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Meles meles, der Europäische Dachs, lebt und gräbt dort, wo heute Pisede liegt, seit Jahrtausenden. Foto: imago images/R. Kistowski/wunder
© imago images/R. Kistowski/wunder

Ökologie-Rekonstruktion seit der letzten Eiszeit Einbruch in der vielleicht ältesten noch bewohnten Behausung der Welt

Roland Schulz

Ein Dach für Dachse: Bei Malchin liegt ein extrem in die Jahre gekommenes Bauwerk. Jetzt wird es, nach 50 Jahren Pause, erneut erforscht.

Es ist schon ein halbes Jahrhundert her. Bei mehreren Grabungskampagnen von 1968 bis 1971 waren rund 50 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von Paläontologie über Biologen bis Archäologie sowie Studenten beteiligt. Sie siebten. Aus Dachsröhren bei Pisede in der Mecklenburgischen Schweiz kamen dabei mehrere hunderttausend Knochen ans Licht. Die konnten dann teilweise bis auf Artebene bestimmt werden.

Diese außergewöhnliche Anzahl von Wirbeltierknochen in einem kleinen Areal gilt als einzigartig in Europa. Unzählige Dachsgenerationen haben ihre Beute über Jahrtausende in den Bau geschleppt. Jetzt wird der Bau erneut untersucht.

Kröten, Schlangen, Mäuse

Paläontologen konnten seinerzeit bereits 64 Wirbeltierarten nachweisen, einige davon mit enormen Individuenzahlen. So identifizierten sie rund 160 000 einzelne Amphibien, darunter 83 096 Erdkröten sowie etwa 17 000 Individuen von Nagetieren, die meisten davon Feld- und Erdmäuse. All das landete im Archiv des Berliner Naturkundemuseums. Dort lagerte das meiste aber bald fast so vergraben wie zuvor.

2018, exakt zum 50jährigen Jubiläum der ersten Grabung, war es im Sand nahe Malchin wieder soweit. Johannes Müller vom Berliner Museum für Naturkunde sagt, der Förderverein des Naturkundemuseums habe für finanziellen Mittel gesorgt, „um nochmals Profile der Dachsröhren abzuziehen und neue Proben zu nehmen“. Vor einem halben Jahrhundert gestatteten die Untersuchungsmethoden es nicht, das Alter der Knochen von Säugetieren, Fischen, Vögeln, Reptilien und Amphibien auch nur annähernd zu datieren. Heute dagegen, sagt Müller „können wir dies mittels der C-14-Methode an Knochen.“ Aus Fundknochen sei es zudem möglich DNA für weitere Untersuchungen zu extrahieren.“ Derzeit laufen die Analysen in den USA.

In Sand gebaut. Die Wohnung der Piseder Dachse in einer historischen Aufnahme von vor mehr als 50 Jahren. W.D. Heinrich Vergrößern
In Sand gebaut. Die Wohnung der Piseder Dachse in einer historischen Aufnahme von vor mehr als 50 Jahren. © W.D. Heinrich

Bei den jüngsten Grabungen interessierten sich die Forscher speziell für die Sandschichten der Dachsröhren. Über deren Altersbestimmung soll ein möglichst exaktes Alter der dort eingebetteten Lurche und Kriechtiere abgeleitet werden. Hierfür sind die Untersuchungen per „optisch stimulierter Lumineszenz“ am Institut für Geographie und Geologie der Uni Greifswald entscheidend. Das dortige Team um Michael Kenzler bestimmt damit das Alter dieser Sedimente. Die Forscher ermitteln hier den letzten Zeitraum, zu dem Licht auf einen Partikel aus Quarz oder Feldspat gefallen sein kann.

Ziesel, Lemminge

Erst danach konnten diese Partikel – etwa ein Sandkorn – durch andere Sedimente überdeckt werden. Das Mindestalter der ältesten Sedimente schätzt Müller auf rund 14 000 bis 15 000 Jahre. In den Jahrhunderten zuvor können die Dachse nicht gegraben haben, denn es lag Eis über dem Land. Wann Dachse nach dem Rückzug der Gletscher hier aber zu leben begannen, ist auch noch nicht klar.

Die ersten Ergebnisse, die schon jetzt vorliegen, sind teilweise überraschend. Die ältesten Knochen etwa stammen aus der späten Weichseleiszeit. Die Gletscher waren also gerade erst im Rückzug. „Sie sind mindestens 13 000 Jahre alt“, sagt Müller.

Es sind Knochen von Zieseln oder Lemmingen, deren Nachfahren heute in Skandinavien und Grönland leben. Die ebenfalls identifizierten Knochen von Äskulapnattern werden auf 4000 bis 6000 Jahre geschätzt. „Die Schlangen müssen während des holozänen Klimaoptimums eingewandert sein, aber noch ist das Alter nicht exakt datiert“, sagt der Evolutionsbiologe.

