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Russland droht, die Internationale Raumstation (ISS) nicht mehr zu unterstützen, doch die Frage ist, wie lange der Westen angesichts von Kriegsverbrechen noch eine Zusammenarbeit verantworten will. Foto: REUTERS
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Update Nicht ganz auf Distanz zu Russland So reagieren die Forschungsorganisationen auf Butscha

Von der ISS bis zum Superlaser XFEL – nicht jede Kooperation mit Russland können oder wollen die Forschungsorganisationen stoppen.

Nach dem Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine haben die deutschen Forschungseinrichtungen sich rasch positioniert: Kooperationen mit Institutionen in Russland wurden weitgehend gestoppt, als politisches Signal und um den Transfer von Geld oder Technik in das Land zu unterbinden.

Doch es gibt Projekte, wo Russlands Beteiligung durch internationale Verträge festgeschrieben ist.

Dazu gehören der Beschleuniger „Fair“ (Facility for Antiproton and Ion Research), der zurzeit in Darmstadt gebaut wird, die European X-Ray Free-Electron Laser Facility (XFEL) in Hamburg sowie die Internationale Raumstation.

Angesichts des Kriegsverlaufs, insbesondere der Gräueltaten russischer Truppen, die zunehmend bekannt werden, wird auch in der Wissenschaft diskutiert, ob und wie die Partnerschaft mit Russland fortgeführt werden kann.

Auf Anfrage erklärt das Bundesforschungsministerium (BMBF), es komme seinen völkerrechtlichen Verpflichtungen weiterhin nach, dies gelte auch für XFEL und Fair.

„Die weitere Umsetzung dieser Verträge stimmen wir angesichts des russischen Angriffs auf die Ukraine mit unseren internationalen Partnern und unter Berücksichtigung der rechtlichen Rahmenbedingungen ab“, heißt es.

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Aus dieser Abstimmung ging beispielsweise hervor, dass am XFEL keine neuen Abkommen mit russischen Instituten begonnen werden und bestehende suspendiert wurden. Dies teilte das XFEL-Managements am 24. März mit.

Aktueller Betrieb auch ohne russischen Beitrag möglich, aber langfristig fehlt Geld

Doch Russland ist weiterhin Mitgliedsstaat bei dem Großgerät, mit Deutschland und zehn weiteren Nationen. Sie finanzieren den Betrieb und bestimmen unter anderem die Forschungsausrichtung.

„Es gibt Überlegungen, die russische Mitgliedschaft zu suspendieren“, sagt XFEL-Sprecher Bernd Ebeling. Das liege jedoch in den Händen der Gesellschafter, was für Deutschland das BMBF ist.

Sollte es zu diesem Schritt kommen, müssen auch die Betriebskosten gesichert werden. Der russische Anteil beträgt rund ein Viertel und liegt für 2022 bei rund 37 Millionen Euro. „Aktuell können wir den Betrieb aus Rücklagen decken“, sagt Ebeling. Mittelfristig müsse dieser Anteil ersetzt werden.

In die Röhre geschaut. Der European XFEL-Röntgenlaser gehört zu den Projekten, bei denen Russlands Beteiligung durch internationale Verträge festgeschrieben ist. Foto: picture alliance / dpa Vergrößern
In die Röhre geschaut. Der European XFEL-Röntgenlaser gehört zu den Projekten, bei denen Russlands Beteiligung durch internationale Verträge festgeschrieben ist. © picture alliance / dpa

Bei Fair in Darmstadt ist die russische Beteiligung weitreichender. Der Beschleuniger wird noch gebaut, vom Partnerland im Osten sollen wichtige Komponenten kommen.

Mitte März wurde jegliche Zusammenarbeit mit staatlichen Institutionen und Wirtschaftsunternehmen in Russland eingestellt. Auch hier gilt, dass die weitere Umsetzung des „Völkerrechtlichen Übereinkommens über den Bau und Betrieb einer Einrichtung für die Forschung mit Antiprotonen und Ionen in Europa“ mit den internationalen Partnern abgestimmt werde.

Aktuell sei die Zusammenarbeit mit dem russischen Shareholder bei Fair eingefroren sei, erklärt Ingo Peter, Sprecher des GSI Helmholtz-Zentrums für Schwerionenforschung und der Fair GmbH, auf Anfrage.

Sie betreffe auch die geplanten und laufenden Komponentenfertigungen in Russland. Die Teile, beispielsweise Magnete, könnten auch von Firmen in Europa hergestellt werden, sagt der Sprecher.

„Fair bereitet hierfür Alternativlösungen vor, die jedoch prozessbedingt nicht ohne Verzögerungen und Mehrkosten im Fair-Projekt einhergehen können.“ Bereits jetzt hat der Bau mehrere Jahre Verzug, die Kosten stiegen auf mehr als drei Milliarden Euro.

Politisch bedrohten Wissenschaftlern aus Russland, so Peter weiter, würden weiterhin „Türen offengehalten“. Den Menschen, die GSI/Fair in langjähriger Arbeit verbunden sind, werde beigestanden.

Esa prüft „Einfluss der geopolitischen Situation" auf Weiterbetrieb der ISS

Ein weiteres prominentes Beispiel andauernder Zusammenarbeit ist die Internationale Raumstation ISS. Dmitri Rogosin, Chef der russischen Raumfahrtagentur Roskosmos, hat wiederholt gedroht, die Kooperation einzustellen.

Bislang erfolgten aber keine konkreten Schritte. Der andere große Partner, die Nasa, hält ebenfalls daran fest. Vor dem Space Symposium, das gerade in Colorado Springs stattfindet, sagte die Vize-Administratorin der Nasa, der Stationsbetrieb laufe weitgehend unbeeinflusst und sie sei zuversichtlich, dass er bis 2030 fortgeführt werde.

Auf dem Symposium sind etliche Entscheider versammelt, auch von der europäischen Raumfahrtagentur Esa, die unmittelbar an der ISS beteiligt ist, sowie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), das über Beiträge zur Esa das Projekt mitfinanziert und die Station nutzt.

Seit November ist der Astronaut Matthias Maurer auf der ISS und soll dort über 100 Experimente durchführen, davon 36 mit deutscher Beteiligung. Die Teilnehmer in Colorado Springs sprechen auch über die Zukunft der Raumstation.

Auf Nachfrage des Tagesspiegels bei Esa und DLR, ob die jüngsten Kriegsverbrechen Anlass seien, den Fortbestand der ISS-Kooperation mit Russland zu überdenken und gegebenenfalls zu beenden, teilte die Esa mit, dass es den „Einfluss der geopolitischen Situation auf Esa-Programme“ auf der nächsten Esa-Rats-Sitzung am 13. April diskutieren und dann ein Update veröffentlichen werde.

Das DLR jedenfalls will an der Partnerschaft festhalten. „Die ISS steht noch immer für die internationale, wissenschaftlich-technische  Kooperation und zeigt, was die Menschheit erreichen kann, wenn wir über Grenzen hinweg zusammen arbeiten", sagt Walther Pelzer, Mitglied des DLR-Vorstandes und Chef der Deutschen Raumfahrtagentur im DLR.

"Wir hoffen für die Zukunft, dass wir aus dieser friedlichen Zusammenarbeit im Erdorbit für uns hier unten auf der Erde lernen können."

Und weiter: "Der Aufbau der ISS verpflichtet zur konsequenten Zusammenarbeit, denn niemand der ISS-Partner kann ohne den anderen dieses größte technologische Projekt der Menschheit betreiben. Der Schub kommt von Russland, die Energieversorgung erfolgt durch die USA.“

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