Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
In einem Labor werden Proben auf Varianten des Coronavirus untersucht. Foto: Henning Bagger / Ritzau Scanpix / AFP
© Henning Bagger / Ritzau Scanpix / AFP

Update Sind die Omikron-Subtypen tödlicher? Lauterbach warnt vor „Killervarianten“ – und erntet Kritik

Der Gesundheitsminister fürchtet neue Corona-Wellen im Herbst mit möglicherweise Varianten, „die so tödlich wie Delta“ sind. Es gibt prompt Widerspruch.

Die Sieben-Tage-Inzidenz in Deutschland sinkt derzeit deutlich – am Ostersonntag meldete das Robert Koch-Institut (RKI) einen Wert von 834,3. Vor einer Woche lag die Inzidenz bei 1097,9. Auch wenn die aktuellen Daten wegen der Feiertage nicht wirklich aussagekräftig sind, gehen Experten jedoch davon aus, dass die Zahl der Infektionen tatsächlich sinkt. „Unsere Modelle zeigen derzeit einen ähnlichen Rückgang wie die Meldeinzidenzen“, teilten Modellierer um Kai Nagel von der TU Berlin mit. „Das deutet darauf hin, dass es sich hier nicht um ein Artefakt einer geänderten Teststrategie handelt, sondern um einen realen Rückgang.“

Auch der Epidemiologe Hajo Zeeb geht von einem nachlassenden Infektionsgeschehen aus: „Wir haben es mit epidemischen Wellen zu tun, und diese Omikronwelle hat ihren Höhepunkt überschritten, wozu auch der saisonale Trend allmählich beiträgt.“ Ein Vergleich mit Verläufen in anderen Ländern bestätige dies, sagt der Experte vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen, wie die Nachrichtenagentur dpa schreibt.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) ist mit Blick auf den nächsten Herbst und Winter dennoch besorgt. Er warnt vor einer möglichen „Killervariante“ des Coronavirus noch in diesem Jahr. „Es entwickeln sich gerade diverse Omikron-Subvarianten, die für mich Anlass zur Besorgnis sind“, sagte der Politiker der „Bild am Sonntag“. Lauterbach weiter: Es sei „durchaus möglich, dass wir eine hochansteckende Omikron-Variante bekommen, die so tödlich wie Delta ist“.

Für diese Aussage wurde er umgehend kritisiert. Der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit von der Universität Hamburg reagierte am Sonntag bei Twitter: „Was sind eigentlich diese Killervarianten?“

Der „Bild“ sagte er: „Das Auftreten einer ,Killervariante' im Herbst – was auch immer das nun sein mag – ist laut Weltgesundheitsorganisation WHO ein sehr unwahrscheinliches Szenario.“ Dagegen spreche auch die breite Grundimmunisierung in der Bevölkerung durch Impfung und durchgemachte Infektion.

Omikron sei zwar eine Immunflucht-Variante des Coronavirus, die den Immunschutz des Menschen zu umgehen versucht. Man habe aber gesehen, „dass die Impfung einen guten Schutz vor schwerer Erkrankung und Tod geboten hat“, zitierte ihn das Blatt am Montag.

Auch der Bonner Virologe Hendrik Streeck kritisierte die Wortwahl des Gesundheitsministers. Er sagte dem Blatt, die Entwicklung von Varianten sei ebenso wenig vorherzusagen wie zu beeinflussen: „Statt daher vor Szenarien wie ,Killervarianten' zu warnen, wäre es wichtig, sich auf den Herbst und Winter vorzubereiten.“

In der Regel werde ein Virus aber nicht gefährlicher. „Wenn man das Virus zur Veranschaulichung vermenschlicht, dann will es leichter übertragen werden, den Immunantworten entgehen und gleichzeitig nicht von seiner eigenen Fitness verlieren. Krankmachende Eigenschaften gehören nicht dazu“, erklärte Streek.

