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Unterricht aus der Distanz funktioniert nicht nach Stundenplan. Foto: Ulrich Perrey/dpa
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Streitfall Homeschooling „Wollen Sie Prüflinge per Kamera überwachen?“

Das Fernlernen in der Pandemie kann ein wichtiger Anstoß sein, neue Lernformate zu testen, sagt Grundschuldidaktikerin Uta Hauck-Thum von der LMU München.

Frau Hauck-Thum, erst ist Bayerns Lernmanagementsystem Mebis ausgefallen, dann hat Kultusminister Piazolo den Distanzunterricht praktisch verboten. Was heißt das für die Bildungsrepublik, wenn der Pisa-Primus Bayern für Schüler kein echtes Distanzlernen anzubieten vermag?

Es zeigt, dass Schulen in der Breite weder in der technischen Ausstattung noch konzeptionell auf die Welt von morgen vorbereitet sind. Es geht ja im Moment nicht nur um das Lernen in der Pandemie, sondern weit darüber hinaus. Kinder und Jugendliche werden zukünftig grundsätzlich hybrid lernen. Das wird in Räumen geschehen, die man früher mal Schule nannte, die aber in Zukunft ganz anders aussehen können. Lernen kann und sollte man heute überall.

Zum Beispiel in Lernmanagementsystemen (LMS). Der Zugang der Schüler zu Schulclouds und LMS hat seit der ersten Schulschließung stark zugenommen.

Lernmanagementsysteme werden leider oft nur als Parkplätze für PDFs genutzt. Das lineare Zuteilen von Arbeitsblättern in komprimierter Form via LMS ist in meinen Augen nicht mehr zeitgemäß. Moodle, auf dem das bayerische LMS Mebis beruht, stammt von Anfang der 2000er Jahre. Es wurde vieles verbessert. Aber in der Grundstruktur ist das ein träges System.

Ist das nicht etwas abgehoben, Frau Professor? Viele Eltern wären ab März froh gewesen, wenn ihre Kinder über ein funktionierendes LMS in digitalem Kontakt mit den Lehrern hätten stehen können.

Das ist ein Missverständnis. Ich bin unbedingt für Kommunikation zwischen Lehrern und Schülern. Ich gehe sogar noch weiter und wünsche mir eine Plattform, auf der auch Schüler untereinander viel stärker zusammen arbeiten können. Aber das Zuweisen von Aufgaben an Schüler, wie es Herr Piazolo jetzt angeordnet hat, reicht nicht mehr. Ich denke übrigens, er wollte mit dieser Einschränkung ganz bewusst den Druck herausnehmen, um zunächst möglichst wenig verändern zu müssen. Was Schüler aber brauchen, um zeitgemäße Kompetenzen zu erwerben, ist ein grundsätzlich veränderter Unterricht, begleitet von einer funktionierenden intuitiv gestalteten Plattform, die verschiedene Räume mit Tools zur Kooperation öffnen sollten - bereits in der Grundschule. Etwa zum kooperativen Schreiben, wie z.B. Popplet ...

… eine einfach zu bedienende digitale Mindmap...

Ja, um gemeinsam Gedankenskizzen festzuhalten. Oder Videotools, um Ergebnisse anders zu präsentieren. Oder Messenger mit Sprachaufnahme für direktes Feedback. Das wünsche ich mir nicht nur, denn ich bin keine abgehobene Professorin, sondern eine Praktikerin, die an der Münchener Grundschule am Bauhausplatz mit Kindern neue Formen des Lehrens und Lernens umsetzt. Wir programmieren gerade an einem Portal und entwickeln dabei eine kollaborative Plattform fort, die Scobees heißt.

Uta Hauck-Thum ist Professorin für Grundschulpädagogik und -didaktik an der Ludwig-Maximilians-Universität München.  Foto: Promo Vergrößern
Uta Hauck-Thum ist Professorin für Grundschulpädagogik und -didaktik an der Ludwig-Maximilians-Universität München.  © Promo

Nichts gegen Scobees, Frau Hauck-Thum. Aber diese Plattform erreicht meines Wissens bislang gerade 58 Schulen. Nur gibt es in Deutschland 40.000 Schulen - die ja irgendwann wieder Prüfungen abhalten sollen, nein: müssen. 
Wir müssen uns, glaube ich, damit abfinden, dass Prüfungen, wie wir sie aus der analogen Schule kennen, online gar nicht möglich sind. Oder wollen Sie etwa den Prüfling zuhause beim Schreiben per Kamera überwachen? Die Schule kann die Augen nicht davor verschließen, dass die Zeit zu Ende geht, in der sie als bloßer Vermittler von Wissen auftritt. Das ihre Lehrkräfte dann in Prüfungen abfragen, bei der alle Schüler zur gleichen Zeit das selbe wiederkäuen sollen. Die Pandemie ist erstmal eine Tragödie - aber auf diesem Gebiet ist sie auch eine Chance, Schule und Lernen anders zu denken. Wir sollten die Zeit nutzen, um einen pädagogischen Leistungsbegriff zu definieren.

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Was sollen Eltern und deren Kinder darunter verstehen, die nächstes Jahr einen Abschluss mit guten Noten erringen wollen?

Wir sind mitten in einer Pandemie und geradezu zum Umdenken gezwungen. Wir sollten den bevorstehenden Prüflingen jede Möglichkeit geben, ihre Noten anders zu erwerben. Zum Beispiel, indem sie digitale Produkte erstellen, die schon im Verlauf ihres Entstehens beurteilt werden. Und warum sollten Schüler nicht auch daran gemessen werden, ob sie die Ziele erreichen, die sie sich selbst gesetzt haben? Ich finde es, ehrlich gesagt, gar nicht schlimm, wenn Prüfungen ins Wasser fallen. Ich sage: Juhu, nun können wir nicht mehr prüfen wie bisher! Endlich!

