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Auf einem Banner an der Fassade einer Berliner Schule steht "Latein is' geil". Foto: Thilo Rückeis
© Thilo Rückeis

Streit um Latein als Schulfach Altphilologen wehren sich gegen Kritik von Soziologen

Falsche Versprechen und Bildungsdünkel: Soziologen stellen den Nutzen des Lateinlernens infrage. Dagegen wehrt sich ein Team aus der Berliner Altphilologie.

Ist Latein heute als Schulfach weitgehend nutzlos – und vor allem von Eltern maßlos überschätzt? Dieser These der Studie eines Teams um den Soziologen Jürgen Gerhards von der Freien Universität Berlin (FU) widersprechen Altphilologen der Humboldt-Uni in einer Analyse, die dem Tagesspiegel vorliegt. Die drei Soziologen, die einen Aufsatz aus der „Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie“ für den Tagesspiegel zusammengefasst haben, reduzierten den „Fremdsprachenunterricht auf den kommunikativen Nutzen in einer globalisierten Welt“, schreiben die Altphilologen.

Stefan Kipf, HU-Professor für Didaktik der Alten Sprachen, und seine Kolleginnen Andrea Beyer sowie Ann-Catherine Liebsch werfen den Autoren vor, dabei die Aufgabe der Schule, „Allgemeinbildung zu vermitteln“ zu ignorieren. Indem Gerhards, Tim Sawert (FU) und Ulrich Kohler (Uni Potsdam) in ihrem Aufsatz von Latein-„Sprechern“ schreiben, suggerierten sie, „man würde im Lateinunterricht vor allem Latein sprechen lernen“. Tatsächlich aber gehe es in erster Linie um das Erschließen, Interpretieren und Übersetzen lateinischer Texte.

Die Soziologen berufen sich auf eigene Untersuchungen zu angeblichen Vorteilen des Lateinunterrichts. Sie haben eine Umfrage unter Eltern von Lateinlernenden gemacht. Und sie zitieren etwa den Verband der Altphilologen sowie Studien zu Effekten des Lateinlernens auf Schülerinnen und Schüler. „Lateinkenntnisse“, heißt es zusammenfassend im Artikel für diese Zeitung, „verbessern weder das logische Denken noch den Erwerb anderer Sprachen noch das Gespür für die grammatikalische Struktur der Muttersprache“.

"Lebensleistung der Eltern abschätzig bewertet"

Dem widersprechen die Berliner Altphilologen, allerdings nicht explizit mit anderslautenden Befunden aus anderen Studien. Vielmehr kritisieren sie beispielsweise, dass in einem Fall die Zahl der Probanden zu klein gewesen sei und dass neuere Studien nicht berücksichtigt worden seien. Diese würden „überdies Indizien auf positive Transfereffekte des Lateinunterrichts bieten“.

Die Erwiderung der Berliner Altphilolog*innen finden Sie hier im Original. Das Team um den Soziologen Jürgen Gerhards hat auf die Erwiderung inzwischen Stellung genommen - die Stellungnahme finden Sie hier.

„Befremdlich“ finden die Altphilologen, dass in dem lateinkritischen Text die „Lebensleistung der befragten Eltern“ abschätzig bewertet werde. Gerhards und Kollegen haben sinngemäß geschrieben, gerade hochgebildete Eltern würden am Mythos der positiven Wirkungen des Lateinunterrichts festhalten, um ihren Kindern Privilegien zu sichern. Die „damit einhergehende negative Sicht auf Bildung als Distinktionsmittel“ können Kipf und Kolleginnen nicht nachvollziehen.

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