Ihn faszinieren die Möglichkeiten neuer Untersuchungsmethoden, um sich etwa der Frage zu widmen, wie sich die nacheiszeitlichen Klimaschwankungen auf die Ökosysteme, die spezifischen Artenzusammensetzungen sowie deren Ausbreitung ausgewirkt haben. Konkret etwa ist völlig offen, ob die Wiederbesiedlung der nacheiszeitlichen Landschaft mit Lurchen aus dem südwestlich gelegenen Elsass oder dem südöstlichen Donauraum erfolgte.

DNA- und C-14-Analysen sind zentral, doch sie bedeuten auch, dass dafür Teile der Fundstücke verloren gehen: „Da müssen wir genau überlegen, welche Knochen wir opfern.“ Von Grasfröschen aber wurden tausende Knochen gefunden. „Sie kommen auch heute überall in Deutschland vor, und selbst während der letzten Eiszeit können sie in einigen eisfreien Flächen überlebt haben.“ Der südliche Gletscherrand habe damals etwas südlich von Berlin gelegen.

Ewiger Familiensitz - oder jede Menge Nachmieter?

Diese Tiere kämen auch heute mit kalten Temperaturen und kurzen Vegetationsperioden zurecht. „Hier interessiert uns, wie diese Froschart mit den unterschiedlichen Klimabedingungen umging, wie sich ihre Areale verschoben haben.“ Ebenso wichtig sei die Frage, ob und wie sich die Piseder Dachse verändert haben. „Sind das dieselben Dachse, ist das eine genetische Linie, hat sozusagen der Ur-Ur-Uropa vor 10 000 Jahren hier gelebt – oder sind es völlig verschiedene Populationen?“ Müller würde all das gerne wissen – nicht zuletzt, weil es auch Rückschlüsse auf Reaktionen von Tieren auf Klimaveränderungen der Gegenwart zulassen könnte.

Splitter. Dass Dachse kräftige Klauen und Kiefer haben, ist bekannt. So manches Beutetier bekam diese über die Jahrtausende zu spüren – und das war dann meist auch das letzte Gefühl ihres irdischen Daseins. Entsprechend klein sind die meisten Funde aus dem Tunnelsystem von Pisede. Aber dafür sind es dann auch besonders viele. Foto: Andreas Lemcke Vergrößern
Splitter. Dass Dachse kräftige Klauen und Kiefer haben, ist bekannt. So manches Beutetier bekam diese über die Jahrtausende zu spüren – und das war dann meist auch das letzte Gefühl ihres irdischen Daseins. Entsprechend klein sind die meisten Funde aus dem Tunnelsystem von Pisede. Aber dafür sind es dann auch besonders viele. © Foto: Andreas Lemcke

Die Vorarbeiten des Teams um den Grabungsleiter Wolf-Dieter Heinrich vor 50 Jahren erweisen sich hier als Geschenk. Der damalige Kurator der paläontologischen Wirbeltiersammlung am Museum für Naturkunde in Berlin und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hätten sehr akkurat gearbeitet, sagt Andreas Lemcke, Vorsitzender des Fördervereins Naturkundemuseum. Er erinnert an den Museumsbrand 1982, in dem die schriftliche Grabungsdokumentation weitgehend zerstört wurde. „Außer drei großen wissenschaftlichen Publikationen, einigen Fotos und dem Grabungstagebuch von Dr. Heinrich war alles verloren.“ Vor allem Letzteres ist nun zusammen mit den hunderttausenden Knochenfunden die Basis für neue Auswertungen.

Birkhuhn, Wachtel, Sumpfhuhn

Lemcke ist voll des Lobes für Heinrich und sein Team: „Im Grabungsraster von ein Mal ein Metern sowie Detailschnitten von zehn Mal zehn Zentimetern haben sie vor einem halben Jahrhundert feinste Unterschiede im Boden der Dachsbauten aufgenommen, um diese zu einem gigantischen 3-D-Bild zusammenzufügen.“ Er nennt es eine „mit Hand gezeichnete Tomografie des Bausystems“.

Diese liefert die Grundlage wichtiger Schlussfolgerungen. Hühnervögel wie Auer- und Birkhuhn sowie Wachtel und Kleines Sumpfhuhn „haben im sechsten Jahrhundert mit der Besiedelung der Region durch Slawen rapide abgenommen, fünf Jahrhunderte später waren sie komplett ausgestorben.“ Derlei ist mehr als nur ein Indiz, dass Jäger Tierarten schon damals ausgerottet haben. Oder die zahlreichen Fischgräten im Bau, die bis zu 10 700 Jahre alt sein können: „Haben sich die Dachse dabei an den Abfällen unter Horsten von Fisch- oder Seeadler bedient?“, fragt sich Lemcke.