Also bitte, juhu, wie sieht so etwas dann aus? Geben Sie doch bitte ein Beispiel, das Eltern verstehen, die sich Sorgen machen.

In der Schule am Bauhausplatz hatten wir schon vor Corona ein Klimaprojekt geplant, das wir dann leicht angepasst online umgesetzt haben. Die Schüler haben sich morgens in der Videokonferenz getroffen - und erst einmal erzählt, wie es ihnen in dieser neuen Situation geht. Ein wichtiger gemeinschaftlicher Moment. Dann sind wir mit einem Film in das Thema Klimaschutz eingestiegen. Die Kinder haben sich dann zu Vorerfahrungen geäußert. In Gruppen haben sie dann Texte gelesen, Erklärfilme auf der Logo-Seite angeschaut und sich überlegt, welcher Herausforderung sie sich gemeinsam stellen wollen.

Acht- und Neunjährige?

Ja, sie haben ein gemeinsames Ziel festgelegt und konnten ihre Ideen und Ergebnisse dann auf unterschiedliche Weise darstellen. Als Film, als Text mit Bildern oder als Interview. Und wenn's hakte, konnten sie den Lehrer ansprechen, der die ganze Zeit die Videoplattform offen hatte. Eine Kleingruppe hat sich dann zum Beispiel dazu verabredet, erst einmal ihre eigene Abfallsituation zu Hause zu erkunden. Die haben mit dem Handy Fotos von ihren Mülleimern gemacht und überlegt, was man da verändern könnte. Am Schluss gab es wieder ein verbindendes Element, bei dem sich die Schüler gegenseitig vorgestellt haben, was sie alles entdeckt und erstellt hatten.

Was kann man da prüfen?

Erstens fallen da massenhaft Produkte, Präsentationen und Zwischenschritte an, auf die man als Lehrer eine Rückmeldung geben kann. Die Schüler wollen das übrigens, die verlangen geradezu nach Feedback. Und ich will ihnen die Noten auch gar nicht vorenthalten. Ich finde nur, dass die Methode, alle zur gleichen Zeit das gleiche zu fragen, nicht mehr ins 21. Jahrhundert passt.

Und zweitens?

Zweitens, erwerben die Schüler in so einem fächerübergreifenden Projekt alle Kompetenzen, die Gesellschaft und Wirtschaft heute und morgen brauchen: sie befassen sich mit einer realen Frage mit Weltbezug, die sie angeht. Sie arbeiten zusammen, sie lernen mit analogen und digitalen Medien kreativ umzugehen und zu kommunizieren. Und das ist nur ein Beispiel, das sich deutlich erweitert auch in höheren Klassenstufen durchführen lässt. Wir haben gerade eine sehr guten Anlass dazu: denn Unterricht aus der Distanz funktioniert nicht nach Stundenplan.

Das Homeschooling im März hat die alte Wunde der Chancengleichheit wieder aufgerissen. Was können ihre Lernformate dagegen bewirken?

Viel, denn sie sind grundsätzlich partizipativer angelegt. Ganz anders als die Einzelkämpferei im heutigen System, für das Prüfungen zentral sind. Das Abprüfen ist das Rückgrat einer Schule, die am Ende der vierten Klasse die Kinder ein dreigliedriges System zuteilt. Im Moment versucht man nun, Chancengerechtigkeit über die technische Ausstattung herzustellen. Aber die Ausgabe von Tablets und Laptops an die Schüler hübscht gewissermaßen nur die Oberfläche eines gegliederten Schulsystems auf. Das ändert nichts an der Ungerechtigkeit, die uns die erste Pisastudie vor Augen geführt hat - und gegen die die Kultusminister bis heute wenig unternommen haben.

Was ändert Ihre Form der Digitalisierung daran?

Sie stellt diese Frage nun neu, weil sie bis in die Tiefenstrukturen von Unterricht vordringt - zu den Prüfungsformaten, also dem Umgang mit Leistung. Wir können ja pandemiebedingt im Moment gar nicht alle Kinder in einem Raum versammeln, um ihnen identische Fragen zu stellen. Das heißt, wir müssen umdenken. Wir brauchen jetzt einen prozessorientierten Leistungsbegriff, der dem individuellen Lernfortschritt jedes einzelnen Kindes gerecht wird.

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Wenn wir das Lernen flexibler und kooperativer gestalten, indem wir Schüler zur Zusammenarbeit anregen, dann müssen wir das auch in die Bewertung einfließen lassen und nicht als Form des Betrugs abtun. Das heißt, wir könnten jetzt versuchen, Wissensgewinne anders rückzumelden und Prüfungen anders zu gestalten. Das ist der Schlüssel zur Veränderung.

Sie wissen, dass die Kultusminister größten Wert auf die alte Form von Prüfungen legen. Sie haben das im März getan, als sie sehr schnell am Abitur als der Prüfung aller Prüfungen festgehalten haben. Und auch jetzt fokussieren einzelne Minister bereits wieder darauf, die Prüfungen in der bisherigen Form abzuhalten.

Natürlich weiß ich das. Aber ich bin eben keine Ministerin und auch nicht das Schulamt. Ich bin eine Wissenschaftlerin, die auf die Chancen hinweist, die sich im Moment der Krise für die Zukunft eröffnen. Und die sind viel größer als viele glauben. 

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