Angehörige trauern um Opfer von Judenpogromen in Polen und der Ukraine, das Bild stammt von 1920. Foto: ullstein bild - Archiv Gerstenbe
© ullstein bild - Archiv Gerstenbe

Pogrome in Osteuropa nach 1918 Juden als Feindbild für alle

Stephan Lehnstaedt

In Osteuropa wurde die jüdische Bevölkerung nach 1918 Opfer massiver Gewaltexzesse. Sie wurde von Nationalisten und Bolschewiki gleichermaßen als Feind gesehen.

In Osteuropa endete der Erste Weltkrieg nicht 1918, sondern erst 1921, mit der Niederlage der antibolschewistischen Gegenrevolutionäre und dem Vertrag von Riga, der den Polnisch-Sowjetischen Krieg abschloss. Es war der ersehnte Frieden nach über sieben Jahren Kämpfen, die sich insbesondere nach 1918 gegen Zivilisten gerichtet hatten. Vor allem die jüdische Bevölkerung hatte eine bis dato ungekannte Welle antisemitischer Gewalt mit Plünderungen und Massenmord erlebt.

Die Russische Revolution war in dieser Hinsicht die entscheidende Zäsur. Vorher war es zwar immer wieder zu Pogromen gekommen, aber gerade die Mittelmächte hatten sich meist korrekt verhalten, Ausschreitungen verhindert und wichtige Schritte in Richtung Gleichberechtigung der Juden unternommen. Das änderte sich mit den Nationalbewegungen, die mit dem Zerfall der drei östlichen Imperien an die Macht gelangten. Sie träumten von ethnisch homogenen Staaten – in denen für die Juden kein Platz mehr war.

Vordenker wie Roman Dmowski in Polen formulierten diese Gedanken und begründeten schon vor 1918 einen Antisemitismus, der erstmals die angestammte christliche Judenfeindschaft mit kulturellen Vorurteilen verband. Das war noch nicht biologistisch-rassistisch gedacht wie später im nationalsozialistischen Deutschland, aber doch ein weiterer Schritt in Richtung eines radikalen Hasses: Den Juden wurden nun Eigenschaften zugeschrieben, die sie nicht mehr durch Taufe ablegen und ändern konnten.

Nationalisten jeglicher Couleur sprachen den Juden pauschal die Neutralität ab und verdächtigten sie, Anhänger ihrer Gegner zu sein. Angesichts der grassierenden ethnischen Gewalt schienen die Bolschewiki ein bemerkenswertes Versprechen zu machen, denn sie gaben sich bewusst internationalistisch und areligiös.

Auf dem Gebiet der heutigen Ukraine kam es zu fast 1200 Pogromen

Allerdings stellte sich bald heraus, dass höchstens ein gradueller Unterschied bestand. In Ostrołęka etwa ließen die Rotarmisten orthodoxe Juden am Sabbat die Straße fegen, in Białystok beschlagnahmten sie Räumlichkeiten und Geld der jüdischen Gemeinde – jeweils mit der Begründung, hier gegen Religion als grundsätzliches Feindbild der Kommunisten vorzugehen.

Auf dem Territorium der heutigen Ukraine, wo es in der kurzen Periode zwischen Dezember 1918 und Dezember 1919 zu 1182 Pogromen kam, begingen bolschewistische Truppen immerhin 106 davon, wie Oleg Budnitskii gezeigt hat. Damit lagen sie weit hinter den Einheiten der ukrainischen Nationalisten Symon Petljuras, die für 439 verantwortlich zeichneten, oder denen der russischen Konterrevolutionäre mit 213 Ausschreitungen.

Dennoch lässt sich wohl kaum von einer freundlichen Haltung der Roten Armee gegenüber Juden sprechen. Schätzungsweise 100.000 Juden wurden in den anhaltenden Kriegen in den Jahren nach 1917 ermordet und über eine halbe Million Opfer von Raub oder Zerstörung ihres Eigentums. Dazu kamen weitere 200.000 jüdische Hunger- und Seuchentote, die über 50.000 Waisen zurückließen – furchterregende Zahlen bei einer jüdischen Gesamtbevölkerung in der Ukraine von etwa 1,6 Millionen.

Fast alles erwies sich als nachteilig für die jüdischen Gemeinschaften

Beinahe jede Entwicklung in diesen Jahren erwies sich als nachteilig für die jüdischen Gemeinschaften Osteuropas. Aber der Kommunismus war letztendlich die größte Katastrophe von allen – in Form der blutigen Feindschaft, die ihm überall entgegenschlug. Denn zum national begründeten Antisemitismus trat ein weiteres wirkmächtiges Element hinzu: die Vorstellung von der Judäokommune, die Gleichsetzung von Bolschewiki und Juden. Einerseits entstand sie aus der Wahrnehmung, dass einige Anführer der Kommunisten, wie Leo Trotzki oder Leo Kamenew, jüdischer Herkunft waren. Andererseits beobachteten viele Osteuropäer jüdische Sympathie für den Sozialismus und den Einmarsch der Roten Armee.

