Getrübte Sinne. Depressionen bei Kindern frühzeitig zu erkennen und zu behandeln, kann Schlimmeres verhindern. Eine App soll dabei helfen. Foto: picture alliance / dpa / Patrick Pleul
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Psychische Erkrankungen Handy-App als Frühwarnsystem bei kindlicher Depression

Beate Wagner
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Nicht nur Erwachsene leiden an Depressionen. Forscher wollen eine Handy-App entwickeln, die erkennt, wenn bei Kindern das „dunkle Gefühl“ naht.

Laura ist sechzehn Jahre alt und trägt, was Teenager eben so tragen: Pferdeschwanz, Daunenjacke, rosa Schal. Dass sie noch viel mehr mit sich herumträgt, mehr als ein Mensch ertragen kann, das spürte die Tübinger Schülerin erstmals in der vierten Klasse. So lange schon begleitet sie ihr „schwarzer Hund“, wie sie ihre Depression nennt. Wenn das schwere Gefühl kommt, dann will sie sich selbst verletzen, magert ab, wird unsagbar müde und Selbstmordpläne geistern ihr durch den Kopf. Sie schreibt Abschiedsbriefe und plant, sich vor den Zug zu werfen. Sie tut es nicht, aber zur Schule schafft sie es monatelang nicht, kann ihre Freunde nicht sehen und muss ihre Tage in einer Klinik verbringen. Seit ihrem letzten Aufenthalt geht es ihr besser. Aber ohne psychotherapeutische Begleitung geht es nicht.

Kindliche Depressionen bleiben oft unerkannt

Millionen Kindern und Jugendlichen geht es wie Laura: Auf dem Weg zum Erwachsenwerden entwickeln sie Depressionen oder andere psychische Probleme. Allerdings bleiben kindliche Depressionen oft unerkannt. „Typische Symptome wie Schlafstörungen oder Gereiztheit werden oft der Pubertät zugeordnet“, sagt der Kinder- und Jugendpsychologe Stefan Lüttke von der Universität Tübingen. „Für Eltern und auch die Betroffenen selbst ist es schwer erkennbar, ob hormonelle Veränderungen beim Heranwachsen oder eine Depression dahinterstecken.“

Ein Projekt der Universitäten Tübingen und Würzburg will das ändern. Eine App, ein Programm für die vielbenutzten Smartphones soll registrieren, wenn sich der nächste depressive Schub ankündigt – und zwar ohne dass der Anwender im Alltag etwas davon bemerkt. „Wir nutzen die für Jugendliche gängigen Kommunikationswege über WhatsApp und das Smartphone, um erste Anzeichen einer Depression bei Kindern und Jugendlichen zu erkennen“, sagt Lüttke, der das Projekt an der Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie der Uni Tübingen leitet.

Etwa 100.000 Kinder und Jugendliche leiden in Deutschland an Depressionen

Die Depression ist bei Kindern und Jugendlichen eine der häufigsten psychischen Erkrankungen. Pro Jahr erkranken in Deutschland insgesamt vier bis fünf Millionen Menschen daran. Darunter sind geschätzt mindestens 100.000 Kinder und Heranwachsende. Typische Symptome sind anhaltende Traurigkeit, innere Unruhe, aggressive Gereiztheit, Appetit- und Gewichtsverlust sowie starke Selbstzweifel. Für Kinder sind auch Bauchschmerzen typisch, bei Jugendlichen Schlafstörungen. Rund 60 Prozent der Depressiven denken über Selbsttötung nach. Bei den 15- bis 35-Jährigen ist der Suizid als Folge einer Depression sogar die zweithäufigste Todesursache.

Je eher die kindliche Depression erkannt wird, desto wirksamer ist die Therapie. Schwerpunktmäßig behandeln Kinder- und Jugendpsychiater depressiven Patienten mit der psychotherapeutischen Gesprächstherapie. Nur in wenigen Fällen geben sie zusätzlich Medikamente.

„Jugendliche sind aus zwei Gründen besonders anfällig für psychische Störungen“, sagt Beate Herpertz-Dahlmann, Direktorin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Uniklinik Aachen. „Zum einen baut sich beim Übergang zwischen Kindheit und Erwachsenenalter das Gehirn um. Zum anderen steigen in dieser Zeit die sozialen und schulischen Anforderungen an die Jugendlichen.“

Der große Umbau im Gehirn: Pubertät

Während der Pubertät ist das Gehirn eine Großbaustelle: Nervenverbindungen, die wenig gebraucht werden, baut es ab, häufig genutzte optimiert es. „Dabei entsteht ein Ungleichgewicht zwischen den kognitiven Kontroll-Systemen und solchen, die mit Emotionen assoziiert sind“, sagt Herpertz-Dahlmann. Wahrscheinlich übernimmt das limbische System, das Gefühle kontrolliert, zusammen mit dem Belohnungssystem die Oberhand über Regionen, die das Verhalten koordiniert. So entsteht ein Ungleichgewicht, das Jugendliche so labil macht.

