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Ungelenke Zeichen. Sechs Runen des altgermanischen Alphabets wurden auf einem Viehknochen eingeritzt. Foto: Vojtech Nosek
© Vojtech Nosek

Rätselhafte Beschriftung Archäologen entdecken uralte Runen-Inschrift

Eva Murasov

Die Ausgrabung einer Runen-Inschrift in Tschechien legt Kulturkontakt zwischen Slawen und Germanen um 600 nahe. Das stört nationalistische Ideologen.

Mit Autocorrect und Swype übertragen wir unsere Gedanken heute fast automatisch in Schrift. Dem Verfasser der Runeninschrift, die Archäolog:innen kürzlich in Tschechien entdeckten, fiel das Schreiben sicher nicht so leicht. Er sei in der Runenschrift nicht besonders geübt gewesen, vermuten die Forscher:innen, die ihren Fund im „Journal of Archaeological Science“ veröffentlicht haben.

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Die sechs germanischen Zeichen, die der Unbekannte im 6. Jahrhundert auf einem Viehknochen verewigte, wirken ungelenk und haben etwas misslungene Proportionen.

Der Fund gibt Rätsel auf

Das eigentliche Rätsel des Fundes ist aber, warum die Germanenschrift in unmittelbarer Nähe von Keramiken und anderen Indizien auftauchte, die die Forschenden eindeutig den Slawen zuordnen. Dass der Knochen womöglich als Tauschware in das damals von slawischen Stämmen besiedelte Mähren gebracht worden sei, schließt das Team um Jiri Machacek von der Masaryk University in Brno eher aus. Die Runen hätten für Slawen keinen kulturellen Wert gehabt und dürften nicht zum Handel getaugt haben.

Schrieb hier womöglich ein Slawe, der sich die fremde Schrift angeeignet hatte? Möglich wäre das, wie die Publikation des internationalen Teams nahelegt. Das Schriftstück, das bei Breclav (deutsch: Lundenburg) nahe der österreichischen Grenze gefunden wurde, könnte auch ein Germane erstellt haben, der im Gebiet der Slawen lebte.

Historische Annahmen geraten ins Wanken

Mit dieser Frage bringt der Runenfund die bisherigen historischen Annahmen zum Verhältnis zwischen Slawen und Germanen im 6. und 7. Jahrhundert in der Region Südmähren, wo die Ausgrabung stattfand, ins Wanken. Bisher gab es keine Anhaltpunkte dafür, dass die beiden Stämme in dieser Region Mitteleuropas in Kontakt kamen. Man ging davon aus, dass sich der germanische Stamm der Langobarden bereits zurückgezogen hatte, als slawische Stämme sich dort niederließen.

Für den an der Studie beteiligten Sprachwissenschaftler Robert Nedoma ist die These plausibel, es handele sich beim Verfasser um einen Langobarden oder eine Langobardin, der oder die sich der Migration des eigenen Stammes nach Italien nicht angeschlossen hat. 

„Es ist aber auch nicht auszuschließen, dass die Runen von einem Slawen geritzt worden sind, der die Schrift durch Kulturkontakt von den Langobarden erlernt hat“, sagte Nedoma dem Tagesspiegel. In der Studie heißt es dazu, dann stelle sich die Frage, wie die Verwendung der „fremden“ Schrift zu erklären sei – durch einen Konflikt freiwillige Aneignung, quasi aus „Prestigegründen“.

Tschechische Nationalisten fühlen sich provoziert

Vor dem Hintergrund, dass die Bevölkerungsgeschichte immer wieder für nationalistische Thesen herhalten muss, wohnt die Nachricht über den Fund gewisse Ironie inne. Während Nazi-Deutschland das germanische Erbe mitsamt der Runen für seine Blut-und-Boden-Ideologie vereinnahmte und die slawische Kulturen abwertete, sprechen die neuen Erkenntnisse für eine – wie auch immer gestaltete – Begegnung zwischen den Frühkulturen. 

Die „New York Times“ weist darauf hin, dass sich tschechische Nationalisten von der archäologischen Studie provoziert fühlten, weil sie die Erzählung der von zwei klar unterscheidbaren ethno-linguistischen Gruppen in dieser Region infrage stellt.

Schließlich ist an der Entdeckung auch bedeutend, dass sie der Pionierrolle, die die byzantinischen Gelehrten Kyrill und Method für die Alphabetisierung der Slawen hatten, eine neue Facette hinzufügt. Die beiden Mönche aus Thessaloniki hatten ein eigenes Alphabet, das Glagolitische, erfunden, um Bibeltexte ins Slawische zu übersetzen und die „Ungläubigen“ im Großmährischen Reich zu christianisieren. Nun deutet manches darauf hin, dass es den ersten Schriftkontakt dort schon etwa 300 Jahre früher, durch die Germanen, gegeben haben könnte.

Was aber bedeuten nun die ungelenken Runen auf dem Viehknochen? Fest steht, dass es sich um sechs der acht letzten Zeichen des sogenannten älteren Futharks handelt: einem germanischen Schriftsystem mit 24 Zeichen, die alphabetisch, also als Laute, verwendet werden können und auch jeweils eine eigene Bedeutung haben. Weil der Knochen links vor der Gravierung abgebrochen ist, überliefert er nur das Ende der Inschrift.

Die erhaltenen Zeichen waren bisher nicht im südgermanischen Raum dokumentiert – auch das macht sie so bedeutend. Konkret sind es die Laute t, b, e, m, d, o, mit den Bedeutungen Himmels- und Kriegsgott, Birkenzweig oder Birke, Pferd, Mensch, Tag und Stammgut oder Grundstück. Ein Wort der Folge „tbemdo“ ist der Forschung nicht bekannt. Sonderbar an der Alphabetreihe ist aber, dass zwei Zeichen des Futhark-Endes fehlen.

Vielleicht auch magische Zwecke

Linguist Nedoma hat auch erwogen, ob die Zeichenfolge magischen Zwecken gedient haben könnte – als Ritual, „um die die Kraft aller Schriftzeichen und der dahinterliegenden Konzepte auszudrücken“. Dagegen aber spreche, dass zwei Zeichen des Alphabetendes fehlen. 

„Magie setzt Ordnung voraus, die allein die Wirksamkeit des sprachlich Geäußerten garantiert – wenn Sie einen Zauberspruch sprechen, dann können Sie nicht einfach Wörter auslassen oder umformulieren, das wirkt dann einfach nicht.“ Demzufolge hält Nedoma eine „fehlerhafte Schreibübung“ für wahrscheinlicher. Vielleicht hat den Schreiber bei seiner Übung auf dem Rinderknochen die Geduld verlassen.

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