Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Regenwasser auf der ganzen Welt enthält nicht abbaubare chemische Substanzen. Foto: dpa/picture alliance/Patrick Pleul
© dpa/picture alliance/Patrick Pleul

Studie aus Stockholm und Zürich Schädliche Substanzen weltweit im Regenwasser nachweisbar

Stefan Parsch - dpa

In sämtlichen Erdregionen haben PFAS-Substanzen den Grenzwert überschritten. Die Belastungsgrenze des Planeten ist den Forschenden zufolge längst erreicht.

Neben Kunststoffen gibt es weitere chemische Substanzen, die in der Umwelt extrem langlebig und zudem gesundheitsschädlich sind: Per- und polyfluorierte Alkylverbindungen (PFAS) sind im Regenwasser selbst der entlegensten Weltregionen nachweisbar – und zwar in Konzentrationen, die die Schwellenwerte der US-Umweltbehörde um ein Vielfaches überschreiten. Das berichten Forscher um Ian Cousins von der Universität Stockholm und Martin Scheringer von der ETH Zürich im Fachjournal „Environmental Science & Technology“.

Zu den PFAS, die mehr als 4700 Verbindungen umfassen, werden alle Substanzen gezählt, die mindestens eine Gruppe aus einem Kohlenstoffatom und zwei oder drei Fluoratomen besitzen. Angewandt werden sie etwa für wasserabweisende, atmungsaktive Textilien, schmutz-, fett- und wasserabweisendes Papier, Skiwachs und Feuerlöschmittel. Einige PFAS gelten als krebserregend, auch Schilddrüsenerkrankungen, Leberschäden und ein erhöhter Cholesterinspiegel wurden bereits auf Vertreter dieser Stoffgruppe zurückgeführt. 2017 zeigte eine Studie, dass PFAS sehr wahrscheinlich die Wirkung von Impfungen bei Kindern verringern. Davor warnt auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) – zumal gerade Kinder besonders mit PFAS belastet seien.

[Mehr aus Berlin und alles, was Deutschland und die Welt bewegt: Mit unserer App können Sie Ihre Nachrichten nun noch genauer einstellen. Jetzt hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen.]

Das derzeitige Verständnis der biologischen Auswirkungen von PFAS basiert hauptsächlich auf Studien zu vier Perfluoralkylsäuren. Deshalb betrachteten Cousins, Scheringer und Kollegen Messungen dieser Säuren im Regenwasser verschiedener Weltregionen. So lag die Menge an Perfluoroctansäure an sämtlichen Messstationen weit über dem aktuellen von der US-Umweltbehörde EPA empfohlenen Grenzwert für Trinkwasser: Nur Werte unter vier Pikogramm (billionstel Gramm) Perfluoroctansäure pro Liter Wasser hält die EPA derzeit für unbedenklich. Selbst im kaum besiedelten Hochland von Tibet wurde dieser Wert im Regenwasser um etwa das 14-Fache überschritten, in der Antarktis war die Konzentration sogar noch höher.

„Auf Basis der jüngsten US-Trinkwasser-Richtlinien für PFOA würde das Trinken von Regenwasser überall als unsicher eingestuft“, wird Cousins in einer Mitteilung zur Studie zitiert. „Obwohl wir in der industriellen Welt nicht oft Regenwasser trinken, erwarten viele Menschen auf der ganzen Welt, dass es unbedenklich ist, und es versorgt viele unserer Trinkwasserquellen.“ Wenn schon Regenwasser schädliche Mengen einzelner PFAS-Substanzen enthalte, dann sei die ökologische Belastungsgrenze des Planeten im Hinblick auf diese vom Menschen geschaffenen Substanzen bereits überschritten, argumentieren die Forscher.

[Lesen Sie auch auf Tagesspiegel Plus: Exklusiv: Berlin verstößt gegen EU-Richtlinie: Geldstrafe wegen dreckiger Spree möglich (T+)]

Lange Zeit ging die Wissenschaft davon aus, dass PFAS irgendwann im Meer landen und dort so stark verdünnt werden, dass sie ungefährlich werden. Doch kürzlich wiesen Wissenschaftler nach, dass Perfluoralkylsäuren über die Aerosole von Gischt wieder in die Atmosphäre gelangen können. Demnach hätte sich ein Kreislauf dieser biologisch nicht abbaubaren Substanzen etabliert. „Die extreme Langlebigkeit und der kontinuierliche globale Kreislauf bestimmter PFAS werden dazu führen, dass die genannten Richtwerte weiterhin überschritten werden“, sagt Scheringer.

Zwar überschreiten nicht alle untersuchten Perfluoralkylsäuren amerikanische oder europäische Trinkwasser-Grenzwerte. Doch die Forscher betonen, dass zur PFAS-Stoffklasse weit mehr als die vier untersuchten Säuren gehören.

„Es kann nicht sein, dass einige wenige wirtschaftlich profitieren, während sie das Trinkwasser von Millionen anderen verschmutzen und ernsthafte gesundheitliche Probleme verursachen“, wird Jane Muncke vom Food Packaging Forum in Zürich zitiert. Die Organisation untersucht gesundheitliche Auswirkungen von Lebensmittelverpackungen. Muncke fordert, dass die Industrie, die PFAS nutzt, die Maßnahmen für das Entfernen der Substanzen aus dem Trinkwasser übernimmt. (dpa)

Zur Startseite