Wie bei allen Vorurteilen handelte es sich auch hierbei um verzerrte und selektive Wahrnehmungen sowie deren unterschiedslose Zuschreibung an eine ganze Gruppe. Die Attraktivität des Kommunismus als internationaler, nicht religiöser Ideologie für Juden bestand gerade im Gegensatz zu den Nationalbewegungen, die die Juden ausschlossen.

Die meisten orthodoxen Juden interessierten sich nicht für Politik

Jedoch: Die allermeisten orthodoxen Juden interessierten sich überhaupt nicht für Politik, während umgekehrt bolschewistische Funktionäre mit jüdischen Wurzeln Religion als irrelevant betrachteten, weil sie sich bewusst einer atheistischen Bewegung angeschlossen hatten. Wegen ihrer zahlreichen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Spaltungen waren die osteuropäischen Juden außerdem weit davon entfernt, eine geschlossene, geschweige denn mächtige Gruppe mit einer Stimme zu bilden. Das Bemühen um Neutralität und die Suche nach Protektion waren Zeichen von Schwäche statt von Einfluss.

Doch nur wenige Osteuropäer waren für solche naheliegenden Erkenntnisse offen. Nüchterne Analysen, wie sie etwa für den polnischen Generalstab Anfang 1920 erstellt wurden, erlangten kaum Einfluss. Die Denkschrift warnte davor, den Kommunismus als „Arbeit einer Gruppe jüdischer Banditen“ zu verharmlosen. Man könne den Krieg gegen Russland nicht gewinnen, indem man den Feind herabwürdige, ihn als „Banditen“ identifiziere „oder ihn beschuldige, Juden zu sein“.

Es war eine zutreffende Betrachtung, die sich wie eine Kritik der zahlreichen antisemitischen Ausschreitungen auch von Polen liest. Doch in der Perspektive der Generäle waren nicht ermordete Juden das Problem, sondern der damit einhergehende moralische Verfall der Soldaten.

Jüdische Geschäfte und Wohnungen in Minsk werden überfallen

Exemplarisch stehen dafür Ereignisse in Minsk, das die Polen am 8. August 1919 erobert hatten. Kurz nach ihrem Einmarsch begannen erste Einheiten damit, jüdische Wohnungen und Geschäfte zu überfallen. Gegen Abend waren 32 Tote zu beklagen und das Rauben nach wie vor im Gange. General Stanisław Szeptycki schickte zum Schutz der Juden andere Truppen in die Stadt, die von ihren Kameraden beschossen wurden – es gab vier weitere Tote und neun Verletzte. Dieses Ereignis war auch der Grund für eine standgerichtliche Untersuchung gegen die eigene Truppe. Sechs Todesurteile wurden verhängt, obendrein stellte man keine Anzeichen für jüdische Angriffe auf polnische Soldaten, dafür aber 376 geplünderte Geschäfte fest, die fast alle Juden gehörten.

Antijüdische Gewalt blieb jedoch keineswegs auf neu eroberte oder befreite Territorien beschränkt. In Städten wie Dąbrowa, Wieluń, Busk, Kalisz und vielen weiteren gab es im Jahre 1919 Pogrome, obwohl die Front mehrere hundert Kilometer entfernt lag. Eine neue Untersuchung William Hagens geht von 279 antijüdischen Vorfällen mit etwa 500 Todesopfern aus.

[Der Autor ist Professor für Holocaust-Studien und Jüdische Studien am Touro College Berlin. Vor Kurzem erschien sein Buch „Der vergessene Sieg. Der Polnisch-Sowjetische Krieg 1919/1921 und die Entstehung des modernen Osteuropa“.]

Minderwertigkeitsgefühle aller Antisemiten

Im polnischen Kernland war nicht Rache für angeblichen Verrat oder bolschewistische Umtriebe die Ursache, sondern die Minderwertigkeitsgefühle aller Antisemiten: Die Bevölkerung sah sich selbst als Opfer, während sie die tatsächlichen Opfer als Profiteure einer neuen Gesellschaftsordnung wahrnahm. Mit den Pogromen sollten sie symbolisch auf ihre althergebrachte Stellung zurückverwiesen werden, weshalb die Gewalt öffentlich stattfand und als performativer Akt verstanden werden muss. Es war eine Art sadistisches Straßentheater, eine pseudokorrekte „Gerichtsverhandlung“ mit oft unter Folter erpressten Aussagen, bei der große Teile der Bevölkerung zusahen, ohne selbst aktiv zu werden.

Vergleichbare Gewaltexzesse gab es gegen Juden in den Jahren nach 1918 im übrigen Europa nicht. Aber im Westen des Kontinents wurden nicht in Bürgerkriegen neue Staaten gegründet, es fanden keine existenzbedrohenden Kämpfe zwischen Kommunisten und Nationalisten statt. So sind diese Pogrome einerseits ein territorial begrenztes Phänomen, andererseits zeitlich auf die Umbruchssituation begrenzt. Deswegen sind Erklärungsmuster angeblicher spezifisch osteuropäischer Geisteshaltungen wenig überzeugend. Der Antisemitismus stellte einen grenzüberschreitenden Konsens dar. Er wurde immer dann und dort lebensgefährlich für die Juden, wenn sie als Unterstützer oder Anführer verfeindeter Nationen oder Ideologien galten. Gut 15 Jahre später sollte das in Deutschland der Fall sein.

Zur Startseite