Ein Loch in der Schüssel, gerissene Kabel - die National Science Foundation der USA hat sich entschlossen, das Arceibo-Radio-Teleskop, das auch als Filmkulisse für den James-Bond-Klassiker "Golden Eye" diente, abzubauen. Foto: Ricardo Arduengo/AFP
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Sogar James Bond turnte darauf herum Berühmtes Arecibo-Observatorum wird abgeschaltet

Es war lange das größte Radioteleskop der Welt, Kulisse für Filme wie "Contact" und "Golden Eye" und sendete Botschaften an die Aliens. Damit ist nun Schluss.

Das Arecibo-Observatorium in Puerto Rico ist berühmt. Über Jahrzehnte war die 305-Meter-Anlage das größte Radioteleskop der Welt. Hunderte Astrophysiker forschten damit, entdeckten die ersten Planeten jenseits unseres Sonnensystems und vermaßen Asteroiden.

Die Arecibo-Botschaft, ein Gruß in der Sprache der Radiowellen an potenzielle Nachbarn im Kosmos, wurde ebenfalls von dort verschickt. Die imposante Schüssel mitten im Dschungel ist zudem eine beliebte Filmkulisse, die unter anderem für das Science-Fiction-Drama „Contact“ und die James-Bond-Schnurre „Golden Eye“ genutzt wurde.

Alles vorbei, das Observatorium ist schwer beschädigt und könnte jederzeit einstürzen.

Eine Sanierung könnte für die Arbeiter lebensgefährlich werden, daher soll das Teleskop abgerissen werden, hat die National Science Foundation (NSF) der USA jetzt beschlossen.

Gerissene Kabel, Loch in der Schüssel

Die Gefahr geht von der 900 Tonnen schweren Instrumentenplattform aus, die von mehreren Kabeln schwebend über der Schüssel gehalten wird. Im August war ein Hilfskabel gerissen, das nachgerüstet worden war, um zusätzliche Instrumente zu halten, und hatte ein Loch in die Gitterstruktur der Schüssel geschlagen. Fachleute untersuchten die Anlage genauer und entdeckten an einem der zwölf Hauptkabel etliche gerissene Drähte, berichtet das Fachmagazin „.Science“.

  Da die neun Zentimeter dicken Kabel aber aus Dutzenden Drähten bestehen, gingen die Experten davon aus, dass das Kabel weiter tragfähig sei. Ein Irrtum, am 7. November ist es gerissen und beschädigte die Schüssel weiter. Erschwerend kommt hinzu, dass beide gerissenen Kabel zum gleichen der insgesamt drei Haltemasten führen – oder besser gesagt: führten.

 Die Universität von Florida, die das Management-Konsortium des Arecibo-Observatoriums leitet, hatte laut „Science“ bereits nach dem ersten Schaden drei Spezialfirmen dorthin geschickt. Die NSF sandte nun eine weitere sowie das Army Corps of Engineers, das Pionierkorps des amerikanischen Heeres.

Möglich, dass die Plattform gesprengt werden muss

Drei der fünf Fachteams kamen zu dem Schluss, dass die einzige Option ein kontrollierter Rückbau sei. Wenn eines der verbleibenden drei Kabel zu dem betroffenen Mast nun auch noch reißt, würde die Plattform abstürzen, meinen die Ingenieure. Auch der geschädigten Teleskopstruktur ist nicht zu trauen. Wenn sie kollabiert, könnten benachbarte Gebäude wie auch die Masten beschädigt werden. Nun sollen Fachleute einen Plan für den Rückbau entwickeln, um die Gefahr rasch zu bannen. Dies könnte auch bedeuten, dass die 900-Tonnen-Plattform mittels Sprengung von den Kabeln gelöst wird und mehr als hundert Meter nach unten stürzt.

Die Kabel des Arecibo Observatoriums sind korrodiert, die Struktur droht einzustürzen. Foto: REUTERS Vergrößern
Die Kabel des Arecibo Observatoriums sind korrodiert, die Struktur droht einzustürzen. © REUTERS

Es ist ein tragisches Ende einer Institution. Von 1960 bis 1963 wurde es auf der Karibikinsel errichtet und war zunächst dem US-Verteidigungsministerium unterstellt, das damit die Ionosphäre erforschte. 1969 ging es an die NSF über und wurde für die astronomische Forschung ausgerüstet, die die Anlage rund um die Uhr nutzte.

Ein Observatorium, das Forschern zu Nobelpreisen verhalf

Mithilfe des Observatoriums entdeckten Aleksander Wolszczan und Dale Frail erstmals extrasolare Planeten, also welche, die sich außerhalb unseres Sonnensystems befinden. Sie berichteten davon im Januar 1992. Ein Jahr später erhielten Russell Hulse und Joseph Taylor den Nobelpreis in Physik für die Entdeckung des Doppelpulsarsystems PSR 1913+16.

