bisher entnimmt der Mensch den Ozeanen mehr Fische, als das Ökosystem überhaupt nachliefern kann.“ Wenn zu viel gefischt werde, kollabierten die Bestände, weil geschlechtsreife Männchen und Weibchen getötet würden, bevor eine neue Generation von Fischen gezeugt wird.

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„In Meeresschutzgebieten, wo Fischerei verboten ist, können mehr Fischlarven produziert werden. Dadurch können Fischpopulationen besser nachwachsen und dabei auch die umliegenden Gebiete versorgen, wo Fischen erlaubt ist.“ Letztlich könnten Meeresschutzgebiete laut Wild auf diese Weise langfristig zu mehr Nahrung führen, als wenn es überhaupt kein Schutzgebiet gäbe.

Meeresschutzgebiete sind vor Auswirkungen der Klimakrise nicht gefeit

Die Studie, an der Wild selbst nicht beteiligt war, erwecke möglicherweise den Eindruck, Meeresschutzgebiete könnten eine „eierlegende Wollmilchsau“ sein, damit der Mensch einen großen Nutzen aus ihnen ziehen könne. „Es ist erstmal kaum zu glauben, doch die Analyse zeigt eindrücklich: Meeresschutzgebiete bieten große Vorteile, was Nahrungsmittelproduktion und den Klima- und Artenschutz angeht – wenn sie sinnvoll eingerichtet sind und kontrolliert werden.“

Christian Wild ist Meeresbiologe an der Universität Bremen und forscht vor allem zu Korallenriffen. Foto: Universität Bremen Vergrößern
Christian Wild ist Meeresbiologe an der Universität Bremen und forscht vor allem zu Korallenriffen. © Universität Bremen

Allerdings sieht der Biologe ein Problem dabei, nur auf die Ausweitung von Meeresschutzgebieten zu setzen: „Wenn sich das Meer durch den Klimawandel weiter erwärmt, könnten zum Beispiel viele Fische auch in vorbildlich eingerichteten Schutzgebieten an Sauerstoffarmut ersticken.“ Den Ozean könne man auch in Schutzgebieten nicht vor Hitzewellen oder immer saurerem Wasser bewahren.

Deshalb könnte der Klimawandel laut Wild einen Strich durch die Rechnung in der Studie machen, was das Plus an Nahrung und Artenschutz angeht. „Dennoch können Schutzgebiete im Meer große Vorteile für den Menschen mit sich bringen und im Kampf gegen Artensterben und den Klimawandel helfen – diese Erkenntnis der Studie bleibt“, sagte Wild.

Meeresböden sind laut den Autor:innen der Studie vor allem wichtig für den Klimaschutz, weil sie gigantische Mengen an Kohlenstoff binden. Doch der Einsatz von industriellen Schleppnetzen führt zunächst zu einer jährlichen Freisetzung von 1,5 Gigatonnen an CO2-Emissionen in den Meeresböden, wie die Forschenden anhand von Satellitendaten schätzen. Zum Vergleich: Das sind fast doppelt so viele Emissionen an CO2-Äquivalenten wie Deutschland über das ganze Jahr 2020 ausgestoßen hat.

Bisher stehen nur 7,6 Prozent der Ozeane unter Schutz

Das Problem an den Schleppnetzen ist laut den Wissenschaftler:innen, dass sie die Kohlenstoffspeicher in den Meeresböden stören, wodurch der gespeicherte Kohlenstoff wieder zum klimaschädlichen Kohlendioxid reagiert. Das macht den Ozean wahrscheinlich saurer und weniger aufnahmefähig für Treibhausgase. Unterm Strich führt das möglicherweise zur weiteren Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre, was dem Klima schadet.

Um den Meeresboden weitgehend als Kohlenstoffsenke zu erhalten, müsste den Berechnungen zufolge vier Prozent der Ozeane vor den Schleppnetzen bewahrt, also als Schutzgebiet ausgewiesen werden.

Schleppnetze können den Meeresboden stören und große Mengen Kohlendioxid freisetzen, heißt es in den Ergebnissen der Studie. Foto: Stefan Sauer/picture alliance Vergrößern
Schleppnetze können den Meeresboden stören und große Mengen Kohlendioxid freisetzen, heißt es in den Ergebnissen der Studie. © Stefan Sauer/picture alliance

Nach aktuellen Zahlen der Vereinten Nationen sind bisher nur 7,6 Prozent der Ozeane unter Schutz gestellt. Würde die Weltgemeinschaft tatsächlich die Meeresschutzgebiete gemäß den Berechnungen der Studie ausweiten, müssten etwa viermal mehr Meeresgebiete unter Schutz stehen.

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Laut den Forschenden wäre international koordinierter Meeresschutz nahezu doppelt so effizient als wenn Staaten alleine entscheiden würden, welche Gebiete sie unter Schutz stellen wollen. Im besten Fall müssten also deutlich weniger Meeresgebiete geschützt werden, um dieselben Ziele bei der Nahrungsmittelproduktion und dem Arten- und Klimaschutz zu erreichen.

Die Studie ist wenige Wochen vor der Weltnaturschutzkonferenz erschienen, die im Mai im chinesischen Kunming stattfinden soll. Die Weltgemeinschaft wird bei dieser Konferenz entscheiden, wie sie das Artensterben künftig bekämpfen will.

Politik hat bisher im Kampf gegen das Artensterben versagt

Umweltschützer:innen, aber auch die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erhoffen sich von den mehr als 190 teilnehmenden Staaten ein Naturschutzabkommen nach dem Vorbild des Pariser Klimavertrags. Als eine Säule dieses möglichen Naturschutzabkommens wird das sogenannte „30-30-Ziel“ gehandelt, wonach 30 Prozent der Erde unter Schutz gestellt werden sollen – dazu zählen sowohl Landflächen als auch Meeresgebiete.

Ein Buckelwal springt aus dem Pazifischen Ozean vor dem Uramba Bahia Malaga Nationalpark in Kolumbien. Foto: AFP/Miguel Medina Vergrößern
Ein Buckelwal springt aus dem Pazifischen Ozean vor dem Uramba Bahia Malaga Nationalpark in Kolumbien. © AFP/Miguel Medina

Bisher hat die Weltgemeinschaft im Kampf gegen das Artensterben versagt – jedes der 20 gesetzten Ziele im Natur- und Artenschutz hat die Menschheit zwischen 2010 und 2020 verfehlt, wie die Vereinten Nationen im vergangenen Jahr in einer wissenschaftlichen Bilanz festgestellt haben. Noch immer überfischt der Mensch demnach die Meere, verwüstet Böden mit zu viel Dünger und Pestiziden und rodet zu viele Wälder.

Wissenschaftler:innen sprechen angesichts des dramatischen Artenschwunds seit Jahren von einem sechsten „Massenaussterben“, denn von geschätzt 8 Millionen Tier- und Pflanzenarten sind eine Million vom Aussterben bedroht. Dadurch sind die menschlichen Lebensgrundlagen in Gefahr. Auch aus diesem Grund sind die Erwartungen an die kommende Weltnaturschutzkonferenz hoch.
 

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