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Nachlassender Impfwille in den USA: Eine Frau läuft an einem Mitarbeiter vorbei, der auf ein Impfzentrum aufmerksam macht. Foto: Frederic Brown/AFP
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Ohne Maske trotz Delta-Variante? Die USA zeigen, wie sich eine stagnierende Impfquote auswirkt

Wichtige Corona-Kennzahlen steigen rapide an, weil die US-Impfkampagne stottert. Die Bevölkerung ist gespalten bei der Frage, wie zu reagieren ist.

In den ersten Monaten der Amtszeit von Präsident Joe Biden schritt die Impfkampagne gegen das Coronavirus in den USA rapide voran. Die Staaten konnten sich zeitweise sogar mit den Vorreitern Israel und Großbritannien messen. Seit einigen Wochen ebbt das Impftempo allerdings ab – und nun steigen die Corona-Kennzahlen wieder deutlich an.

Innerhalb einer Woche stieg Tagesspiegel-Zahlen zufolge nicht nur die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner von 42 auf 69 an. 38 von 50 US-Bundesstaaten verzeichnen sogar einen Anstieg von mehr als 50 Prozent in sieben Tagen. Lediglich in Montana bleibt die Zahl der Neuinfektionen auf einem stabilen Niveau. Allerdings wird die Sieben-Tage-Inzidenz von Experten derzeit aufgrund der steigenden Impfquoten als nicht mehr aussagekräftig beschrieben.

Sehr wohl aber die Krankenhauseinweisungen: Und diese nahmen innerhalb einer Woche ebenfalls stark zu, um mehr als ein Drittel auf mehr als 18.000 pro Woche. Die Zahl der Corona-Intensivpatienten stieg laut Daten der Statistik-Webseite Our World in Data vom Jahrestiefstwert von 3600 Anfang Juli bis auf zuletzt mehr als 5600 an. Und das auch in den Staaten, in denen die Impfkampagne weit fortgeschritten ist.

„Das bedeutet, dass wir noch immer nicht genügend geimpft haben und Geimpfte weiterhin zum Infektionsgeschehen beitragen – deshalb brauchen wir weiterhin die Masken, um die Schwächeren zu schützen“, schreibt der Epidemiologe Eric Feigl-Ding, der Mitglied im Verband amerikanischer Wissenschaftler (FAS) ist, auf Twitter.

Weiter warnt er: „Es wird nur noch schlimmer. Die USA ist noch nicht einmal komplett von der Delta-Variante durchseucht wie Großbritannien und Israel.“ In den ländlichen Gegenden des Landes gebe es zunehmend Infektionen bei Kindern, so Feigl-Ding. Er kritisiert, dass die US-Gesundheitsbehörde CDC die Delta-Variante zu spät als besorgniserregend eingestuft hat.

Der Appell von Feigl-Ding, dass Masken weiterhin nötig sind, kommt nicht von ungefähr. Die Maskenpflicht ist mancherorts in den USA schon seit Mai für vollständig Geimpfte weitgehend aufgehoben. Mit diesem Zugeständnis wollte die US-Regierung schon vor zwei Monaten mehr Menschen dazu bewegen, sich doch impfen zu lassen.

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Allerdings nehmen einige Gemeinden dieses Zugeständnis nun wieder zurück. In der Gemeinde Los Angeles beispielsweise müssen die Menschen seit Samstag unabhängig vom Impfstatus in Innenräumen wieder eine Maske tragen müssen. „Ich bin nicht froh darüber, dass wir zurückgehen müssen zur Maskenpflicht, aber es wird Leben retten“, sagte die Vorsitzende des Aufsichtsrats in der Gemeinde Los Angeles, Hilda Solis, zu ABC.

„Wenn wir uns die vergangenen sieben Tage anschauen, da hat sich offensichtlich eine Menge verändert.“ Für Solis ist der Anstieg der Infektionszahlen „sehr beunruhigend“. In Los Angeles stellt sich der Anstieg noch gravierender dar als im Bundesdurchschnitt. Die mehr als 1000 neuen Fälle pro Tag sind der „New York Times“ zufolge ein Plus von 279 Prozent im Vergleich zu vor zwei Wochen. Die Klinikeinweisungen nahmen in diesem Zeitraum um 27 Prozent zu.

