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Infektionen unter Reiserückkehrern aus Risikogebieten wurden wohl umfassender erfasst. Foto: A. Heimken/dpa
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Reiserückkehrer Türkei und Balkan Stimmen Spahns Aussagen zu Urlaubs-Infektionen?

Der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn spricht von Neuinfizierten, meint aber offenbar nur die gemeldeten Fälle. Das führt zu einem falschen Bild.

„Wir haben aus dem vergangenen Sommer gelernt“, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in der „Bild am Sonntag“. „Damals haben die Auslandsreisen, häufig Verwandtschaftsbesuche in der Türkei und auf dem Balkan, phasenweise rund 50 Prozent der Neuinfektionen bei uns ausgelöst.“ Das müsse in diesem Jahr verhindert werden.

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Spahns Aussagen wurden kurz darauf stark kritisiert. Nach Recherchen des Tagesspiegels ist die Aussage Spahns inhaltlich zumindest unbelegt und fragwürdig – und wahrscheinlich falsch. Dies hat mehrere Gründe. So spricht Spahn etwa von Neuinfektionen, die Angabe der „50 Prozent“ bezieht sich aber offenbar nur auf die gemeldeten Fälle.

Verwechslung der Begriffe führt in die Irre

Die Verwechslung der beiden Begriffe führt in die Irre: Von allen tatsächlichen Infektionen wird nur ein Teil erkannt und gemeldet – im vergangenen Sommer deutlich weniger als derzeit, da damals keine Schnelltests verfügbar waren und viel weniger getestet wurden. Für Reiserückkehrer wurden jedoch seit Anfang August 2020 kostenlose Tests angeboten – und Balkanländer sowie die Türkei galten als Risikogebiet.

Daher wurden die Infektionen unter Rückkehrern aus diesen Ländern vermutlich viel umfassender erfasst als in der restlichen Bevölkerung, was zu entsprechenden Verzerrungen führt. Spahn hingegen erweckt den falschen Eindruck, es würde um alle Infektionen und nicht nur die Meldefälle gehen.

Spahns Aussagen zu Infektionen durch Verwandtenbesuche in der Türkei und auf dem Balkan wurden stark kritisiert. Foto: Kay Nietfeld/dpa Vergrößern
Spahns Aussagen zu Infektionen durch Verwandtenbesuche in der Türkei und auf dem Balkan wurden stark kritisiert. © Kay Nietfeld/dpa

Doch selbst in Bezug auf die gemeldeten Fälle stimmen die Aussagen Spahns womöglich nicht. Denn laut damaligen Berichten des Robert-Koch-Instituts (RKI) wurde bei jedem dritten Fall nicht gemeldet, in welchem Land sich die Infektion vermutlich ereignet hat

Bezogen auf die Fälle, bei denen dies bekannt war, lag der Anteil vier Wochen lang über 50 Prozent. Doch nur in der 34. Kalenderwoche Ende August lag der Anteil der Fälle mit gemeldeter Infektion im Ausland bei knapp 50 Prozent von allen Fällen.

Offen ist, ob Spahn sein Statement korrigieren wird

Auf Nachfrage bekräftigt Spahns Pressesprecher Hanno Kautz dessen Aussagen – wiederum mit Angaben zu „Neuinfektionen“. Offen lässt er, inwiefern Spahn sein Statement korrigieren wird und welche Daten Grundlage der Äußerung waren, es habe sich häufig um Verwandtschaftsbesuche gehandelt. 

„Angaben zum Zweck der Reise werden dem RKI nicht übermittelt“, erklärt eine Sprecherin des Instituts, das eine nachgeordnete Behörde des Bundesgesundheitsministeriums ist. Inwieweit kann das RKI die Aussagen Spahns ansonsten bestätigen? „Äußerungen Einzelner kommentieren wir generell nicht“, sagt sie.

Allgemein ist es schon seit Beginn der Pandemie ein erhebliches Problem, dass nur sehr wenige Informationen zu den Ansteckungsorten bekannt sind – was die Prävention von Infektionen erschwert. In den letzten Wochen wurde sogar bei rund jedem zweiten Fall nicht gemeldet, in welchem Land die Infektion stattgefunden hat, wahrscheinlich wird dies jedoch bei den meisten in Deutschland erfolgt sein.

Nur wenige Fälle können einem Ausbruch zugeordnet werden

Unklar ist auch, in welchem Umfeld wie viele Infektionen stattgefunden haben – ob etwa am Arbeitsplatz, im Nahverkehr oder zuhause. „Nur ein kleiner Teil der insgesamt gemeldeten Covid-19 Fälle kann einem Ausbruch zugeordnet werden, damit fehlen für eine Vielzahl der Fälle Informationen zur Infektionsquelle“, heißt es in einem RKI-Bericht. 

Ansteckungen innerhalb von Familien kann man deutlich einfacher nachvollziehen als etwa jene in S-Bahnen oder Supermärkten. Zudem hätten Gesundheitsämter „nicht immer die Kapazität, detaillierte Informationen zu Ausbrüchen zu erheben und zu übermitteln“, erklärt das RKI.

So führt eine RKI-Auswertung beispielsweise für die letzte Aprilwoche für gut 16.000 gemeldete Fälle eine konkrete Infektionsumgebung an – für mehr als 100.000 Fälle aus dieser Woche jedoch nicht. Hinzu kommt die Dunkelziffer: Infektionen von Menschen, die nicht positiv getestet und daher gar nicht als Fall erfasst wurden.

Obwohl das Infektionsschutzgesetz dies vorschreibt, wird für viele übermittelte Fälle auch nicht gemeldet, ob die infizierten Menschen etwa in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen betreut werden oder zur Schule oder in eine Kita gehen. Für rund jeden dritten bislang übermittelten Fall liegen auch keine Informationen zu Symptomen vor. 

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