Am anderen Ende. Als der Hybrid-Unterricht in Palm Beach begann, hatte sie keinen Draht mehr zu den Schülern, sagt Doreen Murphy. Fernlerner seien leichter abgelenkt, etwa durchs Handy (Symbolfoto). Foto: imago images/Cavan Images
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Schule in Coronazeiten „Sie fallen durchs Netz“

Unterrichten im Hybrid-System - mit Schülern in der Klasse und gleichzeitig zu Hause. Eine US-Lehrerin berichtet.

Doreen Murphy (Namen geändert) unterrichtet seit 2015 an einer staatlichen High School mit künstlerischem Schwerpunkt in West Palm Beach. Das Gespräch wurde per Video Call geführt, an einem Samstag um 22 Uhr Ortszeit - 16 Uhr in Florida.

Es ist Samstag, genießen Sie das Wochenende? 

Ich habe die letzten fünf Stunden Aufsätze korrigiert.

Sind Sie jetzt damit fertig?

Ja.

Dann kann das Wochenende ja beginnen.

Ja, sozusagen. Ich habe aber noch einen Zweitjob, Lehrer werden in den Vereinigten Staaten nicht so gut bezahlt. Sonntags arbeite ich deshalb noch als Verkäuferin in einem Sportgeschäft.

Klingt nach einer Sieben-Tage-Woche.

Ja, im Grunde ist es das. Samstags verbringe ich meistens ein paar Stunden mit Unterrichtsvorbereitungen oder Korrekturen. Eigentlich muss ich das nicht machen. Wir haben während der Schultage Zeit für diese Arbeiten. Aber wenn man einen guten Job machen will, braucht man mehr Zeit als 40 Stunden pro Woche. Ich unterrichte Geschichte in den oberen Klassenstufen. Die Schüler sind sehr ehrgeizig und ich will ihnen gutes Feedback zu ihrer Arbeit geben, damit sie später auch bei den College-Tests gut abschneiden.

Wann hat die Schule nach der Sommerpause begonnen? 

Am 10. August war die Sommerpause vorbei, aber die Schule konnte erst am 31. August beginnen, damit das Hygienekonzept und andere Vorgaben eingehalten werden konnten.

Waren Sie überrascht, dass der Unterricht nach der Sommerpause als Hybrid stattfindet? 

Ich war mir sicher, dass nach der Sommerpause weiterhin hundert Prozent Fernunterricht laufen würde, mindestens noch ein halbes Jahr lang. Deshalb war ich sehr überrascht.

Seit 2008 sind Sie Lehrerin und unterrichten jetzt an einer staatlichen High School mit künstlerischem Schwerpunkt in West Palm Beach. Seit wann sind Sie dort? 

Ich arbeite dort seit 2015. Außerdem bin ich dort selbst auch zur Schule gegangen.

Dann haben Sie ja einige Routine im Unterrichten.

Interessant, dass Sie das erwähnen. Ja, ich bin erfahren, aber bezogen auf das Hybrid-Modell: Das hat mich aus dem Konzept gebracht. Am Anfang des Schuljahrs konnte ich mich nicht in das neue System einfinden. Ich hatte meinen Lehrer-Instinkt verloren. Ich hatte alles vergessen, was ich sonst gemacht hatte und weshalb ich eine gute Lehrerin bin. Das klingt jetzt ein bisschen prahlerisch, aber ich kann die Schüler zu wirklich guten Ergebnissen führen. Jetzt konnte ich meinen Zugang zu den Schülern nicht mehr finden. Ich bin einfach nicht mehr drangekommen. Ich identifiziere mich sehr stark mit meiner Rolle als Lehrerin. Man kann also schon sagen, dass mich der Unterricht im Hybrid-System in eine Art Identitätskrise gestürzt hat.

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Wie ist die aktuelle Regelung? 

Vorab: In den Vereinigten Staaten handelt jeder Schulbezirk etwas anders. In Florida gilt die allgemeine Verfügung, die Schulen zu öffnen. An manchen Schulen wird noch immer zu 100 Prozent online unterrichtet. In anderen, vor allem in ländlicheren Gegenden mit weniger Schülern in den Klassen findet zu 100 Prozent Präsenzunterricht statt. In unserem Bezirk in West Palm Beach unterrichten die staatlichen Schulen im Hybrid-System.

