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Sarah Al Hairy steht im Halbprofil vor einer Klasse, deren Schülerinnen an Einzeltischen sitzen. Foto: Sebastien Salon-Gomis/AFP
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Rolle der Nahostwissenschaft Auch die eigene Gesellschaft kritisch befragen

Ulrike Freitag

Wo bleibt die Nahostwissenschaft in der Terrordiskussion? Klar ist: Die Lagerbildung vergiftet die öffentliche Debatte. Versuch einer Standortbestimmung

„Warum tweetet Ihr nicht zum Mord an Samuel Paty?“, wurden Mitarbeiter des Berliner Zentrums Moderner Orient kurz nach dem widerwärtigen Mord an dem französischen Lehrer Samuel Paty von einer befreundeten Journalistin gefragt. Und in der Tat fällt auf: In der deutsche Debatte über islamistischen Terror fehlen weitgehend die Stimmen ausgewiesener Nahostwissenschaftler*innen, während islamkritische Intellektuelle und Akademiker*innen ausgiebig zu Wort kommen.

Ganz anders in Frankreich: Hier ist eine heftige und öffentliche Debatte zwischen Wissenschaftler*innen und Wissenschaftspolitiker*innen entbrannt, nachdem der Bildungsminister sich im Fernsehen und französischen Senat in Reaktion auf den Mord an Paty gegen „islamo-gauchistische Tendenzen“ ausgesprochen hatte. Solche islamo-linken Tendenzen, die dem Islamismus Vorschub leisteten, würden in den höheren Bildungseinrichtungen dominieren.

Seine Aussage fand emphatische Bestätigung in einem in „Le Monde“ am 2. November publizierten Memorandum, das mehr als hundert teils sehr prominente Akademiker*innen unterzeichnet hatten. Sie verwehren sich gegen „indigenistische, rassistische und dekoloniale“ Theorien, die aus den USA importiert würden und Hass sowie eine gelegentlich gewaltbereite Militanz gegen „Weiße“ und Frankreich nährten. Intellektueller Konformismus in der Linken, Furcht und politische Korrektheit täten das Ihre, die Wissenschaftsfreiheit zu bedrohen.

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Gut zweitausend Akademiker*innen verwehrten sich zwei Tage später in „Le Monde“ gegen diese Vorwürfe und warfen ihren Gegnern vor, die Gelegenheit zu nutzen, durch einen Aufruf zur Unterdrückung missliebiger Auffassungen ihre eigene Agenda verwirklichen zu wollen. Drei Tage später solidarisierten sich prominente britische, amerikanische, australische, aber auch südafrikanische, niederländische, spanische und schwedische Wissenschaftler*innen in einem Schreiben an OpenDemocracy (hier).

Sie warnten davor, das Studium von Rassismus mit politischem Islam und Weißenhass gleichzusetzen sowie vor dem Label des „Islamogauchisme“, das sie an die Verknüpfung von Judentum und Bolschewismus in den 1930ern erinnere. Zudem setze es implizit Muslime (beziehungsweise den Islam) mit Islamisten beziehungsweise Jihadisten gleich.

Mit einer großen Prise Polemik

Das Fatale an dieser Auseinandersetzung ist die Verquickung eines terroristischen Anschlags und möglicher Gegenmaßnahmen mit einer aktuellen wissenschaftlichen Theoriedebatte in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Dies wird mit einer großen Prise Polemik gewürzt. Die französische Kontroverse schwappt inzwischen nach Deutschland.

So behauptete die Frankfurter Anthropologin Susanne Schröter, dass Kritiker von Gewalt und Repression mit dem Vorwurf der Islamophobie zum Schweigen gebracht würden. Sie verband dies mit der irreführenden Behauptung, es gäbe bei uns keine Forschungen zum politischen Islam. Weiter ging der Journalist Ulf Poschardt. Er fabulierte von einer intellektuellen Religion, die „unter dem Label Antirassismus einem Antisemitismus Vorschub bereiten … und immer wieder nach solchen Attacken [wie in Wien] eine bemerkenswerte Täter-Opfer-Umkehr vornehmen“ würde.

Glaubensvertreter stehen vor der Botschaft Österreichs und lauschen einer Ansprache. Foto: Fabian Sommer/dpa Vergrößern
Imam Taha Sabri spricht bei einer Friedenskundgebung des Zentralrats der Muslime vor der Botschaft Österreichs mit Vertretern der katholischen und evangelischen Kirche und der jüdischen Gemeinde. © Fabian Sommer/dpa

Warum zögern viele Nahostwissenschaftler*innen und werfen sich nicht mit der gleichen Verve in die Debatte wie jene, die klare eigene Agenden verfolgen? Die erste Antwort ist simpel: Wir haben gelernt, komplexe Sachverhalte als ebensolche zu beschreiben, abzuwägen, zu argumentieren und unsere Behauptungen zu belegen. Sind wir, zumal wenn außerhalb der Politikwissenschaft tätig, berufen, furchtbare Ereignisse zu kommentieren, nur weil die Täter, über die wir oft wenig wissen, Muslime sind?

Die zweite Antwort hängt hiermit zusammen: Die Form eines Tweets verkürzt komplexe Argumente und führt in der Zusammenschau von Inhalt und Zeitpunkt schnell zu Missverständnissen. Ein angesehener französischer Islamismusforscher tweetete am Tag des Pariser Attentats: „Ich möchte mit Euch über das nächste Attentat sprechen.“

Seine scharfe Kritik an Politik und Medien war von der berechtigten Sorge getragen, diese würden das Klima weiter aufheizen. Der Tweet kam zu einem Zeitpunkt, an dem Entsetzen herrschte. Dadurch wirkte er eher zynisch als besorgt.

