Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Corona-Impfstoff von Astrazeneca in einer Klinik in Indien Foto: AFP/Prakash Mathema
© AFP/Prakash Mathema

Update Pharmakonzern kontert im Impfstoff-Streit Astrazeneca wirft EU zu späte Bestellung vor – findet Krisentreffen doch statt?

Nur 31 statt 80 Millionen Dosen bis Ende März für die EU: In Brüssel ist man sauer auf Astrazeneca. Unklar ist, wann es ein Krisentreffen gibt.

Die ausbleibenden Impfstoff-Lieferungen des Unternehmens Astrazeneca lösen immer weitere Turbulenzen aus. Verwirrung gab es um ein Krisentreffen der Europäischen Union mit Astrazeneca am Mittwoch. Astrazeneca habe abgesagt, hieß es zunächst aus EU-Kreisen in Brüssel. Der Konzern widersprach. Ein Treffen mit der EU werde später am Tag stattfinden, sagte ein Sprecher.

Astrazeneca-Chef Pascal Soriot wies am Dienstagabend den Verdacht zurück, sein Unternehmen liefere eigentlich für die EU bestimmte Impfdosen an andere Länder.

Astrazeneca verkaufe das Vakzin „nicht anderswo für Profit“, versicherte Soriot in einem am Dienstagabend veröffentlichten Interview mit einem Verbund europäischer Zeitungen, zu dem das deutsche Blatt „Welt“ gehört.

Astrazeneca habe seinen Impfstoff gemeinnützig entwickelt, „wir verdienen damit kein Geld“, betonte der Unternehmenschef. Er fügte hinzu: „Ich denke, wir behandeln Europa wirklich fair.“

[Alle aktuellen Entwicklungen in Folge der Coronavirus-Pandemie finden Sie hier in unserem Newsblog. Über die Entwicklungen speziell in Berlin halten wir Sie an dieser Stelle auf dem Laufenden.]

Hintergrund des Streits mit der EU ist die Ankündigung der Pharmafirma, nach der für diese Woche erwarteten Zulassung zunächst weniger Impfstoff zu liefern als vereinbart. Statt 80 Millionen Impfdosen sollen nach EU-Angaben bis Ende März nur 31 Millionen ankommen. Den angegebenen Grund – Probleme in der Lieferkette – will die EU nicht gelten lassen. Sie fordert Vertragstreue.

In der EU-Kommission gibt es einen Verdacht: Engpässe bei der Belieferung der Europäischen Union mit dem Astrazeneca-Vakzin könnten darauf zurückzuführen sein, dass der britisch-schwedische Hersteller Großbritannien und andere Nicht-EU-Länder mit ungekürzten Mengen des Impfstoffs beliefert.

Soriot sagte: „Wir sind in Europa jetzt zwei Monate hinter unserem ursprünglichen Plan.“ Man habe auch Anfangsprobleme in Großbritannien gehabt. „Aber der Vertrag mit den Briten wurde drei Monate vor dem mit Brüssel geschlossen. Wir hatten dort drei Monate mehr Zeit, um Pannen zu beheben.“

Sein Unternehmen sei vertraglich nicht zur Lieferung bestimmter Mengen Impfstoff verpflichtet. Brüssel wollte nach seinen Worten mehr oder weniger zum selben Zeitpunkt beliefert werden wie die Briten – obwohl diese drei Monate früher unterzeichnet hätten. „Darum haben wir zugesagt, es zu versuchen, uns aber nicht vertraglich verpflichtet.“

[Alle wichtigen Updates des Tages zum Coronavirus finden Sie im kostenlosen Tagesspiegel-Newsletter Fragen des Tages. Dazu die wichtigsten Nachrichten, Leseempfehlungen und Debatten. Zur Anmeldung geht es hier. ]

Astrazeneca hatte bei zwei Treffen mit der EU-Kommission und den Mitgliedstaaten am Montag Brüssel zufolge nicht ausreichend erklären können, wie es zu den Lieferengpässen gekommen ist. Daher hatte die EU-Kommission Vertreter des Konzerns eigentlich für Mittwoch ab 18.30 Uhr zur Krisensitzung mit Experten der EU-Staaten geladen – bis die Absage des Konzerns kam.

Dem Portal „Business Insider“ zufolge teilte Astrazeneca den 27 Mitgliedstaaten am 22. Januar in einer Videoschalte mit, dass die Impfstoff-Lieferungen im ersten Quartal 2021 deutlich niedriger ausfallen würden. Demnach wird Astrazeneca nur 60 Prozent der vertraglich vereinbarten Anzahl liefern, für Deutschland wären das jeweils knapp 3,3 Millionen Impfdosen im Februar und März, so das Portal.

