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Luftbild einer verlassenen und verfallenen Lehmziegelsiedlung im Oman. Foto: Stephanie Döpper
© Stephanie Döpper

Rettung historischer Lehmziegelbauten im Oman "Das Haus hat doch mein Großvater gebaut"

Trotz ihrer identitätsstiftenden Rolle verfallen die Lehmbauten im Oman. Der Staat erhält nur Forts und Moscheen. Eine deutsche Archäologin will das ändern.

Langsam verfallen die Lehmmauern, der Wind schmirgelt sie ab, die Dächer sind längst eingefallen. Noch stehen sie, diese Lehmhäuser, die man überall in der Ebene von Oman findet. Sie sind verlassen, aber auch noch nicht verschwunden. Manchmal sind sie auch im Zentrum von Oasen zu entdecken, sozusagen beste Ortslage, doch niemand scheint sich um die Ruinen zu kümmern.

Stephanie Döpper von der Universität Frankfurt arbeitet schon länger als Archäologin über die Siedlungsgeschichte des Oman, sie kennt diese verlassenen Ortschaften vom Vorbeifahren. Als sie von der Ausschreibung zu dem Forschungsprogramm „Lost Cities“ der Gerda-Henkel-Stiftung las, entschloss sie sich, einen Förderantrag zu stellen - mit Erfolg. Drei Jahre lang wird das Projekt im Oman mit 300.000 Euro gefördert.

Als der kürzlich verstorbene Sultan Qabus ibn Said 1970 im Oman die Macht übernahm, Erdgas und Erdöl fördern ließ und mit den Einnahmen, die seit der Ölkrise 1973 sprunghaft anstiegen, das Land modernisierte, wuchs der Wohlstand der Omanis. Sie wünschten sich modernere Häuser, ein besseres Leben. An den Ausfallstraßen entstanden neue Siedlungen aus großen Einfamilienhäusern mit Gärten, die Form der Siedlungen veränderte sich. Die Altstadtkerne blieben sich selbst überlassen.

Eine Archäologin bei der Bauaufnahme in einer Ruine. Foto: Stephanie Döpper Vergrößern
"Lost cities", so der Projektname, werden im Oman wiederentdeckt. © Stephanie Döpper

Döpper stellte ein Team aus Archäologinnen, Islamwissenschaftlern und Kultursoziologinnen der Universitäten Frankfurt, Bochum und Leipzig zusammen, um der Frage nachzugehen, was die Leute bewogen hat, ihre Häuser in der Altstadt aus dem 18. und 19. Jahrhundert zu verlassen, sie aber nicht abzureißen.

Als Archäologin kartiert Döpper drei Siedlungen in der Provinz im Zentraloman. Obwohl die Häuser verlassen seien, wüssten die Bewohner noch genau, welches Haus einst welcher Familie gehöre. Ein Abriss komme für die Eigentümer nicht in Frage. „Das Haus hat doch mein Großvater gebaut“, sei eine oft zu hörende Antwort, erzählt Döpper.

Mit wachsendem Wohlstand verstärkt sich die Identitätsfrage

Omanis sind traditioneller eingestellt als die Bewohner der anderen Golfstaaten, moderate Hochhäuser findet man hier in der Hauptstadt Muscat, aber sonst nicht. Man ist stolz auf sein kulturelles Erbe, und vielleicht ist das der Grund, warum man die Häuser nicht einfach abreißt.

Die kulturhistorische Bedeutung der in Lehmziegelarchitektur errichteten Siedlungen zeigen auch 3-D-Modelle der untersuchten Gebäude in Safrat al-Khashbah, die im Team um Stephanie Döpper erstellt wurden (hier).

Von staatlicher Seite wurden Forts und Moscheen aus dem 18. Jahrhundert mit viel Aufwand restauriert, aber die Wohnbebauung fand bisher wenig Beachtung. Mit dem wachsenden Wohlstand jedoch stellt sich auch verstärkt die Frage nach der eigenen Identität. Hinzu kommt, dass der Baustoff Lehm dauerhafte Pflege braucht und da sind 50 Jahre seit der beginnenden Modernisierung schon eine sehr lange Zeit.

Verfallener Lehmziegelbau auf einem Hügel. Foto: Stephanie Döpper Vergrößern
Viele der Bauten sind weitgehend verfallen, erscheinen den Omanis aber grundsätzlich als erhaltenswert. © Stephanie Döpper

Die ersten Befragungen der Bewohner haben ergeben, dass sich niemand diese Lehmhäuser zurückwünscht, man schätzt wie überall auf der Welt den modernen Komfort. Aber es muss eine innere Hemmung geben, das architektonische Erbe zu zerstören.

Auch das touristische Potenzial wird erkannt

„Manche Häuser werden noch genutzt, als Ziegenstall oder eben als Warenlager“, erzählt Döpper, aber das sei in jedem Ort anders. Die schönen geschnitzten Holztüren und die Fensterrahmen habe man in der Regel ausgebaut – und so setzt sich der Verfall der fragilen Bausubstanz fort. „Die Menschen leben in einem inneren Zwiespalt. Wer diese Häuser jetzt nutzen will, muss viel investieren“, sagt Döpper. „Man denkt jetzt über tragfähige lokale Konzepte nach. Auch das touristische Potenzial dieser alten Häuser ist erkannt.“

Eines der in Lehmziegelarchitektur errichteten Forts im Oman, das mit staatlichen Mitteln wiederaufgebaut wurde. Foto: Stephanie Döpper Vergrößern
Eines der in Lehmziegelarchitektur errichteten Forts im Oman, das mit staatlichen Mitteln wiederaufgebaut wurde. © Stephanie Döpper

[Lesen Sie vom selben Autor einen Bericht über den Versuch, Lehmziegelbauten im Irak zu erhalten (Tplus): Im Schatten des Ishtar-Tors]

Im Frühjahr dieses Jahres haben Döpper und ihre Kollegen einen Ort in der Provinz Mudhaybi nahe der gleichnamigen Stadt untersucht. Sie sammelten Keramik und sonstige Kleinfunde, untersuchten aber auch den Müll. Dann seien plötzlich die Menschen aus der Umgebung gekommen, staunten über das Interesse und gaben wichtige Hinweise auf vorherige Nutzer der Häuser. Untersucht werden auch völlig verlassene Orte. Ein Vergleich mit alten Satellitenfotos gibt Aufschluss über den Nutzungswandel. Manchmal gebe es auch lokale Initiativen, um die Häuser neu zu nutzen. Aber es gibt keinen Plan dafür, zumal die Häuser sich alle in Privatbesitz befinden.

Die örtlichen Behörden zeigen Interesse an den Forschungen der Deutschen, allerdings hat die Corona-Krise jetzt erst einmal eine intensivere Zusammenarbeit verhindert. Alle Ergebnisse und mögliche Fundorte werden den Behörden übermittelt.

Eine Soziologin untersucht nun, wie die Diskussion um das bauliche Erbe in Oman geführt wird, sowohl in den staatlichen Medien wie dem Fernsehen als auch in Blogs und in den sozialen Medien. Überhaupt stelle sich die Frage, ab wann etwas als „lost“, als „verloren, aufgegeben“ zähle. In Oman selbst seien diese Siedlungen noch nicht untersucht worden - obwohl die Rückbesinnung auf die eigene Geschichte eine große Rolle für die Identität des jungen Staates spielt. Da Lehm ein sehr empfindlicher Baustoff ist, drängt die Zeit. Wenn weiterhin nichts geschieht, wird das architektonische Erbe der Wohnbebauung des Oman zu Lehmhaufen zerfallen.

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