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An einer Schultafel hängen Zettel mit Begriffen wie Gestik, Streit, Diskussion oder Körpersprache. Foto: Thilo Rückeis
© Thilo Rückeis

Plädoyer für eine Humanistische Hochschule Forschen und Lehren nach den universellen Prinzipien der Humanität

Julian Nida-Rümelin

Eine Frage der Gleichbehandlung von Weltanschauungsgemeinschaften: Die Gründung einer Humanistischen Hochschule in Berlin ist überfällig. Ein Gastkommentar.

Julian Nida-Rümelin ist seit Februar dieses Jahres Hochschulratsvorsitzender der in Gründung befindlichen Humanistischen Hochschule Berlin. Nida-Rümelin ist stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Ethikrats, war bis 2020 Inhaber des Lehrstuhls für Philosophie und politische Theorie an der Ludwig- Maximilians-Universität München und übte im ersten Kabinett Schröder das Amt des Kulturstaatsministers aus.

In Deutschland ist die Bildung einschließlich des sogenannten „tertiären Bereichs“, also der Hochschulbildung, ganz überwiegend in staatlicher Verantwortung und Trägerschaft. Das ist auch gut so. Private Schulen und Hochschulen unterstehen, anders als zum Beispiel in den USA, der staatlichen Kontrolle und müssen sich an staatlichen Vorgaben orientieren.

Im Zuge der Bologna-Reform wurden die Gestaltungsspielräume für die Hochschulen generell deutlich erweitert, statt Ministerialbeamten sind nun Hochschulräte für die Steuerung verantwortlich, zugleich aber setzt der Staat und – da in Deutschland Bildung Ländersache ist – das jeweilige Land Standards und stellt die Mittel zur Verfügung.

Neben staatlichen Hochschulen gibt es in Deutschland auch Hochschulen in privater oder öffentlich-rechtlicher Trägerschaft, auch Stiftungshochschulen. Auch diese müssen sich bei ihren Abschlüssen und Genehmigungsverfahren an staatlichen Vorgaben orientieren, können aber darüber hinaus eigene aus der spezifischen Trägerschaft sich ergebende inhaltliche Akzente setzen.

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Eine große Tradition haben dabei Hochschulen in kirchlicher Trägerschaft. Diese verstehen sich als Mittler zwischen Kirche und Gesellschaft. Sie können bei ihren Berufungen auf die religiöse Ausrichtung der Einrichtung Rücksicht nehmen und dieser in der Gestaltung der Lehrinhalte besonderes Gewicht geben.

Nur noch die Hälfte der Bevölkerung ist christlich

Bis vor wenigen Jahren zeichnete sich eine Drittelung der Bevölkerung in Deutschland ab: ein Drittel evangelisch, ein Drittel katholisch, ein Drittel nicht-religiös oder anderen nicht-christlichen Religionen zugehörig. Unterdessen geht der Trend, wenn man Umfragen glauben darf, eher dahin, dass sich nur noch etwa die Hälfte der Bevölkerung aus Mitgliedern einer christlichen Religionsgemeinschaft und die andere Hälfte sich aus areligiösen und anderen Religionsgemeinschaften, insbesondere Muslimen und Juden, zusammensetzt.

Nida-Rümelin sitzt als Gast in einer Talkshow. Foto: imago images/Jürgen Heinrich Vergrößern
Julian Nida-Rümelin war bis 2020 Professor für Philosophie und politische Theorie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. © imago images/Jürgen Heinrich

Die Areligiösen bilden in dieser Hälfte die Mehrheit. Nach der Umfrage von Statista bezeichnen sich lediglich 38 Prozent der über 18-jährigen in Deutschland lebenden Menschen als gläubig. Nicht alle, aber sehr viele, der sich als nicht-religiös bezeichnenden Menschen fühlen sich einer humanistischen Weltanschauung verbunden, das heißt, sie sind nicht der Auffassung, dass eine humane Praxis moralische Verpflichtungen und Werte an eine spezifische Religion gebunden sind, sondern sich auf universelle Prinzipien der Humanität berufen können.

Diese säkularen Humanisten sind nur zu einem kleineren Teil in Gemeinschaften organisiert und sie sind in der politischen Praxis im vorpolitischen Raum, in den Bildungsinstitutionen und in der gesellschaftlichen Wahrnehmung unterrepräsentiert. Der Humanistische Verband Berlin-Brandenburg ist ein besonders aktiver und erfolgreicher Teil der säkular-humanistischen Aktivitäten. Er verfolgt das Ziel, eine humanistische Hochschule in Berlin zu gründen.

Zur Gleichbehandlung verpflichtet

Ich unterstütze dieses Ziel, weil es längst überfällig ist, dass wir eine Gleichbehandlung realisieren, die in unserer Verfassung vorgegeben ist. Demnach ist Deutschland kein laizistischer Staat, aber ein weltanschaulich neutraler Staat, der verpflichtet ist, religiöse und Weltanschauungsgemeinschaften gleich zu behandeln.

Bis heute sind wir davon weit entfernt. Allerdings ist die Situation in den Bundesländern sehr unterschiedlich und Berlin ist in dieser Hinsicht schon heute am weitesten fortgeschritten. Die Gründung einer humanistischen Hochschule würde diesen Weg in die Gleichbehandlung überzeugend fortführen.

Das Ziel einer solchen Hochschule sollte neben der Ausbildung von Sozialer Arbeit, Angewandter Ethik und Humanistischer Lebenskunde auch die internationale Kooperation in Forschung und Lehre sein, was die Perspektive einer international ausgerichteten Universität einschließt. Ich bin jedenfalls bereit, mich für dieses Ziel einzusetzen, und hoffe sehr, dass es vom Berliner Senat unterstützt wird.

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