Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sollen nach wissenschaftlichen Maßstäben diagnostizieren und behandeln. Ärzte befürchten jedoch, das neue Studienfach könne das nicht gewährleisten und warnen vor einer "Mogelpackung". Foto: iStock
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Exklusiv Plan von Jens Spahn Streit um Psychotherapie als Studienfach

Der neue Studiengang soll modern sein und die Versorgung verbessern. Aber die Ärzteschaft lehnt die Reform ab – sie fürchtet Schaden für die Patienten.

In Deutschland sind jedes Jahr fast 28 Prozent der erwachsenen Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen. Mehr als eine Million gesetzlich versicherter Patienten nehmen pro Quartal ambulante psychotherapeutische Behandlung in Anspruch. Etwa ein Viertel der sie behandelnden Psychotherapeuten sind Ärzte, der Großteil aber sind psychologische Psychotherapeuten.

Psychologen dürfen diese Patienten überhaupt erst seit 20 Jahren – als das Psychotherapeutengesetz verabschiedet wurde – im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung psychotherapeutisch behandeln. Vorher war das in der Regel nur möglich, wenn ein Arzt sie zu einem Patienten delegierte. Eine ähnlich revolutionäre Reform steht nun der Psychotherapeutenausbildung bevor: Psychotherapie soll ein eigenes Studienfach werden.

Auch Pädagogen können Psychotherapeuten werden – noch

Bisher arbeiten verschiedene Berufsgruppen als Psychotherapeuten, was bei manchen Patienten zu Konfusion führt. Einerseits gibt es die Ärztlichen Psychotherapeuten. Sie haben Medizin studiert und danach einen entsprechenden Facharzt gemacht. Für sie ändert sich durch das neue Gesetz nichts. Wohl aber für alle ohne Medizinstudium: Wer derzeit nach dem fünfjährigen Psychologiestudium noch eine mindestens dreijährige Ausbildung zum Psychotherapeuten anschließt, darf sich Psychologischer Psychotherapeut nennen. Und auch Pädagogik-Studierenden stand bis jetzt der Psychotherapeuten-Weg offen. Sie können nach ihrem Studium die Weiterbildung zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten machen. Bis jetzt, denn das alles soll sich nun ändern.

Im Januar präsentierte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) einen Gesetzentwurf zur Reform der Psychotherapeutenausbildung. Seit Ende Februar liegt das Gesetz nun als Kabinettsentwurf vor (hier als PDF), der Minister drängt darauf, es noch dieses Jahr zu beschließen. Auch der Bundesrat muss zustimmen.

Der neue Ausbildungsweg sieht ein fünfjähriges Hochschulstudium vor, drei Jahre Bachelor, dann zwei Jahre Master, der mit der Staatsprüfung abschließt. Wer besteht, erhält die psychotherapeutische Approbation. Anschließend folgt eine Weiterbildung im ambulanten und stationären Bereich, während der die Absolventen schon Patienten behandeln. Die erbrachten Leistungen können von den Krankenkassen vergütet werden. Während der Weiterbildung erfolgt auch die Spezialisierung, etwa zum Fachpsychotherapeuten für Erwachsene oder für Kinder und Jugendliche. Außerdem legen die Absolventen sich erst dann auf ein psychotherapeutisches Verfahren fest, zum Beispiel die Verhaltenstherapie.

Die Studieninhalte sind bisher schwer vergleichbar

Große Zustimmung erntet das Vorhaben bei der Bundespsychotherapeutenkammer. "Wir begrüßen den Kabinettsentwurf, weil er dazu beiträgt, die aktuellen Probleme bei der Psychotherapeutenausbildung zu lösen", sagte Ernst Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, dem Tagesspiegel. Die Kammer hatte eine Reform seit Jahren angemahnt, auch weil der Zugang zur Ausbildung bisher nicht einheitlich geregelt war.

