Tiefer, weiter Blick - und die Analyse einer Gegenwart, die noch 50 Jahre entfernt war: Theodor Wiesengrund Adorno, Philosoph und Soziologe, Musiktheoretiker und Komponist, um 1960. Foto: akg-images
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Psychologie und Soziologie im Spätkapitalismus Die frappierende Aktualität Adornos selten zitierter Texte

Juljan Krause

Alltagskonflikte, Rechtsextremismus, Verrohung. Und die Flucht ins Nationale: Warum gerade jetzt die Lektüre des Frankfurter Soziologen lohnt.

Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der University of Southampton und Herausgeber der philosophischen Fachzeitschrift 'Evental Aesthetics'. Im Herbst erscheint sein Beitrag zur Soziologie Adornos im Sammelband „A Companion to Adorno“ (mit Matthias Benzer, Verlag Wiley-Blackwell).

Als Adorno im Herbst 1949 erstmals seit seiner Flucht aus Nazi-Deutschland wieder Frankfurter Boden unter den Füßen hatte, notierte er in seinem Tagebuch: „Eigentlich gibt es Frankfurt nicht mehr, aber das Leben wirkt normal.“ Die emsig-betriebsame Rückkehr zum Alltag steht in krassem Widerspruch zur Ruinenkulisse der Stadt. Der Aufschwung der 1950er und 1960er Jahre, der die Menschen von den Extremen fort in die sogenannte soziale Marktwirtschaft hinein zu integrieren suchte, führte dann auch zu einer zumindest ökonomischen Befriedung der Gesellschaft. Für Adorno aber vermochten die gefüllten Supermarktregale und der Mittelklassewagen vorm Reihenhäuschen das ungeheuerliche Gewaltpotential bestenfalls zu überspannen, welches unter der Oberfläche der Alltagsökonomie nach wie vor gärt.

Die Spielarten des Lachens als Spiegel der Gesellschaft

Der falsche Friede des Alltäglichen, die augenscheinliche Normalität, aus der die Gewalt aber doch immer wieder hervorbricht, sind Kernthemen in der Gesellschaftsanalyse Adornos und machen insbesondere seine weniger beachteten Texte, 50 Jahre nach seinem Tod und 116 Jahre nach seinem Geburtstag am 11. September 1903, aktueller denn je. Das Gesellschaftliche wird für Adorno gerade dort interessant, wo die Ausfallserscheinungen der spätkapitalistischen Ordnung Einblick gewähren in die Maschinerie, die Menschen als gesellschaftskompatibel zurechtstanzt. Gerade die zunehmende Verrohung im Alltag, der Rechtsextremismus und der florierende Verschwörungswahn dieser Tage sind hierbei nicht voneinander unabhängige Phänomene, sondern Objekte einer Alltagsempirie, die Adorno zur Analyse gesellschaftlicher Gegensätze und Brüche empfiehlt. Sie ist heute dringlicher denn je.

Beispielsweise das Lachen sagt für Adorno viel über eine Gesellschaft aus. Das harsche, laute Prusten der Fahrgäste, wenn jemand unbeholfen in der Zugtür stecken bleibt oder das Feixen, wenn psychisch Kranke, heutzutage von Passanten gerne mit dem Handy abgefilmt, auf der Straße randalieren, sind Momente, in denen „individuelle Reaktionsweisen zugleich gesellschaftliche Aggressivität kanalisieren“, die sich an den nächst Schwächeren austobt. „Leicht verbünden die von sozialem Druck Deformierten sich mit der Gewalt, die sie zurichtete“, schreibt Adorno zum kollektiven Lachen. „Sie halten sich schadlos für den gesellschaftlichen Zwang, der ihnen selbst widerfuhr: an denen, die ihn offenbar zur Schau tragen“, notiert Adorno in seinen „Anmerkungen zum sozialen Konflikt heute“.

Opfer und Agenten ihrer eigenen Beschädigung

So selten kollektives Lachen ob des Unglücks Anderer komisch ist, so ernst zu nehmen sind die ständigen Reibereien und Auseinandersetzungen, die zu unserem Alltagsbild gehören. Kaum mehr zu zählen sind die Studien, die in jüngster Zeit eine eklatante Verrohung der Gesellschaft anzeigen. Ob in der Schule, im Betrieb, auf der Straße, in der Kneipe oder übers Handy gebeugt, der Umgang wird allerorts merklich rauer. Für Adorno sind Alltagskonflikte Indiz dafür, dass die Menschen immer weniger glauben, das Ordnungsprinzip meine es gut mit ihnen oder sei gar für sie gemacht.

Die dumpfe Ahnung, nur „Anhängsel der Produktion“ zu sein, sich aber nicht entziehen zu können oder zu wollen, entlädt sich vielfach im Hass auf all diejenigen, die den reibungslosen gesellschaftlichen Vollzug zu stören scheinen. „Bis hinab zu ebenso läppischen wie affektiv besetzen privaten Zänkereien präsentiert die Gesellschaft den Lebendigen die Rechnung für ihre verkehrte Gestalt, an der sie mitschuldig sind, und für das, was sie aus ihnen gemacht hat.“ Für Adorno sind Menschen im Spätkapitalismus zugleich Opfer und Agenten ihrer eigenen Beschädigung. Die allgemeine gesellschaftliche Verrohung ist demnach giftiges Abfallprodukt der alltäglichen Reproduktion einer Ordnung, die stetig größere Opfer abverlangt.