Horste

Wenn ja und wenn Altersbestimmungen dieser Gräten gelängen, würde dies genauere Aussagen über die Wiederbesiedlung des eisfreien Landes mit Bäumen zulassen – denn jene Greife bauen dort ihre Nester.

Entdeckt hat den Bau in den sechziger Jahren der regionale Naturschutzbeauftragte Heinrich Wollert. Auf 70 Metern Höhe und südwestexponiert war er früh über dem schmelzenden Gletscher eisfrei. Erste Baumeister waren Lemminge und Ziesel. Erst ein paar tausend Jahre später haben Dachse die Bauten übernommen und erweitert.

Das Bautensystem war stets dynamisch – was Forscher nicht nur begeistert: Dachse wühlen mit kräftigen krallenbewehrten Pfoten innerhalb ihrer Burg. Paläontologen sprechen hier von Bioturbation, die auch Funde in Schichten bringt, die nicht zu ihrem Alter gehören. Ständig graben jeweils aktuelle Generationen neue Wohnröhren und wühlen alte zu. Ihre Wohnkessel können schon einmal acht oder neun Meter unter der Oberfläche liegen.

So ist der Dachsbau während der Jahrtausende auch permanent gewandert. Die Art und Weise, wie der Bau angelegt ist, war aber ein Glücksfall. So konnten die Forscher bereits in den Grabungen ab 1968 die Querschnitte verfüllter fossiler Wohnröhren in Steilhängen erkennen. Der Hang wurde in Planquadratmetern angeschnitten, Sand und Knochen definiert aus diesen entnommen und letztlich in den Magazinen des Naturkundemuseums archiviert.

Man wisse aber noch nicht, „wie viel Zeit in einem verfüllten Dachsbau“ stecke. „Wurden einzelne Wohnröhren 100 oder 1000 Jahre genutzt und vor wie vielen Jahren?“ Müller setzt hier auf die laufenden Untersuchungen. Das Alter der einzelnen Wohnröhren ist relevant, darauf aufbauend können Knochenfunde einem Zeitabschnitt zugeordnet werden. „Wenn ich weiß, wie viel Zeit in einer Röhre steckt, dann kann ich die dort erhaltene Fauna im Idealfall einer bestimmten Klimaperiode zuordnen, also dem frühen Holozän vor 11 000 Jahren, dem warmen Atlantikum vor 6000 Jahren und so weiter.“ Dies erlaube es, „die Präsenz und Entwicklung der jeweiligen Arten durch die Zeit hinweg zu vergleichen“.

Steinzeitmenschen

Fundknochen bei den jüngsten Grabungen 2018 wurden im Unterschied zu den vorherigen Grabungen nicht alle zusammen aus einer Röhre abgetragen, sondern systematisch von oben nach unten, um diese zeitlich noch genauer datieren zu können. „Wenn wir sagen können, wie alt die Sedimente und die Knochen in den Wohnröhren sind, dann können wir Aussagen zu den dort gefunden Tierarten, zu deren Alter und auf die jeweiligen Ökosysteme ableiten.“

Und: In der Nähe liegt ein Werkplatz von Jungsteinzeitmenschen – mit Werkzeugen und zahllosen Abschlägen aus Feuerstein und den Resten von Feuern: Zusammen mit den Funden im Dachsbau könnte er Antworten auf die Frage liefern, inwiefern der Mensch bereits damals die Umwelt verändert hat und welche Folgen das für die Tierwelt hatte.

Dachse leben übrigens nach wie vor in diesem Bau. Unbeeinträchtigt von sämtlichen Grabungsaktivitäten führen sie die Familien- oder zumindest Speziestradition an diesem Ort fort. Lemcke unterstreicht, dass Traditionen und Zeiträume wie diese selten seien: „Das nächstjüngere mir bekannte Bausystem ist ein 5000 bis 6000 Jahre alter Fuchsbau in Norwegen.“

Termiten, Tölpel

Tatsächlich sind nachgewiesen uralte, durchgehend besiedelte Tierwohnungen rar. In Zentralafrika steht der älteste bewohnte Termitenbau, taxiert auf 2200 Jahre. Bei Fledermäusen gehen Forscher davon aus, dass diese manche Felshöhlen seit mehr als 10 000 Jahren für Winterschlaf oder Jungenaufzucht nutzen. Große Seevögel wie der Basstölpel brüten an steilen Felsen. Der älteste schriftliche Beleg für eine bis heute aktive Kolonie dieser Art stammt von der britischen Kanalinsel Lundy aus dem Jahre 1274.

So liegt die vielleicht älteste bekannte, noch aktive und aktiv von den Bewohnern gestaltete Tierwohnstätte weltweit unscheinbar im Sand bei Malchin.

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