Die Studierendenzahl steigt hierzulande immer weiter, im Schnitt um drei Prozent im Jahr. Foto: picture alliance / dpa/Jan Woitas
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Update OECD-Bericht „Bildung auf einen Blick“ Mehr Studierende, aber die Investitionen kommen nicht hinterher

Die Pro-Kopf-Ausgaben pro Studierendem sind in Deutschland wieder auf dem Stand von 2005, kritisiert die OECD. Lob gibt es für den hohen Ingenieurs-Anteil.


Immer mehr Menschen in Deutschland nehmen ein Hochschulstudium auf. Doch die staatlichen Ausgaben für die Hochschulen steigen nicht entsprechend, wie die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in ihrem Bericht „Bildung auf einen Blick“ kritisiert (den kompletten Bericht gibt es hier). Während Deutschland zwischen 2005 und 2010 noch massiv investierte, mit Investitions-Zunahmen von 24 Prozent gegenüber einem Anstieg der Studierenden von sieben Prozent, sah es in den vergangenen Jahren genau umgekehrt aus: Zwischen 2010 und 2016 stiegen die Ausgaben um zwölf Prozent, während die Studierendenzahl um 29 Prozent anstieg. Die Pro-Kopf-Ausgaben für einen Studierenden liegen damit wieder auf dem Stand von 2005.

„Im Bereich Hochschulen könnten wir noch etwas mehr tun“, sagt Alexander Lorz (CDU), Präsident der Kultusministerkonferenz, in Berlin bei der Präsentation der OECD-Studie. Die Organisation untersucht jedes Jahr den Stand der Bildung in ihren weltweit 36 Mitgliedsstaaten. In diesem Jahr legte sie ihren Fokus auf den sogenannten Tertiärbereich, der Fachschulen, Berufsakademien sowie Universitäten und Fachhochschulen umfasst.
In den entwickelten Ländern würden in den nächsten Jahren 14 Prozent der Jobs durch die Automatisierung entfallen, sagt OECD-Vize-Generalsekretär Ludger Schuhknecht. Hauptsächlich seien dies Jobs mit geringem Qualifikationsprofil, weshalb die höhere akademische und berufliche Bildung immer wichtiger würde.

Trotz der zurückgehenden Ausgaben pro Studierendem liegen die Ausgaben hierzulande mit 17 429 US-Dollar über dem OECD-Schnitt von 15 556 USD. Die Verteilung auf die verschiedenen Bereiche ist dabei aber unterschiedlich, wie die OECD anmerkt. Deutschland investiert 43 Prozent der Finanzmittel in Forschung und Entwicklung, was nach Schweden der zweitgrößte Anteil aller Länder ist. Die Ausgaben für grundlegende Bildungsgüter und -leistungen, also beispielsweise Ausstattung und Gebäude der Hochschulen, liegen im Tertiärbereich damit unter dem OECD-Schnitt (8866 USD gegenüber 10 351 USD). Insgesamt investiert Deutschland 4,2 Prozent seiner Wirtschaftsleistung in Bildung und liegt auch hier unter dem OECD-Schnitt von 5 Prozent des BIP.

Opposition kritisiert sinkende Pro-Kopf-Ausgaben

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) scheint in diesen Zahlen kein Problem zu sehen: „Ich glaube, dass wir eine gute Ausstattung an den Universitäten haben.“ Anders bewerten das die Grünen im Bundestag. Für Kai Gehring und Margit Stumpp sind die sinkenden Pro-Kopf-Ausgaben für Studierende ein „Warnzeichen“. Da die Nachfrage nach Studienplätzen weiterhin hoch bleiben werde, sei es überfällig, in eine bessere Ausstattung der Hochschulen zu investieren. „Es braucht eine Offensive für Sanierung und Neubau von Hochschulbauten“, heißt es in dem Statement. Ähnlich kritisch äußerten sich Vertreter der Linken im Bundestag und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.

Insgesamt ist die Zahl der Studierenden in Deutschland vergleichsweise stark gestiegen, zwischen 2005 und 2017 im Jahresdurchschnitt um drei Prozent. Im OECD-Schnitt war es ein Prozent. 2018 haben 32 Prozent der jungen Erwachsenen (25 bis 34 Jahre) in Deutschland einen Tertiärabschluss erworben, deutlich mehr als noch 2008, wo die Quote bei 24 Prozent lag. Trotzdem liegt der Anteil noch unter dem OECD-Schnitt von 44 Prozent. Die OECD erklärt dies – wie auch in den Vorjahren – mit dem starken Berufsausbildungssystem in Deutschland. Überdurchschnittlich viele Erwachsene mit Hochschulbildung haben jedoch einen Master-Abschluss oder eine Promotion vorzuweisen, nämlich 44 Prozent. Der OECD-Durchschnittswert liegt hier bei 34 Prozent.