Pointierte Tweets heizen die Erregung an

Dies führt zum Kern des Problems: Pointierte Beiträge in Tweets und Printmedien heizen Erregung weiter an, sie polarisieren und vergiften das Klima, statt die notwendigen Auseinandersetzungen zu ermöglichen. Schröter kritisiert vor allem linke und muslimische Politiker, aber auch die Vertreter*innen postkolonialer Theorien. Poschardt nutzt seinen Beitrag in der „Welt“ zu einem Rundumschlag, der sich gegen Politiker, linke Intellektuelle und Erdogan gleichermaßen wendet. Bedenklich ist in beiden Texten, ebenso wie in den zitierten französischen Beiträgen, dass eine kritische Debatte über westliche Gesellschaften mehr oder minder direkt für Anschläge auf dieselben verantwortlich gemacht wird.

[Muslimische Schüler, die Lehrkräfte bedrohen: Lesen Sie dazu den Meinungsbeitrag von Malte Lehming -"Warum wir die Leitkultur nicht überstülpen sollten"]

Muss nicht, so wäre zu fragen, sowohl eine Bekämpfung von Terrorismus als auch eine kritische Befragung der eigenen Gesellschaft möglich sein? Es gibt in diesem Zusammenhang viele unterschiedliche Themen und Fragen zu diskutieren. Zum Beispiel, ob Prophetenkarikaturen wirklich ein Lackmustest der Meinungsfreiheit sind.

Schon innerhalb der Europäischen Union gibt es hier keine einheitlichen Regelungen. Allein deshalb kann der Mord von Paris keine grundsätzliche Antwort auf die Frage vorgeben, wie sich Religions- und Meinungsfreiheit zueinander verhalten sollten, denn dies muss innergesellschaftlich verhandelt werden.

Kriminelle überhöhen ihre Taten durch islamistische Parolen

Terroristen studieren zumeist weder den Islam noch postkoloniale Theorien. Der Islamismusforscher Olivier Roy hat mit Blick auf Biographien jugendlicher Djihadisten in Europa darauf verwiesen, dass deren Revolutions- und Gewaltpotenzial in den letzten Jahren „islamisiert“ wurde. Nicht eine fundamentalistische Überzeugung veranlasste die Täter zu den Morden, sondern Kriminelle überhöhten ihre Taten durch islamistische Parolen.

Roys Thesen sind bedenkenswert. Andere suchen die Wurzeln der Gewalt in übertriebener Identitätspolitik, die aus Gruppenbildung gerade marginalisierter Jugendlicher resultiert. Postkoloniale Theorien versuchen dies zu erklären und marginale Identitäten aufzuwerten, sind aber auch  nicht ursächlich für die sozialen Prozesse von Marginalisierung. Sollte es unmöglich werden, auf unterschiedliche Formen von Diskriminierung und Ungleichheit hinzuweisen, weil die Gesellschaft im Modus der Generalabwehr keine interne Kritik mehr dulden kann und sofort Rechtfertigung von Gewalt wittert?

Ulrike Freitag sitzt gestikulierend vor einer Bücherwand. Foto: Rolf Schulten/ZMO Vergrößern
Unsere Gastautorin Ulrike Freitag, Direktorin des Berliner Leibniz-Zentrums Moderner Orient. © Rolf Schulten/ZMO

[Lesen Sie auch den Beitrag von Ulrike Freitag über die Modernisierung von Mekkas Hafenstadt Jidda: Seuchenabwehr im Osmanischen Reich]

Nahostwissenschaftler befassen sich häufiger mit Nordafrika und Westasien als mit europäischer Soziologie. Sie können darauf verweisen, dass es der Ideologie des nicht länger existierenden Islamischen Staats gelungen ist, Gewaltbereitschaft in sehr unterschiedlichen Kontexten zu mobilisieren und für sich zu reklamieren.

Dies zeigt die Gleichzeitigkeit der vom IS beanspruchten Attentate von Wien und von Kabul, wo mindestens 19 Menschen bei einem Anschlag auf die Universität starben. Man kann davon ausgehen, dass ein Wiener albanischer Ethnizität mit dem Mord von Europäern andere Motive verfolgte als Afghanen, die möglicherweise den dortigen Taliban ihre islamische Legitimität streitig machen wollen.

Islamwissenschaftler widmen sich ihrer genuinen Aufgabe

Die polemische Unterteilung in einerseits „Islam-“ oder „Islamismuskritiker“ (oft verschwimmen diese Kategorien) und in „linke Intellektuelle“ andererseits lässt wenig Raum für derartige kritische Fragen und Überlegungen. Diese Lagerbildung vergiftet die öffentliche Debatte. Sie hat ihre Auswirkungen auch im akademischen Bereich, wie man am französischen Beispiel sehen kann. Angesichts all dessen ist die Versuchung für Wissenschaftler groß, sich dem zu widmen, was ihre genuine Aufgabe ist und wofür die Zeit ohnehin nie reicht: zu lehren und zu forschen.

Immerhin gibt es in den muslimischen Staaten neben dem dort ebenfalls sehr umkämpften Verhältnis von Staat und Religion viele andere brennende Probleme und Forschungsthemen: ökonomische und soziale Ungleichheit, Organisation und Legitimation von Herrschaft, oder auch Fragen von Ressourcen und Umwelt. Übrigens alles Themen, die auch in unserem eigenen Kontext von zentraler Bedeutung sind.

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