Wie zerrissen das Land in der Masken-Frage ist, zeigt sich an der Reaktion des Polizeichefs von Los Angeles auf die Wiedereinführung der Maskenpflicht. Er kündigte laut „New York Times“ an, dass seine Polizisten die Vorgabe nicht durchsetzen werden. „Die geimpften und genesenen Menschen dazu zu zwingen, in Innenräumen Masken zu tragen, ist nicht durch die Wissenschaft gestützt“, sagte Alex Villanueva.

Die Gesundheitsbehörde von Los Angeles teilte zwar mit, dass sie gegen Geschäfte und Unternehmen, die sich nicht an die Maskenpflicht halten, auch selbst vorgehen könne. Allerdings sagte eine Sprecherin, dass der Fokus darauf liege, die Menschen zu informieren.

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Noch eindrücklicher als das Beispiel aus Los Angeles zeigt ein Beispiel aus der Gemeinde Howell County in Missouri, weshalb die USA derzeit wieder Schwierigkeiten hat, die Corona-Zahlen unter Kontrolle zu halten. Dass in ländlichen Gegenden das Verständnis für anhaltende Einschränkungen gering ist und der Nutzen von Impfungen bezweifelt wird, ist bereits länger bekannt. Allerdings nicht in diesem Ausmaß.

Die Moderatorin der nach ihr benannten „Rachel Maddow show“ auf MSNBC berichtete in der vergangenen Woche von einem auf Facebook geposteten öffentlichen Appell des Ozarks Health Care in Howell County, den ein Zuschauer dem TV-Sender geschickt hatte. In diesem Appell, so Maddow, habe das Krankenhaus die Menschen förmlich angefleht, sich impfen zu lassen, aber auch Verständnis für Menschen gezeigt, die sich dagegen entscheiden – oder zumindest besorgt seien, beim Impftermin gesehen zu werden.

„Für manche kann geimpft zu werden bedeuten, Freundschaften zu verlieren“

Denn in der Gemeinde Howell County ist es so, dass Impfskeptiker nicht nur indirekt, sondern direkt Einfluss auf solche Menschen nehmen, die sich impfen lassen wollen. Deshalb ermöglicht es die Gesundheitsbehörde in Howell County nun, sich heimlich impfen zu lassen. Das Krankenhaus schrieb auf Facebook: „Wir verstehen, dass das Impfen eine persönliche Entscheidung ist. Sich dafür zu entscheiden, ist in ein schlechtes Licht gerückt worden. Für manche kann geimpft zu werden bedeuten, Freundschaften zu verlieren.“ Deshalb die ungewöhnliche Aktion.

Die US-Regierung macht unter anderem Fehlinformationen über die Corona-Impfung in sozialen Netzwerken dafür verantwortlich, dass viele Menschen sich nicht impfen lassen wollen. Präsident Biden sagte zuletzt sogar drastisch: „Sie bringen Menschen um.“ Zuvor hatte die Chefin des US-Gesundheitsbehörde CDC, Rochelle Walensky, aufgrund der steigenden Neuinfektionszahlen vor einer „Pandemie der Ungeimpften“ gewarnt.

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Die Impfskeptiker bekommen auch vom reichweitenstraken TV-Sender Fox News Unterstützung. Regelmäßig macht Moderator Tucker Carlson keinen Hehl daraus, dass er den Corona-Impfstoffen nicht traut. Ob es nun wirklich seine Meinung ist oder der rechtsgerichtete Sender damit nur sein extrem konservatives Klientel bedienen will, ist unklar.

Auch in der Politik gibt es notorische Skeptiker, wie beispielsweise die republikanischen Senatoren Ron Johnson aus Wisconsin und Rand Paul aus Kentucky. Ihnen tritt das gemäßigte republikanische Lager mittlerweile immer häufiger entgegen, um die Impfkampagne nicht zu gefährden – und um nicht den Eindruck zu erwecken, Politiker wie Johnson und Paul würden für die republikanische Partei sprechen.

„Wir kontrollieren die Darstellungen der konservativen Medien nicht, so weit ich weiß“, sagte der republikanische Senator aus Utah, Mitt Romney. „Ich denke, es ist ein großer Fehler jedes Einzelnen anzunehmen, dass wir den Impfstoff nicht annehmen sollten“, so Romney. „Die Politisierung der Impfung ist ein Skandal und, ehrlich gesagt, schwachsinnig.“

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