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In Israel zeigt das Impfprogramm mit dem Vakzin von Biontech/Pfizer Wirkung: Ersten Berichten zufolge sinken seit Anfang Februar die Fallzahlen bei den über 60-jährigen Geimpften dramatisch. Foto: Menahem Kahana/AFP
© Menahem Kahana/AFP

Reaktion auf Mutanten So werden neue Varianten-Impfstoffe gegen Covid-19 vorbereitet

Gegen neue Varianten des Coronavirus könnten vorhandene Impfstoffe nicht ausreichend schützen. Deshalb wird an neuen Mitteln gearbeitet.

„Es gibt eine ständige Evolution der Coronaviren“, sagt Uğur Şahin, der Vorstandsvorsitzende des Mainzer Unternehmens Biontech, das einen weltweit eingesetzten mRNA-Impfstoff gegen Sars-CoV-2 entwickelt hat. Die vielen Subfamilien aus der großen Gruppe der Coronaviren seien auch entstanden, damit ein Coronavirus Antikörpern entgehen kann, die gegen ein anderes gebildet wurden.

Für die Impfungen gegen Covid-19 bedeutet das, dass man es mit einem sich ständig wandelnden Gegner zu tun hat und dass alte Impfstoffe bei neuen Varianten nicht die gewünschte Wirkung zeigen, wie sich bereits andeutet. „Die Natur wird immer gegen universelle Impfstoffe arbeiten“, sagte Şahin auf einer Pressekonferenz des Science Media Centers Deutschland.

Den einen Impfschutz gegen alle wird es daher voraussichtlich nicht geben. In der Vakzinentwicklung werden daher bereits neue Impfstoffe konzipiert und auch von behördlicher Seite bereitet man sich darauf vor, sie schnell einsetzen zu können.

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Nachbau im Labor

Zur Bekämpfung der sich derzeit ausbreitenden erstmals in Großbritannien nachgewiesenen Mutante B.1.1.7 rät Şahin aber Lockdown-Bestimmungen zu „präzisieren“: „Diese Variante wird gar nicht schlechter durch die existierenden Impfstoffe neutralisiert, sondern das Hauptproblem ist eine höhere Infektiösität“. Jetzt gehe es darum, durch Kontaktbeschränkungen neue Infektionen zu verhindern, bis eine ausreichende Zahl Menschen geimpft ist.

Gegen die zuerst in Südafrika identifizierte Variante B.1.351 scheinen Impfungen weniger zu schützen. In klinischen Studien und in ersten Laborexperimenten erweisen sich die Impfstoffe von Biontech/Pfizer, Moderna, Janssen oder AstraZeneca als weniger wirksam. „Wir erwarten, dass unser Impfstoff auch hier ausreichend wirksam sein wird, aber wir haben noch keine Daten“, sagt Şahin.

In der Forschung bei Biontech werden neu aufgetretene Varianten des Virus im Labor nachgebaut. Dann wird geprüft, ob sie mit Blutserum von geimpften Personen neutralisiert werden können. „Wir haben mittlerweile über 25 Varianten getestet“, sagt Şahin. Nur bei der südafrikanischen Variante gäbe es Abstriche bei der Wirksamkeit. Es zeige sich aber auch, dass die Antikörper von der Impfung in großer Zahl auch gegen diese Variante wirken: je mehr, je besser. Der Mitbegründer von Biontech bemängelt jedoch, dass es bislang keinen Prozess gebe, neue Impfstoffe in Verkehr zu bringen.

Die regulatorische Seite

Die europäische Arzneimittelbehörde EMA hat ein Schnellverfahren für bereits zugelassene Impfstoffe angekündigt, die an Virusmutationen angepasst werden. „Wir arbeiten schon seit einiger Zeit an Mechanismen, wie die Umstellung eines zugelassenen Impfstoffs auf einen Varianten-Impfstoff geschehen kann“, sagte Klaus Cichutek, der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts in Langen, das in Deutschland für Impfstoffe verantwortlich ist.

Varianten-Impfstoffe würden ein neues Virusmerkmal oder seinen genetischen Bauplan enthalten. Angestrebt wird, dass in Europa für die Einführung neuer, von zugelassenen Impfstoffen abgeleiteter Vakzine keine neue Zulassung erforderlich ist, sondern die bestehende Zulassung nur angepasst werden müsste. „Das würde das Verfahren sehr vereinfachen“, sagt Cichutek.

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Voraussetzung wäre, dass die Herstellung so abläuft, wie beim ursprünglichen Impfstoff. Auf neue vorklinische Untersuchungen wie Tierversuche könnte dann verzichtet werden. Es müsste aber in klinischen Studien gezeigt werden, dass der umgestellte Impfstoff gegen die neuen Varianten in etwa so wirksam ist wie der ursprüngliche Impfstoff gegen herkömmliche Varianten. Dabei könnte man sich darauf beziehen, dass Geimpfte vergleichbar viele neutralisierende Antikörper entwickeln. „Das könnte innerhalb von wenigen Monaten geleistet werden“, sagt Cichutek.

Derzeit gelte es aber, das Programm mit den vorhandenen Impfstoffen fortzusetzen. „Das Impfen mit den bisherigen Impfstoffen ist immer noch besser als nicht zu impfen“, so der PEI-Präsident. Bezüglich der Sicherheit bestätigten die bereits im Einsatz befindlichen Impfstoffe von Biontech/Pfizer, Moderna und Astrazeneca die Ergebnisse aus den klinischen Zulassungsstudien.

Teilweise starke Reaktionen bei Jüngeren auf die erste oder zweite Impfung würden nach zwei bis fünf Tagen wieder verschwinden. „Die zugelassenen Impfstoffe sind sicher und zuverlässig“, sagte Cichutek.

„Wir haben ganz gute Tools, um Schritt zu halten mit der Pandemie“, sagte Marylyn Addo vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und betonte: „Wenn es kein großes Infektionsgeschehen gibt, dann gibt es auch weniger Mutationen.“ Daher sei es wichtig, dass die Impfstoffe auch außerhalb der Industrienationen verteilt werden. „Sonst kommt das Problem auf uns zu, weil es halt wieder eingetragen wird.“ (mit dpa)

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