Damals wie heute wird die Aufhebung gesellschaftlicher Missstände allerdings nicht rational durchdacht, sondern im Nationalen imaginiert. „Für zwei Stunden schweißt der große Anlass die gesteuerte und kommerzialisierte Solidarität der Fußballinteressenten zur Volksgemeinschaft zusammen“, schreibt Adorno anlässlich der Übertragung einer Weltmeisterschaft. Als habe er die Entwicklung im heutigen Deutschland vorhergesehen, spricht Adorno im Jahr 1967 in einem Vortrag über Aspekte des neuen Rechtsradikalismus (die Abschrift ist jüngst als Taschenbuch erschienen). Die gesellschaftlichen Voraussetzungen faschistischer Bewegungen bestünden nach wie vor fort. Niemand sei sicher vor der stets voranschreitenden Prekarisierung und der unaufhörlichen Automatisierung. Selbst wer in Arbeit ist, habe den Jobverlust schon vor Augen und fühle sich bereits „potentiell überflüssig“, so Adorno.

Die Flucht ins Völkische

Aktuell rechnet etwa die OECD damit, dass ein Fünftel der Beschäftigungsverhältnisse in Deutschland mittelfristig durch Automatisierung verloren gehen werden. Rechte Demagogen nutzen die wachsende existentielle Angst vor dem Überflüssigsein. Adorno beschreibt die „Weltuntergangsphantasien“, von denen sich die neuen, alten Nazis nährten als „manipulierte Astrologie“. Heute führen rechte Verschwörungstheoretiker den Diskurs einer imaginierten „Umvolkung“ fort, wie er schon in der Weimarer Republik aus vielen rechten Blättern ätzte. So raunen etwa AfD-Funktionäre unablässig, ein planvoller „Bevölkerungsaustausch“ fände statt, nach dem das deutsche Volk vertrieben und durch Geflüchtete „ersetzt“ werden solle.

Dieser Diskurs soll zum einen mobilisieren. Zum anderen jedoch lenkt er den Groll weg von den Verhältnissen und verheißt die Aufhebung des Unglücks im Volk: Überflüssig gemacht wird also nicht, wer aus Kostengründen wegrationalisiert wird, sondern angeblich ausradiert wird, wer Deutsch ist. Das Eingeständnis, potenziell überflüssig zu sein, kränkt und wertet ab. Die Volkszugehörigkeit aber kann einem durch Arbeitslosigkeit und Sozialabstieg nicht genommen werden. Wie sehr in diesem Zusammenhang Lachen Gewalt ist, lässt sich täglich in einschlägigen „patriotischen“ Facebook-Foren beobachten. Dort werden Meldungen ertrunkener Geflüchteter im Mittelmeer regelmäßig mit lachenden Emojis kommentiert.

Bedurfte es im vordigitalen Zeitalter noch erheblichen Ressourceneinsatzes und gezielter Ansprache, um Menschen auf Linie zu bringen, ermöglicht die globale Vernetzung eine neue Selbstradikalisierung mit dem Smartphone, wobei jedes noch so wahnsinnige Ressentiment integriert wird. Auf Nachfrage des Tagesspiegels im Jahr 2017 an einen Reichsbürger entgegnet der Mann, er sei „sich nicht ganz sicher, ob Angela Merkel nur Jüdin oder auch reptiloid sei. Theoretisch sei beides möglich“. Freilich verinnerlichte er auch die zurzeit wohl beliebteste Verschwörungstheorie: Impfen schade und mache nur die Konten angeblicher Rothschilds voll, die Big Pharma kontrollierten. Fließend sind hier die Übergänge zwischen harmlosen Diskussionsgruppen zu den Grenzen der Schulmedizin und Bewegungen wie die „Germanische neue Medizin“, die behauptet, Chemotherapie sei „Waffe der Juden“, mit der bereits „zwei Milliarden Menschen umgebracht“ worden seien.

Autonomie und die Kraft, sich dem Mitmachen zu verweigern

Antiaufklärerische Esoterik ist in diesem Zusammenhang das Bindemittel, das Verschwörungswahn, Antisemitismus und verkürzte Kapitalismuskritik zu einem Brei verrührt, der rechtsextremes Gedankengut schmackhaft macht. Nach einem Bericht des Brandenburgischen Verfassungsschutzes von 2017 suchen Reichsbürger zunehmend den Schulterschluss mit „ländlich-alternativen Szenen“. Dort werde in gemeinsamen Aktivitäten zu „germanischer Heilkunde“ oder der Fantasiewährung „Engelgeld“ eine „indirekte Akzeptanz für rechtsextreme Strukturen geschaffen“. Im anti-institutionellen Affekt bastelt man sich ein pseudo-spirituelles Weltbild, das vordergründig den Ausstieg aus einer Ordnung erlaubt, die totale Unterordnung verlangt.

Für Adorno ist die Hinwendung zum Okkulten „ein Symptom der Rückbildung des Bewusstseins“, dem es nicht mehr gelingt, die Zusammenhänge zu erfassen und diese zu ertragen. „Geist dissoziiert sich in Geister und büßt darüber die Fähigkeit ein zu erkennen, dass es jene nicht gibt“, schreibt er in seinen Thesen gegen den Okkultismus.

Die zunehmende Verrohung im Alltag, Rechtsextremismus und Verschwörungswahn sind ineinander verschränkte Phänomene, die aufzeigen, wie Menschen ihren Protest gegen die Zumutungen des Systems falsch artikulieren und im schlimmsten Fall mörderisch umsetzen. Diese Phänomene nicht als voneinander isolierte Randerscheinungen, sondern als Risse im System zu analysieren, die sich nicht ohne Weiteres werden stopfen lassen, ist nachhaltige Mahnung Adornos.

Von selbst werden die Zustände sich kaum verbessern. „Die einzig wahrhafte Kraft gegen das Prinzip von Auschwitz wäre Autonomie“, schreibt Adorno, also „die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen“. Diese Kraft zu stärken wäre auch 50 Jahre nach Adornos Tod die wahre gesellschaftliche Aufgabe.

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