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Die Umzugskartons sind noch immer nicht ausgepackt

Grafik: Anna Schmidt
Nobelpreis-Kandidatin Charpentier aus Berlin "Ich lebe noch immer wie ein Student"

In der entscheidenden Veröffentlichung im Fachblatt „Science“, in der das Prinzip der universell nutzbaren Crispr-Cas9-Genschere am 17. August 2012 vorgestellt wurde, ist Jennifer Doudna Koautorin, aber Sie werden doch offiziell als einzige Hauptautorin genannt?

Richtig. Aber ich habe immer die Sache und die gemeinsame Leistung des Forscherteams und nicht meine Person in den Vordergrund gestellt. Mittlerweile habe ich gelernt, dass die Medien auch an den Personen hinter den Forschungsergebnissen interessiert sind.

Das Verhältnis zu Jennifer Doudna ist gut?

Ja, wir treffen uns regelmäßig bei Preisverleihungen und sind wirklich „gesegnet“, für unsere Forschung so viel Anerkennung zu bekommen. Das kostet allerdings so viel Zeit, dass es derzeit meine größte Herausforderung ist, Wissenschaftlerin zu bleiben und nicht nur Crispr, sondern auch meine anderen Forschungsprojekte zu verfolgen, die mir genauso am Herzen liegen.

Aufgrund ihrer Forschungen an der Crispr-Genschere werden sie als eine der nächsten Nobelpreisträgerinnen gehandelt und könnten an berühmten und reichen Institutionen wie dem Broad-Institut, der Stanford- oder der Harvard-Universität arbeiten. Warum sind Sie trotzdem nach Berlin gegangen?

Die finanziellen Bedingungen bei der Max-Planck-Gesellschaft sind ausgezeichnet. Wir haben hier alle Möglichkeiten, um Grundlagenforschung zu betreiben und Projekte zu verfolgen, die nur von Neugier getrieben sind. Der Umzug von Braunschweig nach Berlin war anstrengend, aber hat mein Forschungsteam nicht zu sehr beeinträchtigt. Allerdings hatten wir ein paar Probleme zu klären.

Sind diese Probleme womöglich der Grund dafür, dass Ihre Umzugskartons noch immer unausgepackt im Büro stehen?

Ja, es ist immer alles „auf dem Sprung“. Das zehrt an den Kräften, zumal das bei mir seit 25 Jahren so ist. Immer ist irgendetwas unausgepackt. Diesmal dauert das Auspacken allerdings besonders lang.

Bedeutet das, dass Berlin nur eine Zwischenstation ist?

Die Max-Planck-Gesellschaft ist weltweit bekannt als eine Institution, die Wissenschaftler großzügig ausstattet und nachhaltige und freie Grundlagenforschung ermöglicht. Aber Geld ist nicht alles. Auch die Organisation eines Instituts und das wissenschaftliche Umfeld sind wichtige Faktoren, um innovative und wettbewerbsfähige Forschung zu fördern. In Europa gibt es da mancherorts eine Neigung zum Konservatismus.

Inwiefern konservativ?

Ich muss sagen, dass ich das deutsche System noch nicht gut genug kenne. Aber in anderen Ländern wie Österreich oder Schweden sind Institute gut organisiert – mit weniger Bürokratie und Einschränkungen als hier.

Wenn Sie mit der Bürokratie hadern, warum sind Sie dann von Schweden ausgerechnet nach Deutschland gewechselt?

Wenn man etwas Aufregendes machen will, dann muss man sich in eine herausfordernde Situation begeben, ein Risiko eingehen. Deshalb bin ich von Wien nach Umeå in Schweden gegangen. Ich hatte ein gutes Gefühl, denn die Idee, mich mehr auf die Details des Mechanismus von Crispr-Cas9 zu konzentrieren, entstand während meiner Verhandlungen mit Schweden. Dort erhoffte ich mir, meine wissenschaftliche Nische zu finden. Als ich 2013 nach Braunschweig wechselte, war das Ziel ein ganz anderes. Da war schon klar, dass aus der Crispr-Sache etwas Großes werden wird, und dazu brauchte ich eine langfristige Forschungsmöglichkeit. Die Helmholtz-Gemeinschaft und die Alexander-von-Humboldt-Stiftung boten mir eine Unterstützung an, die besser war als andere Angebote.

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