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Der Träumer taucht mit allen Sinnen in eine neue Realität ein

Neurowissenschaft Die Kunst des Klartraums

Die Erlebnisse im Klartraum sind so intensiv, als ob sie Wirklichkeit wären. Das unterscheidet den luziden Zustand vom Tagtraum, dessen Fantasiebilder blasser als echte Sinneseindrücke erscheinen, und von einem Kinofilm, der nur auf einem Stück Leinwand zweidimensional an uns vorüberzieht. Und auch von einem Computerspiel, das wir ebenfalls nur in einem Ausschnitt unseres Blickfelds erleben. Im Klartraum taucht man mit allen Sinnen in eine selbst erzeugte Realität ein. Als sich Richard Feynman im Eisenbahnwagen umdrehte, schien sich der Raum hinter seinem Rücken fortzusetzen. In einem anderen Klartraum experimentierte er mit einem Reißnagel, der in einem Türrahmen steckte. Wenn er mit seinen Fingern über die Zarge strich, konnte er ihn spüren. Ebenso empfinden Klarträumer heiß und kalt, trocken und nass.

Der britische Psychologe Hugh Callaway hat die Intensität solcher Erlebnisse eindringlich beschrieben: „Die Qualität des Traumes veränderte sich auf eine Weise, die man nur sehr schwer jemandem mitteilen kann, der dieses Erlebnis noch nie hatte. Sofort nahmen Klarheit und Lebendigkeit hundertfach zu. Das Meer, der Himmel und die Bäume hatten noch nie solch eine zauberhafte Schönheit ausgestrahlt; selbst die gewöhnlichen Häuser waren von innerem Leben erfüllt und auf eine mystische Art schön. Nie habe ich mich so wohlgefühlt, so klar im Kopf, und so frei.“

Ein eigenartiger Zwitter aus Schlafen und Wachen

Die neuen Messungen bestätigen solche Berichte. Im Klartraum können Menschen überklar sehen, weil bestimmte Areale am seitlichen Hinterkopf, die zur bewussten Wahrnehmung von Bildern beitragen, außergewöhnlich aktiv sind. Denn der luzide Zustand ist ein eigenartiger Zwitter aus Schlafen und Wachen; er kommt durch eine besondere Konstellation aktiver und abgeschalteter Hirnzentren zustande.

Wenn der Klartraum einsetzt, beschleunigen sich die Wellen der elektrischen Hirnströme bis auf 40 Schwingungen pro Sekunde. Das ist die Frequenz, die diese Wellen auch tagsüber haben. Das Wachbewusstsein bricht in den Schlaf ein. Und das nachts normalerweise heruntergeregelte Stirnhirn, der präfrontale Kortex, erwacht. Dadurch kann der Träumer kritisch denken und seine Aufmerksamkeit lenken. Er gewinnt ein anderes Gefühl für sich selbst als im Traum üblich; während man sonst blindlings Ziele verfolgt und das Wissen um die eigene Identität allenfalls aufblitzt, ist das Ich im Klartraum fast durchgehend präsent. Es kann seinen eigenen Zustand analysieren und erkennt plötzlich: Meine Güte, ich träume!

Einige der schönsten Berichte, die je über Klarträume verfasst wurden, stammen von Mary Arnold-Forster, einer Londoner Schriftstellerin, die in ihrer langen Lebenszeit von 1861 bis 1951 ihren nächtlichen Geisteszustand ausführlich erforschte. Sie erzählt, zu welch verwickelten Gedanken der Verstand im Klartraum imstande ist. Als Tochter des viktorianischen Zeitalters bemühte sich Arnold-Forster sogar, im luziden Traum den Anstand zu wahren.

In einem Flugkleid über der Straße schweben

„Ich sehe mich jetzt immer in meinem Flugkleid – einem Kleid mit dichten, eng anliegenden Falten, die bis mindestens eine Handbreit unter meine Fußsohlen fallen. Als ich nämlich einmal etwas über dem Boden durch belebte Straßen schwebte, dachte ich, es müsse den Menschen auffallen, dass sich meine Füße anders als die ihren bewegen. In der Oxford Street, wo sich viele Leute auf dem Bürgersteig drängten, fürchtete ich, dass ich damit unangenehmes Aufsehen erregen würde“, schrieb sie.

Klarträume beginnen fast immer damit, dass dem Schlafenden eine Unstimmigkeit auffällt. Hugh Callaway erlebte das Meer, den Himmel und die Bäume in einer nie dagewesenen Schönheit, nachdem er sich eines Morgens auf dem Bürgersteig vor seinem Haus stehen sah und bemerkte, dass die Gehwegplatten anders lagen als sonst. Da über Nacht kaum Pflasterer angerückt sein konnten, wurde er sich der einzig möglichen Erklärung bewusst: Es ist ein Traum.