Mit der App wollen Lüttke und sein Team Jugendlichen rechtzeitig helfen, bei denen eine Depression droht. Die Forscher werden zunächst in der sogenannten „Whats up?-Studie“ untersuchen, ob Jugendliche mit einer Depression, wie vermutet, bei WhatsApp „anders“ schreiben oder den Kurznachrichtendienst anders nutzen als Jugendliche, denen es gut geht. „Aus Studien wissen wir, dass Menschen in einer depressiven Phase anders mit Sprache umgehen und zum Beispiel mehr negative Wörter verwenden“, sagt Lüttke, der zurzeit am Londoner University College zu den Ursachen kindlicher Depressionen forscht. „Außerdem zieht man sich zurück, wenn man sich niedergeschlagen fühlt – und nutzt vermutlich das Smartphone generell weniger als sonst.“ In die Pilotstudie werden die Chatprotokolle von 60 Probanden über zwei Wochen ausgewertet.

Behandeln in der Jugend verhindert psychische Spätfolgen

Mit den Ergebnissen der Untersuchung wollen die Forscher dann ein App-Frühwarnsystem entwickeln, das die Chats und die Nutzung von WhatsApp automatisch auswertet. Anders als andere Apps wie beispielsweise die Gesundheits-App „Moodpath“, bei der Menschen mit einer Neigung zu Depressionen 14 Tage lang aktiv Fragen zu ihrem Befinden auf dem Smartphone beantworten, bemerken Jugendliche Lüttkes FrühwarnApp im Alltag nicht. Das Frühwarnsystem schlägt also nur Alarm, wenn es konkrete Hinweise auf eine Depression gibt, und gibt dann Tipps, welche Schritte man zur Vorbeugung unternehmen sollte. „Das Frühwarnsystem arbeitet automatisch und völlig im Hintergrund“, sagt Lüttke. Der Alltag der Betroffenen wird nicht durch das aktive Eingeben von Symptomen gestört, was die langfristige Nutzungsdauer wahrscheinlicher macht.

Helfen soll die App vor allem Kindern und Jugendliche, die entweder schon einmal eine depressive Phase hatten oder die durch kritischen Situationen anfällig für eine Depression sind. Denn anders als lange vermutet verschwinden psychische Probleme mit dem Ende der Pubertät meist nicht wieder von allein. Die Jugendzeit ist die entscheidende Phase, um psychisch Erkrankte wirksam zu behandeln. Sie stellt die Weichen für das gesamte Leben. Studien belegen, was passiert, wenn diese Chance vergeben wird: 80 Prozent aller erwachsenen psychisch Kranken waren schon als Jugendliche psychisch labil. Zudem ist die Jugendzeit die Phase, in der sich Jugendliche auch beruflich orientieren. Greift ihnen bei psychischen Problemen jemand unter die Arme, stört das eine erfolgreiche Karriere nicht unbedingt. Bleiben sie auf sich selbst gestellt, drohen Schul-, Studien- oder Ausbildungsabbruch und Arbeitslosigkeit.

Auch die kindliche Depression birgt eine große Gefahr für eine Chronifizierung mit entsprechenden Folgen. „70 Prozent der Betroffenen erleiden innerhalb von zwei bis sieben Jahren eine Rückfall“, sagt Lüttke. Mit jeder neuen Depression steigt das Risiko, wieder zu erkranken. Nach der dritten Depression erhöht sich das Risiko auf 90 Prozent. „Gelingt es uns, mit der neuen App Depressionen bei Jugendlichen frühzeitiger zu erkennen, können wir auch früher als bisher eingreifen, um schwere Krankheitsverläufe zu verhindern.“

Apps sind nur ein Teil der Hilfe

Klar ist: Apps können nur ein zusätzlicher Baustein sein, um Kinder und Jugendliche vor chronischen Depressionen zu bewahren. Experten appellieren zudem vor allem an die Expertise der Eltern, die ihre Kinder trotz der Ablösephase in der Pubertät am besten kennen. Sie sollten dem Sprössling bei Verdacht immer wieder Gesprächs- und Kontaktangebote machen und bei Unsicherheiten lieber zu früh als zu spät professionelle Hilfe bei einem Facharzt oder Psychotherapeuten suchen. Ist ein Jugendlicher unmittelbar selbstmordgefährdet und über ein Gespräch nicht mehr erreichbar, sollten Notarzt oder Polizei verständigt werden.

Ob Kindern, die unter Depressionen leiden, mit einer Frühwarn-App geholfen werden kann, das soll eine Pilotstudie untersuchen. Dafür werden allerdings mindestens 30.000 Euro benötigt. Einige Firmen und Privatförderer, etwa Eckart von Hirschhausen, sind als Schirmherren bereits im Boot, um noch bis 4. Februar 2018 Spenden einzuwerben. Infos: facebook.com/whatsappstudie

Spendenkonto:  Universität Tübingen, IBAN:DE13641500200000013004, BIC SOLADES1TUB, Verwendungszweck: 3139003501 Lüttke Spende Whats up Studie

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