„Das steht im Widerspruch zu Verpflichtungen und Zusagen von Astrazeneca auf Basis des APA (Advanced Purchase Agreement) vom August sowie den Astrazeneca übermittelten verbindlichen Bestellungen der Mitgliedstaaten“, zitiert „Business Insider“ aus einem Papier der EU-Kommission. Astrazeneca habe seit August Zeit gehabt, die Liefermengen vorzuproduzieren, es seien vonseiten der EU-Staaten „Vorauszahlungen im dreistelligen Millionenbereich“ geflossen: „Hunderte Millionen Euro der Astrazeneca für die Vorproduktion (‚Fertigung auf Risiko‘) zugebilligten Mittel sind bereits durch das Unternehmen abgerufen worden.“

Dem Portal zufolge soll es konkrete Forderungen an Astrazeneca geben. Demnach soll der Konzern bis spätestens zum 29. Januar Auskunft zu den Lieferengpässen erteilen, zudem verlange Brüssel Einsicht in die Produktionsdaten. Außerdem müsse das Unternehmen seine Lieferungen für das erste Quartal 2021 deutlich nachbessern.

Die Brüsseler Behörde steht selbst in der Kritik, weil Impfstoff in der EU knapp ist und bisher prozentual weit weniger Menschen immunisiert wurden als etwa in Großbritannien oder Israel. Das liegt zum Teil daran, dass die Mittel in der EU eine Marktzulassung statt nur einer Notfallzulassung bekommen sollen, was länger dauert. So hat die Impfkampagne später begonnen. Inzwischen sind Vakzine von Biontech/Pfizer und Moderna zugelassen. Astrazeneca wäre Nummer drei. Doch ausgerechnet dieser Konzern kündigte Lieferengpässe an.

Die EU hatte schon im August bis zu 400 Millionen Impfdosen von Astrazeneca bestellt und nach eigenen Angaben 336 Millionen Euro für Entwicklung und Fertigung vorgestreckt. Nach Darstellung der EU-Kommission hätte Astrazeneca seit Oktober auf Halde produzieren müssen, damit der Impfstoff sofort nach der Zulassung in der EU bereitsteht.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagte der „Rheinischen Post“: „Die EU hat relativ spät zu wenig Impfstoff eingekauft. Die massive EU-Kritik an Astrazeneca und anderen Herstellern ist daher nicht ganz gerecht.“

Astrazeneca will nun das japanische Biotechnologieunternehmen JCR Pharmaceutical bitten, rund 90 Millionen Dosen seines Corona-Impfstoffes herzustellen. So sollten weltweit Engpässe bei der Produktion vermieden werden, berichtet die japanische Zeitung „Nikkei“. Japan hatte im Dezember einen Vertrag mit Astrazeneca über den Kauf von 120 Millionen Dosen unterzeichnet.

[Wenn Sie aktuelle Nachrichten aus Berlin, Deutschland und der Welt live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Diskussion um Wirksamkeit bei Älteren

Fragezeichen gibt es auch noch, ob der Astrazeneca-Impfstoff für ältere Menschen zugelassen wird. Experten der EU-Arzneimittelagentur Ema prüfen derzeit die Daten der klinischen Tests und werden voraussichtlich am Freitag eine Zulassungsempfehlung abgeben. Ema-Chefin Emer Cooke schloss am Dienstag nicht aus, dass diese auf bestimmte Altersgruppen begrenzt werden könnte. Sie wolle den Experten aber nicht vorgreifen.

Hintergrund waren Berichte, wonach der Astrazeneca-Impfstoff bei Älteren womöglich schlechter wirke als bei Jüngeren. Cooke bestätigte, dass bei dem Mittel nur wenige Testdaten für ältere Menschen vorlägen. Die Behörde erhalte für das laufende Zulassungsverfahren aber immer noch neue Daten vom Hersteller. Diese trügen dazu bei, die Leistung des Impfstoffs besser einzuschätzen, sagte Cooke.

Berichte deutscher Medien, bei dem Astrazeneca-Vakzin werde nur mit einer Wirksamkeit von acht Prozent bei den über 65-Jährigen gerechnet, wies Konzernchef Soriot zurück: „Wie kann man annehmen, dass Prüfbehörden rund um den Globus ein Mittel zulassen, das nur acht Prozent Wirksamkeit hat?“

Auch das Bundesgesundheitsministerium hatte am Dienstag die Berichte über eine geringere Wirksamkeit des Astrazeneca-Präparats bei Senioren dementiert. Es sprach von einer möglichen Verwechslung von Zahlen. Aus den genannten Daten lasse sich keine geringe Wirksamkeit bei Älteren herleiten, erklärte das Ministerium. Bekannt sei aber „seit dem Herbst, dass in den ersten eingereichten Studien von Astrazeneca weniger Ältere beteiligt waren als bei den Studien anderer Hersteller“. (AFP, dpa, Reuters)

Zur Startseite