Was genau bedeutet das Hybrid-System? 

Die Schüler oder ihre Eltern können alle sechs Wochen neu darüber entscheiden, ob sie die nächsten Wochen am Präsenzunterricht teilnehmen. Wenn nicht, bleiben sie zu Hause und erhalten Fernunterricht, während der Unterricht weiter an der Schule stattfindet. Dafür wird der Unterricht jetzt über „Google Classroom“ abgewickelt. Die Schüler loggen sich zu Hause an ihren Geräten bei „Google Meet“ ein und folgen dem Unterricht.

Das klingt eigentlich recht simpel. Wie gut funktioniert das? 

Die allgemeine Aufmerksamkeit ist gesunken. Ich unterrichte Schüler zwischen 14 und 18 Jahren. Die Situation, allein vor dem Rechner zu sitzen, macht die Schüler anfällig für Ablenkungen, über die ich viel weniger oder gar keine Kontrolle mehr habe. Im Unterrichtsraum merke ich, wenn jemand nebenbei auf sein Handy schaut - über den Bildschirm kann ich das nicht sehen. Das erschwert den Unterricht und ist teilweise sehr frustrierend. 

Den meisten der Fernlerner wird meiner Meinung nach zu viel Eigenverantwortung abverlangt. Man kann einen Vierzehnjährigen nicht alleine zu Hause vor den Rechner setzen und erwarten, dass er nebenbei nicht mit dem Handy spielt. Das schlägt sich auch in den Noten nieder. Die Schüler im Klassenraum nehmen Inhalte von Texten und Aufgaben viel schneller und besser auf als die meisten der Fernlerner. Die fallen durchs Netz - und ich habe darüber kaum Kontrolle.

Und wie gut funktioniert das für Sie als Lehrerin?

Ich unterrichte die Schüler in der Klasse und bin gleichzeitig in „Google Meet“ eingeloggt für die Schüler zu Hause. Manchen technisch versierten Lehrern fällt es leichter, parallel auf die Schüler im Unterrichtsraum und auf diejenigen am Bildschirm einzugehen. Ich bin Geschichtslehrerin, vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass ich auf dem technischen Gebiet weniger souverän bin. Aber ich arbeite daran.

Doreen Murphy (34) unterrichtet seit 2015 an einer High School in West Palm Beach, Florida. Foto: privat Vergrößern
Doreen Murphy (34) unterrichtet seit 2015 an einer High School in West Palm Beach, Florida. © privat

Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus?

Ich fand es anfangs schwer, meine Aufmerksamkeit aufzuteilen. Manchmal fühlte ich mich wie Captain Cook, der mit seinen Füßen das Maul des Krokodils aufhält. Die meisten Schüler sind zu Hause, etwa ein Viertel bis ein Drittel der Klasse ist vor Ort. Normalerweise unterrichte ich eher sokratisch (Anm.: Inhalte werden im Unterrichtsgespräch gemeinsam geklärt). Das funktioniert mit dem Hybrid-System nicht, denn die Schüler zu Hause driften ab, wenn sie nicht gerade ihren Namen hören. Eine authentische Gesprächssituation kann ich so nicht herstellen. Ich muss also meine Unterrichtspläne und Arbeitsmethoden ändern. 

Früher habe ich zum Beispiel gerne Gruppenarbeit gemacht. Die Schüler haben etwa in fünf Gruppen ein Plakat gestaltet und es vorgestellt. Jetzt gibt es viele Einzelarbeiten, das bedeutet für mich wesentlich mehr Feedback-Arbeit. Statt fünf müsste ich jetzt also vielleicht 35 Arbeiten bewerten. Die Schüler können sich bei Gruppenarbeiten auch gegenseitig unterstützen und die Aufgabenstellung untereinander klären. Jetzt verbringe ich viel Zeit damit, einzelne Schüler in die Aufgaben einzuweisen und ihre Fragen zu beantworten.

Welche Konsequenzen haben Sie aus der veränderten Situation gezogen?