So können Studierende der Pädagogik bereits mit einem Bachelor die Ausbildung zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten machen. Für Psychologische Psychotherapeuten ist hingegen ein Master in Psychologie Voraussetzung. "Zusätzlich sind die Studieninhalte an den verschiedenen Hochschulen schwer vergleichbar, sodass man nicht weiß, ob überall die nötigen Voraussetzungen für die Psychotherapeutenausbildung vermittelt werden", sagt Munz.

Dies liege vor allem an der starken Autonomie der Hochschulen im Bachelor-Master-System. Das soll sich mit dem einheitlichen Studiengang nun ändern. Ergänzend dazu soll eine Approbationsordnung entwickelt werden, die die Inhalte des Studiums und der Staatsprüfung regelt. Die anschließende Weiterbildung soll Ländersache bleiben. Munz kündigt aber an, eine Musterweiterbildungsordnung zu erstellen, die von den Länderkammern umgesetzt werden soll.

Viele Absolventen arbeiten unter prekären Bedingungen

Außerdem soll das neue Gesetz erhebliche Verbesserungen für die Absolventen während der Weiterbildungszeit nach dem Studium bringen. Die Psychotherapeuten in Ausbildung (PiA) kritisieren die aktuellen Zustände seit Jahren. Die postgraduale Ausbildung zum Psychotherapeuten findet zumeist an privaten Ausbildungsinstituten statt. Zwar werden die ambulanten Behandlungen, die die PiA dort durchführen, von der Krankenkasse vergütet. Das reicht jedoch oft nicht, um die Ausbildungskosten zu decken.

Innerhalb der Ausbildung müssen die PiA auch ein Jahr Praktische Tätigkeit in einer psychiatrischen Klinik nachweisen. Während dieser Zeit haben sie lediglich den Status von Praktikanten ohne Anspruch auf Vergütung. Das führt zu der absurden Situation, dass studierte Psychologinnen und Psychologen regelmäßig in prekären Verhältnissen leben müssen, um die Ausbildungskosten von etwa 20.000 bis 50.000 Euro finanzieren zu können. "Das schafft man nur, wenn man Nebenjobs macht, einen Kredit aufnimmt oder Unterstützung von der Familie erhält", sagt Olga Dragunowa, PiA-Vertreterin der Psychotherapeutenkammer Berlin.

Wer jetzt ein Psychologiestudium beginnt, muss noch unter den alten Bedingungen studieren

Auch sie könnte ohne Nebenjob die 800 Euro, die ihre Ausbildung pro Monat kostet, nicht bezahlen. Denn für 26 Wochenstunden bekommt die 29-Jährige nur 350 Euro monatlich. Das soll sich mit dem neuen Gesetz ändern. Da Absolventen die Approbation direkt nach dem Studium erhalten, können sie erstmals sozialversicherungspflichtig beschäftigt und vergütet werden – ähnlich der Facharztweiterbildung bei Ärzten.

"Das ist zu begrüßen und längst überfällig", sagt Dragunowa. Doch das Gesetz geht den PiA noch nicht weit genug. "Wir fordern verbindliche Regelungen zur Bezahlung, sowohl in der stationären wie auch der ambulanten Weiterbildung." Außerdem gelten die Verbesserungen nur für jene, die das neue Psychotherapiestudium und die Weiterbildung nach der Verabschiedung des Gesetzes aufnehmen. Das heißt: Alle, die bereits ein Psychologiestudium aufgenommen haben oder bereits in der Weiterbildung zum Psychotherapeuten stecken, werden die Ausbildung noch unter den alten Konditionen zu Ende führen müssen. "Bedauerlicherweise findet sich im Gesetzentwurf keine Lösung, wie die Bedingungen der jetzigen PiA verbessert werden können", sagt auch Munz. Hier müsse nachgebessert werden, fordert der Psychotherapeut. Abgesehen davon, wertet er das Gesetz insgesamt als wichtigen Schritt bei der Angleichung der psychotherapeutischen an die ärztliche Ausbildung.