Deutschland ist Spitzenreiter bei der MINT-Bildung

Und was studieren die Menschen in Deutschland? MINT-Fächer sind beliebt, 35 Prozent der Erwachsenen mit Tertiärbildung haben einen Abschluss in diesen Fachrichtungen. Im OECD-Schnitt sind es 25 Prozent. Deutschland wird dabei seinem Ruf als Ingenieurnation gerecht: Ein besonders hoher Anteil studiert Ingenieurswesen, Fertigung und Bauwesen (26 Prozent), nur in Österreich ist dieser Anteil noch höher. Was die Studienanfänger angeht, liegt Deutschland sogar an der Spitze: 40 Prozent der Anfänger im Tertiärbereich entschieden sich 2017 für einen MINT-Studiengang, mehr als in allen anderen OECD-Ländern. „Es freut mich sehr, dass Deutschland in MINT-Bildung Spitzenreiter ist“, sagt Karliczek. In Zeiten der Digitalisierung müsse MINT-Bildung zum zentralen Teil der Bildung werden. Die Geschlechtergerechtigkeit ist hierbei noch immer eine Herausforderung: In den MINT-Fächern sind Frauen in Deutschland im Bachelor mit 30 Prozent unterrepräsentiert, im Master allerdings steigt die Quote auf fast 50 Prozent. „Wir wollen es schaffen, junge Frauen stärker für MINT-Bildung und Berufe zu begeistern“, sagt Karliczek.

Diese Fächer zu studieren, lohnt sich: Erwachsene mit einem Abschluss im Ingenieurswesen sind zu 91 Prozent beschäftigt und verdienen 116 Prozent mehr als Erwachsene mit einem berufsbildenden Abschluss, einer der höchsten Lohnvorteile in allen OECD-Ländern. Dagegen sind Erwachsene, die einen Studienabschluss in Kunst, Geisteswissenschaften oder Sozialwissenschaften erworben haben, zu 86 Prozent beschäftigt, verdienen aber nur 33 Prozent mehr als Erwachsene mit einem Abschluss im dualen Ausbildungssystem.

Frauen verdienen deutlich weniger als Männer

Die Beschäftigungsrate von höher gebildeten beziehungsweise ausgebildeten Menschen in Deutschland ist insgesamt gestiegen, von 78 Prozent 2008 auf 84 Prozent 2018 – enthalten sind hier auch Menschen, die Abitur gemacht haben und noch nicht berufstätig sind. Ein Uni-Abschluss macht sich in Deutschland weiterhin bezahlt: Erwachsene mit Bachelor-Abschluss verdienen 39 Prozent mehr als Erwachsene mit einer abgeschlossenen dualen Ausbildung. Im OECD-Schnitt liegt die Differenz bei 31 Prozent.

Das deutsche Berufsbildungssystem zieht mehr Männer als Frauen an. 2018 waren 40 Prozent der Absolventen von beruflichen Bildungsgängen Frauen und damit durchschnittlich weniger als in den anderen OECD-Ländern (46 Prozent). Bei Uni-Abschlüssen halten sich Frauen und Männer hierzulande etwa die Waage, während in den anderen Ländern Frauen fast durchweg häufiger Bachelor- oder Masterabschlüsse erwerben als Männer.
Immer noch verdienen Frauen deutlich weniger als Männer, auch in Deutschland. Frauen mit dualer Berufsausbildung im Alter von 25 bis 44 verdienen im Schnitt 85 Prozent des Gehalts der Männer, bei Frauen mit Hochschulabschluss sind es nur 72 Prozent. Die OECD erklärt sich diese Unterschiede damit, dass Frauen generell in geringer entlohnten Bereichen studieren und arbeiten. Weiterhin würden sie sich vermehrt für Teilzeitarbeit „entscheiden“, wie es in dem Bericht heißt.

Im Jahr 2017 arbeiteten 31 Prozent der erwerbstätigen Frauen mit Hochschulabschluss in Teilzeit, weit mehr als der OECD-Schnitt von 24 Prozent. Die OECD sieht deshalb Maßnahmen für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie als sinnvoll an. Auch Anreize, „die Auszeiten zur Kindererziehung für beide Geschlechter in ähnlicher Weise attraktiv zu machen“, seien ein Mittel, um den Pay Gap zu schließen.

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