Ich habe meine Einstellung zu Hausaufgaben sehr geändert. Früher wollte ich zum Beispiel, dass die Schüler zu Hause Notizen zu den Texten machten, die sie lesen sollten, und habe die dann in die Bewertung einbezogen. Das mache ich jetzt nicht mehr. Dafür bewerte ich wesentlich mehr von den Leistungen im Unterricht. 

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Arbeiten Sie jetzt mehr? 

Als wir im März alle zu Hause waren, habe ich so viel gearbeitet wie nie zuvor. Ich habe die Schüler auf die College-Tests vorbereitet und etwa 70 Stunden pro Woche gearbeitet. Jetzt sind es zwischen 60 und 65 Stunden. Allerdings verbringe ich viel mehr Zeit mit geistiger Arbeit, vor allem durch das Feedback Geben im Unterricht.

Wie geht es Ihnen mit dem Hybrid-System? 

Die ersten neun Wochen waren wirklich hart. Noch vor zwei Wochen habe ich wirklich daran gezweifelt, dass ich das alles hinbekomme. Jetzt kehrt langsam wieder Routine ein, und das ist gut. Ich liebe meinen Job.

Gibt es Unterstützung für Lehrer? 

Ich fühle mich sehr unterstützt von der Schuldirektion und auch von den meisten Eltern. Die Kommunikation ist sehr gut, das erleichtert die Arbeit mit den Schülern, die am Fernunterricht teilnehmen. Ich habe aber auch von Lehrern an anderen Schulen gehört, die gar keine Unterstützung erhalten.

Wie sehen die Hygienebestimmungen an Ihrer Schule aus? 

Die Schüler sollen sechs Fuß (etwa 1,80 m) Abstand zueinander halten. Alle tragen Masken. Die maximale Anzahl an Schülern hängt von der Größe des Raums ab. Die größte Zahl in meinen Klassen ist bisher 12. Bei mehr als der zulässigen Zahl müssten die überzähligen Schüler täglich abwechselnd in einem anderen Raum sitzen und am Unterricht via Bildschirm teilnehmen.

Auch die Lehrer tragen Masken. Dafür wurden auch Masken an die Lehrer ausgegeben. Die sind mir aber zu groß und ich trage meine eigene Maske aus Baumwolle. Zwischen Lehrern und Schülern wurde zusätzlich eine Scheibe aus Plexiglas aufgestellt.

Gibt es Unterstützung für finanziell benachteiligte Schüler? 

Ja. Unser Schulbezirk vergibt, wenn nötig, kostenlos Chromebooks und sorgt auch für einen Internetzugang in den Haushalten, in denen schulpflichtige Kinder leben. Auf technischer Ebene sollen damit die Unterschiede zwischen Arm und Reich so klein wie möglich gehalten werden. Das könnte auch daran liegen, dass in den Vereinigten Staaten viel geklagt wird. Wenn jetzt wohlhabendere Schüler aufgrund einer Regierungsentscheidung Vorteile gegenüber ärmeren hätten, würde es bald eine Sammelklage geben. Und das wäre für viele teurer als einfach die nötigen Voraussetzungen für alle Schüler zu schaffen. Allerdings habe ich gehört, dass die meisten Eltern mit geringem Einkommen sowieso arbeiten gehen. Egal ob sie Angst vor Ansteckung haben oder nicht, sie haben keine Wahl. Damit die Kinder betreut sind, werden sie wieder in die Schule geschickt.

[Fernunterricht ist vielleicht auch in Berlin bald wieder ein Thema, in den USA ist dies seit dem Frühjahr Alltag. Die Illustratorin Aubrey Hirsch hat diese Erfahrung in einem Comic verarbeitet.]

Gibt es auch Unterstützung beim Schulessen? 

Ja. In unserem Bezirk kann man bei geringem Einkommen den Zugang zum täglichen Mittagessen in der Schule beantragen und ich glaube, es gibt kostenloses Frühstück für alle Schüler. Das ist wichtig, denn Mangelernährung wirkt sich auf das Lernen aus. Kindern sollte deshalb zweimal täglich ein Essen garantiert werden. Aber jetzt muss ich mich mal um meinen Hund kümmern, der braucht dringend Aufmerksamkeit. Und draußen braut sich gerade ein Hurricane zusammen.

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