Die Ärztekammer sieht darin die Rückkehr ins Mittelalter

Harsche Kritik kommt hingegen aus der Ärzteschaft – unter anderem wegen der geplanten neuen Berufsbezeichnungen. Demnach dürften sich Absolventen des neuen Studiengangs Psychotherapeuten nennen, Fachärzte für Psychotherapie müssen sich als "ärztliche Psychotherapeuten" bezeichnen. Ärztekammer-Präsident Frank Ulrich Montgomery bezeichnet diese Regelung in einem Gastbeitrag fürs Deutsche Ärzteblatt als "Etikettenschwindel": "Das schlechter ausgebildete 'Produkt' bekommt die hübschere Verpackung."

Er kritisiert, dem Gesetzentwurf liege die falsche Annahme zugrunde, dass Psychotherapie als reine Behandlungstechnik erlernt und ausgeübt werden könne. "Das mutet an wie die Rückkehr zur Qualifizierung von (direkt ausgebildeten) Bader-Chirurgen oder Dentisten in der mittelalterlichen Ständegesellschaft", schrieb Montgomery über den Referentenentwurf aus dem Januar. In diesem hatte die Bundeärztekammer auch den vorgesehenen Plan eines Modellstudiengangs abgelehnt, der es Psychotherapeuten ermöglicht hätte, Medikamente zu verschreiben. Bisher ist das nur Ärzten vorbehalten. Im Kabinettsentwurf ist dieser Passus nun nicht mehr enthalten.

Zu diesem Kabinettsentwurf äußerte sich die Bundesärztekammer gegenüber dem Tagesspiegel nun erstmals. "Das allermeiste ist geblieben oder wurde verschlimmbessert", sagt Heidrun Gitter, Präsidentin der Ärztekammer Bremen und Vorstandsbeauftragte für Ärztliche Psychotherapie bei der Bundesärztekammer. "Es fehlt ein Praktisches Jahr, wie es das im Medizinstudium gibt, oder zumindest ein Praxissemester." Sie prognostiziert, dass das Psychotherapiestudium nach dem aktuellen Entwurf die Absolventen nicht zur Patientenversorgung befähigen wird. "Die Approbation ist nichts wert", sagt Gitter. Weiterhin befürchtet sie, dass durch die schwache Verankerung des "Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie" auch Psychotherapieverfahren gelehrt werden könnten, die nicht wissenschaftlich begründet sind.

Das neue Studium soll 2020 starten

Diese Kritik weist Ernst Dietrich Munz zurück. "Wir wollen Psychotherapie auf höchstem wissenschaftlichen Niveau und nach einer entsprechenden Weiterbildung anbieten." Auch die Sorge um die Patientensicherheit könne er nicht nachvollziehen. Diese sei bei Psychotherapeuten durch ihre umfassende Ausbildung heute auf hohem Niveau gesichert, die Reform ändere daran nichts. In einem offenen Brief an Montgomery betont Munz weiterhin die Notwendigkeit der Kooperation zwischen Ärzten und Psychotherapeuten.

Nach aktuellem Stand soll der neue Studiengang Psychotherapie erstmals zum Wintersemester 2020 angeboten werden. Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) rechnet mit jährlich 2500 Absolventen. "Diese Zahl wird von Ländern und Psychotherapeutenschaft als ausreichend angesehen, um die psychotherapeutische Versorgung sicherzustellen", heißt es beim BMG. Munz erwartet nicht, dass sich durch die Reform die Wartezeiten auf einen Psychotherapieplatz reduzieren werden. Aber das sei auch nicht das Ziel, sondern die Ausbildung zu vereinheitlichen und dem aktuellen wissenschaftlichen Stand anzupassen.

Ob das Vorhaben gelingt und ob von der Reform letztlich auch die vielen Millionen Patienten profitieren, bleibt abzuwarten. Angesichts der ablehnenden Haltung der Ärzteschaft dürfte das letzte Wort darüber, wie die Psychotherapeuten der Zukunft ausgebildet werden, noch nicht gesprochen sein.

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