Normalerweise gehen wir an den Merkwürdigkeiten im Traum achtlos vorüber. Eine wirksame Methode, Klarträume herbeizuführen, besteht deshalb darin, tagsüber sein Bewusstsein für Absonderlichkeiten zu schärfen. Das Training besteht einfach darin, sich möglichst oft während des Tages die Frage zu stellen: „Wache ich oder träume ich?“ Entscheidend ist, die Antwort nicht nur zu geben, sondern auch zu begründen. Man kann zum Beispiel nachprüfen, wie es gerade um die eigene Erinnerung steht, ob man sich fest mit der Erde verbunden fühlt oder fliegt, oder ob eine Wand nachgibt, wenn man sich gegen sie lehnt. Und was geschieht, wenn Sie kurz den Blick abschweifen lassen? Sieht dann noch alles aus wie zuvor, oder sind Menschen aus dem Nichts aufgetaucht, Dinge verschwunden?

Das Ziel ist, den Realitätstest so sehr zur Gewohnheit zu machen, dass Sie ihn automatisch ausführen, und zwar buchstäblich im Schlaf. Wenn sich dann, nach ein paar Wochen Übung, bei einer solchen nächtlichen Routineprüfung herausstellt, dass Ihre Hand sechs Finger hat oder Ihr Gesprächspartner schwebt, liegt der Fall klar: Sie sind in einer Traumwelt erwacht.

Auf dem Rücken kam man nicht fliegen

Erstaunlicherweise erfüllen sogar Tests ihren Zweck, die einigen Gedankenaufwand verlangen. Einmal sah ich mich in einem Düsenjet sitzen, der auf dem Rücken flog, und hatte entsprechende Angst. Da schien sich mein Physikerverstand zu regen. Mir ging auf, dass ein Flugzeug keinen Moment so in der Luft bleiben könnte, weil die Strömung an den Tragflächen abrisse. Nun wusste ich, dass die Sache harmlos war, weil ich träumte – und genoss den wilden Flug.

Die Helden im Hollywood-Kultfilm „Inception“ wiederum haben sich an den Umgang mit besonderen Gegenständen, „Totems“ genannt, gewöhnt. So setzt Leonardo DiCaprio als Dominick Cobb immer wieder einen kleinen Kreisel in Gang. Fällt das Spielzeug um, ist Cobb offenbar wach; dreht es sich endlos weiter, weiß er, dass er träumt.

Viele luzide Träumer nutzen diese Einsichten, um das Geschehen zu lenken. So können sie sich in der virtuellen Realität alle erdenklichen Wünsche erfüllen. Aber nicht in jedem Klartraum ist uns solche Gestaltungsfreiheit vergönnt. Ich selbst habe oft nur staunend und voll Spannung die Schönheit der Traumbilder bewundert – kam aber nicht einmal auf die Idee, sie zu verändern.

Regt man das Gehirn elektrisch an, entstehen Klarträume

Im Mai 2014 erregte die Frankfurter Psychologin Ursula Voss mit der Nachricht Aufsehen, dass sich luzide Zustände durch eine elektrische Anregung des Gehirns im Schlaf gezielt auslösen lassen. Die Frequenz des Stroms betrug 40 Schwingungen pro Sekunde; sie entsprach also den Hirnwellen während des Klarträumens und im Wachzustand. Und als hätten die Windungen des Stirnhirns nur auf diesen Impuls gewartet, verfielen die Träumer wirklich in einen luziden Zustand. Ihre Gehirne gaben alle entsprechenden elektrischen Signale von sich, und weckte man die Schläfer nach ein paar Minuten, berichteten sie von einem Klartraum.

Stellte Voss hingegen eine andere Frequenz ein oder schaltete sie das Gerät ab, blieben die Klarträume aus. Zweifellos hatten also die 40-Hertz-Schwingungen den besonderen Bewusstseinszustand ausgelöst. Ohne den Traum zu unterbrechen, aktivierten sie genau die Regionen des Großhirns, die für Handlungskontrolle und bewusste Erinnerung zuständig sind. So konnten die Versuchspersonen die Kontrolle über ihre Träume erlangen.

Zum ersten Mal ist es damit gelungen, Menschen gezielt in jenen Grenzbereich zu führen, wo sich wache Vernunft mit dem unbegrenzten Erfindungsreichtum des Träumens verbindet. Dieser Erfolg verspricht nicht nur neue Trainingsmethoden oder wirkungsvollere Psychotherapien, sondern könnte ungeahnte schöpferische Kräfte im Menschen freisetzen. Werden wir noch fernsehen, ins Kino gehen oder reisen, wenn wir erst die Möglichkeit haben, uns auf Knopfdruck im Schlaf jedes ersehnte Erlebnis zu verschaffen? Tüftler denken bereits darüber nach, eine brauchbare Klartraummaschine in Serie fertigen zu lassen.

Der Autor hat ein Buch zum Thema veröffentlicht: Stefan Klein: Träume. Eine Reise in unsere innere Wirklichkeit. S. Fischer, Frankfurt am Main, 2014. 320 Seiten, 19,99 Euro.

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