Anhand der abnehmenden Umlaufzeit konnten sie erstmals indirekt Gravitationswellen nachweisen. Diese Kräuselungen der Raumzeit, vorhergesagt in der Allgemeinen Relativitätstheorie, wurden mittlerweile auch direkt gemessen. Die Messungen von Hulse und Taylor wurden ebenfalls mit dem Arecibo-Teleskop gemacht, bereits im Jahr 1974.

Die Radiosignale aus den Weiten des Alls wurden teilweise auch für das SETI-Programm genutzt, das nach Hinweisen auf intelligentes Leben da draußen fahndet. Bislang allerdings erfolglos.

Eine Antwort der Aliens auf Arecibos Botschaften steht aus

Im November 1974 hatte man sogar den umgekehrten Weg versucht und die „Arecibo-Botschaft“ in den Kugelsternhaufen M13 geschickt. Angeführt von Frank Drake hatten Forscher binär codierte Informationen über Chemie, Biologie, die Erde und die Menschen sowie den Sender abgestrahlt. Auch hier steht eine Antwort bislang aus.

Im Lauf der Jahrzehnte haben zahlreiche Menschen mit und an dem Observatorium gearbeitet. In der Forschungscommunity sowie den sozialen Netzwerken reagieren viele mit Bestürzung und es werden wehmütig Erinnerungen ausgetauscht. „Es ist sehr traurig“, sagt Paulo Freire vom Max-Planck-Institut für Radioastronomie in Bonn, der von 2001 bis 2009 dort geforscht hat. Da sei zum einen die Wissenschaft, die Entdeckung von Pulsaren, Fast Radio Bursts, Studien an Asteroiden. „Die Struktur ist zwar alt, aber die Geräte wurden erneuert und waren auf dem aktuellen Stand“, berichtet er. „Es war ein sehr produktives Teleskop.“ Zum anderen sei da eine persönliche Ebene. „Ich kenne viele Leute dort und die stehen vor einer unsicheren Zukunft.“

Rund140 Menschen sind für den Betrieb der Anlage im Einsatz gewesen. Dass sie altert, war bekannt. Bereits 2014 wurde ein Kabel infolge eines Erdbebens beschädigt, berichtet das Fachmagazin „Nature“. In den folgenden Jahren gab es weitere Probleme, besonders durch den Hurrikan Maria 2017 und Erdstöße zu Beginn dieses Jahres. Inwiefern diese Ereignisse zum jüngsten Verfall beigetragen haben, ist nicht geklärt.

„Ein großer Verlust für die Wissenschaft“

Die NSF ist nun bemüht, weitere Einrichtungen auf dem Gelände zu halten. Dazu gehört das Besucherzentrum und ein Lidar-Instrument für die Atmosphärenforschung. Ein kleineres Radioteleskop, das etwas entfernt steht, soll ebenfalls weiterarbeiten.

Für das große Teleskop jedoch ist die Zeit abgelaufen. „Ein großer Verlust für die Wissenschaft“, kommentieren das National Radio Astronomy Observatory und das Green Bank Observatory in einer Stellungnahme. Man wolle versuchen, die Beobachtungen mit eigenen Instrumenten fortzuführen. Doch dies gelte nur für bestimmte Aufgaben, ein vollständiger Ersatz sei unmöglich.

Satellitenbilder aus dem September zeigen die Lage des einsturzgefährdeten Arecibo-Teleskops auf Puerto Ricos. Foto: REUTERS Vergrößern
Satellitenbilder aus dem September zeigen die Lage des einsturzgefährdeten Arecibo-Teleskops auf Puerto Ricos. © REUTERS

Gerade das Team vom Green Banks Observatorium in West Virginia weiß, was ein plötzlicher Abschied bedeutet. Dort stand seit den frühen Sechzigerjahren ein 90 Meter großes Radioteleskop. Nachdem ein Element versagt hatte, kollabierte das Teleskop im November 1988. Nun ist ein etwas größerer Nachfolger im Einsatz.

Das größte Radioteleskop derzeit ist „FAST“ in China. Nach längerem Probebetrieb wurde es im Januar offiziell eingeweiht. Sein Hauptspiegel hat einen Durchmesser von 520 Metern, also gut 200 Meter mehr als das Observatorium von Arecibo. Den Ruhm und die emotionale Nähe, die viele bei Arecibo empfinden, muss der neuen Rekordhalter sich erst noch erarbeiten.

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