Der Grünen Fraktionsvize Konstantin von Notz und der CDU-Gesundheitspolitiker Erwin Rüddel kritisierten Lauterbach ebenfalls: „Er müsste doch eigentlich aus seinen Fehlern und Fehleinschätzungen gelernt haben“, schrieb Rüddel am Sonntag bei Twitter.

Lauterbach sagte weiter, er wolle drohende Wellen im Herbst mit Impfstoffbestellungen im großen Stil bekämpfen. „Unser Ziel ist, möglichst genug Impfstoff für jeden Bürger zu haben, egal welche Variante kommt. Dann haben wir sowohl für eine Omikron- als auch für eine Delta-Variante ein Gegenmittel.“ Dann sei man auf alles vorbereitet.

[Wenn Sie alle aktuellen Entwicklungen zur Coronavirus-Pandemie live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können]

Er plädierte für möglichst schnelle Änderungen am Infektionsschutzgesetz, um im Herbst wieder eine Maskenpflicht in Innenräumen durchsetzen zu können. „Im Herbst wird sich die Lage wieder ändern, dann steigen die Fälle, dann gibt es wahrscheinlich neue Mutationen oder die Fallzahl mit Omikron-Infektionen steigt stark. Deshalb müssen wir bis dahin das Infektionsschutzgesetz noch mal überarbeiten.“

Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sagte der dpa dazu, wenn der Gesundheitsminister im Herbst das Infektionsschutzgesetz verschärfen wolle, dann sollte er jetzt schon mit der Überzeugungsarbeit beim liberalen Koalitionspartner beginnen. „In der Vergangenheit hat Karl Lauterbach damit bis zuletzt gewartet. Folge ist jetzt eine gesetzliche Regelung, die wenig Schutz bietet.“

Lauterbach sagte in dem Interview weiter, es könne dann „durchaus wieder nötig und rechtlich erreichbar sein, dass wir das Maskentragen in Innenräumen wieder zur Pflicht machen.“ Verantwortlich für eine solche Entwicklung ist für Lauterbach auch die Ablehnung der Impfpflicht: „Das Scheitern der Impfpflicht war eine bittere Enttäuschung“, betonte der Minister. „Nach einem guten Sommer kann uns die große Impflücke einen harten Herbst bescheren. Dann erwarten viele Wissenschaftler die nächsten Wellen.“

Berichte, dass bald elf Millionen Dosen Impfstoff vernichtet werden müssen, wies Lauterbach zurück: „Das stimmt nicht. Je nachdem, wie viele Menschen eine vierte Impfung wollen, verfallen nur höchstens vier Millionen Dosen.“

Die Gesundheitsämter in Deutschland meldeten dem RKI binnen eines Tages 39.784 Corona-Neuinfektionen. Vor einer Woche waren es 55.471 registrierte Ansteckungen. Experten gehen allerdings seit einiger Zeit von einer Untererfassung aus, etwa weil nicht alle Infizierte einen PCR-Test machen lassen. Nur diese zählen in der Statistik.

Deutschlandweit wurden den neuen Angaben zufolge binnen 24 Stunden 13 Todesfälle verzeichnet. Vor einer Woche waren es 36 Todesfälle. Das RKI zählte seit Beginn der Pandemie 23.416.663 nachgewiesene Infektionen mit Sars-CoV-2. Die tatsächliche Gesamtzahl dürfte deutlich höher liegen, da viele Infektionen nicht erkannt werden.

Die Zahl der in Kliniken gekommenen Corona-infizierten Patienten je 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen gab das RKI am Donnerstag mit 6,41 an (Mittwoch: 6,49). Auch hierbei gibt es Tage mit lückenhaften Meldungen. In dem Wert erfasst sind auch viele Menschen mit positivem Corona-Test, die eine andere Haupterkrankung haben. Die Zahl der Genesenen gab das RKI am Sonntag mit 19.880.300 an. Die Zahl der Menschen, die an oder unter Beteiligung einer nachgewiesenen Infektion mit Sars-CoV-2 gestorben sind, stieg auf 132.942.

Zur Startseite